„Also“, sagt da Sepp beim Sonntagskaffee, „i war beim Spanier.“
Onkel Franz legt die Zeitung weg.
„Paella?“
„Später.“
„Tapas?“
„Viele.“
„Sangria?“
Sepp hebt die Hand.
„Franz.“
„Was?“
„Wir gehen der Reihe nach.“
Der Tisch lacht.
„Wie kam’s?“
„Mein Nachbar sagt: ‚Sepp, jetzt waren wir italienisch und griechisch. Jetzt gehen wir spanisch.‘“
„Und du?“
„I sag: ‚Freili.‘“
„Man muss Europa zusammenhalten.“
Gelächter.
„Dann kommt ihr rein.“
„Ja.“
„Schön?“
„Sehr.“
„Terrakotta?“
„Ja.“
„Bilder von Barcelona?“
„Ja.“
„Schinken an der Decke?“
Sepp zeigt auf Onkel Franz.
„Genau da wurde es interessant.“
Der Tisch lacht.
„Jamón.“
„Ja.“
„Serrano?“
„Auch.“
„Ibérico?“
„Der bessere.“
„Und teurere.“
Sepp nickt langsam.
„Das hab i an der Karte gemerkt.“
Gelächter.
„Der Kellner kommt.“
„Sehr freundlich.“
„Hola?“
„Hola.“
„Und du?“
„Servus.“
„Natürlich.“
„I bleib meiner Linie treu.“
Der Tisch lacht.
„Dann Karte.“
Sepp wird ernst.
„Tapas.“
„Ja.“
„Raciones.“
„Größere Portionen.“
„Media ración.“
„Halbe Portion.“
„Pinchos.“
„Kleine Häppchen.“
Sepp schaut in die Runde.
„I wollt essen und war wieder in einer Maßeinheitenprüfung.“
Gelächter.
„Was sagt der Kellner?“
„‚Zum Teilen?‘“
„Typisch.“
„I sag: ‚Was genau?‘“
„Alles.“
„So ungefähr.“
Der Tisch lacht.
„Dann Brot.“
„Pan con tomate?“
„Genau.“
„Geröstetes Brot, Tomate, Olivenöl.“
„Ja.“
Sepp nickt anerkennend.
„Sehr gut.“
„Einfach.“
„Das sagst du.“
„Was war?“
„Mein Nachbar sagt: ‚Da ist Knoblauch dran.‘“
„Ja.“
„Seit dem Griechen bin i vorsichtig.“
Gelächter.
„War viel dran?“
„Genug, dass i wusste: Der Abend nimmt wieder Fahrt auf.“
Der Tisch lacht.
„Dann Oliven.“
Sepp hebt warnend den Finger.
„Mit Stein.“
„Natürlich.“
„Diesmal wusste i’s.“
„Fortschritt.“
„I bin lernfähig.“
Gelächter.
„Dann Jamón.“
„Sehr dünn geschnitten.“
„Fast durchsichtig.“
„Genau.“
„Und?“
Sepp nimmt imaginär eine Scheibe zwischen zwei Finger.
„I hab erst gedacht: Für die Portion hätten sie das Schwein nicht extra anfangen müssen.“
Gelächter.
„Aber?“
„Sehr gut.“
„Nussig.“
„Ja.“
„Salzig.“
„Ja.“
„Schmilzt fast.“
„Ja.“
Sepp nickt.
„Da versteht man plötzlich, warum die den Schinken im Raum ausstellen.“
Der Tisch lacht.
„Dann Tortilla.“
„Spanisches Omelett.“
„Mit Kartoffeln.“
„Genau.“
„Und Zwiebeln?“
Onkel Franz zuckt mit den Schultern.
„Große Glaubensfrage.“
Sepp schaut irritiert.
„Wegen Zwiebeln?“
„In Spanien wird darüber diskutiert.“
„Mit oder ohne.“
„Ja.“
Sepp lehnt sich zurück.
„Sehr sympathisch.“
„Warum?“
„Endlich ein Land, das die wichtigen Fragen klärt.“
Gelächter.
„Welche hattet ihr?“
„Mit.“
„Gut?“
„Sehr.“
„Dann Patatas bravas.“
Sepp nickt begeistert.
„Kartoffeln kann i.“
„Mit scharfer Sauce.“
„Das stand nicht groß genug dabei.“
„Bravas.“
„Ja.“
„Heißt ungefähr wild oder mutig.“
Sepp schweigt kurz.
„Hätte man übersetzen können.“
Der Tisch lacht.
„Zu scharf?“
„Das erste Stück ging.“
„Und das zweite?“
„Das zweite hat nachgelegt.“
„Und das dritte?“
Sepp nimmt imaginär ein Glas.
„Da war i schon beim Wasser.“
Gelächter.
„Dann Croquetas.“
„Kroketten.“
„Dachte i.“
„Sind anders.“
„Sehr.“
„Cremig innen.“
„Ja.“
„Mit Schinken?“
„Jamón.“
„Natürlich.“
Sepp nickt.
„Außen knusprig, innen weich.“
„Und heiß.“
Sepp zeigt auf Onkel Franz.
„Sehr heiß.“
„Wieder zu schnell?“
„Franz.“
„Schon gut.“
„I bin beim Käse beim Griechen nur zwei Sekunden vorsichtiger geworden. Das reicht offenbar nicht für Spanien.“
Der Tisch lacht.
„Dann Gambas al ajillo.“
„Garnelen in Knoblauchöl.“
Sepp schließt kurz die Augen.
„Die kamen in einer kleinen Tonschale.“
„Brutzelnd?“
„Brutzelnd.“
„Mit Knoblauch?“
„Franz.“
„Viel?“
„Der Koch hatte keine Angst.“
Gelächter.
„Gut?“
„Sehr gut.“
„Brot ins Öl?“
„Natürlich.“
„Siehst du.“
„Da hab i verstanden, warum vorher Brot kam.“
Der Tisch lacht.
„Dann Pimientos de Padrón.“
Sepp wird ernst.
„Da wurde es gefährlich.“
„Warum?“
„Kleine grüne Paprika.“
„Ja.“
„Die meisten mild.“
„Ja.“
„Manche scharf.“
„Genau.“
Sepp schaut in die Runde.
„Warum macht man Essen zum Glücksspiel?“
Gelächter.
„Das gehört dazu.“
„Mein Nachbar sagt auch: ‚Meistens passiert nix.‘“
„Und?“
„Erstes mild.“
„Zweites?“
„Mild.“
„Drittes?“
Sepp nimmt einen Schluck Kaffee.
„Feuerwehr.“
Der Tisch lacht.
„So scharf?“
„I hab plötzlich jedes Detail vom Restaurant sehr klar gesehen.“
Gelächter.
„Dann hast aufgehört?“
Sepp schaut empört.
„Natürlich nicht.“
„Warum?“
„Jetzt wollt i wissen, ob das nächste wieder normal ist.“
Der Tisch lacht.
„War’s?“
„Ja.“
„Glück gehabt.“
„Wissenschaft.“
Gelächter.
„Dann Pulpo.“
„Oktopus.“
„Genau.“
„Pulpo a la gallega?“
„Mit Paprika und Kartoffeln.“
„Ja.“
„Wie war’s?“
Sepp denkt nach.
„Besser als erwartet.“
„Was hast erwartet?“
„Dass i länger kauen muss.“
Der Tisch lacht.
„War zart?“
„Sehr.“
„Dann alles gut.“
„Ja.“
„Bis mein Nachbar sagt: ‚Wir könnten noch zwei Tapas bestellen.‘“
Der Tisch lacht schon.
„Und?“
Sepp schaut auf den imaginären Tisch.
„I hab gefragt, wo.“
„Wo was?“
„Wo die Teller noch hin sollen.“
Gelächter.
„Beim Griechen war der Tisch schon voll.“
„Beim Spanier auch.“
„Unterschied?“
Sepp überlegt.
„Beim Griechen kommen große Teller.“
„Ja.“
„Beim Spanier kommen kleine Teller.“
„Ja.“
„Aber dafür viermal so viele.“
Der Tisch lacht.
„Dann Paella?“
„Ja.“
„Trotz Tapas?“
„Mein Nachbar hatte reserviert und die Paella vorbestellt.“
Onkel Franz schaut ihn an.
„Sepp.“
„I wusste das nicht.“
Gelächter.
„Welche?“
„Mit Meeresfrüchten.“
„Paella de marisco.“
„Genau.“
„Kam in großer Pfanne?“
Sepp breitet beide Arme aus.
„Sehr großer Pfanne.“
„Für zwei?“
„Stand so auf der Karte.“
„Und?“
„Die zwei müssen in Spanien anders gebaut sein.“
Der Tisch lacht.
„Reis gut?“
„Sehr.“
„Safran?“
„Ja.“
„Muscheln?“
„Ja.“
„Garnelen?“
„Ja.“
„Tintenfisch?“
„Ja.“
Sepp zeigt auf die Pfanne, die es nicht gibt.
„Da war das Mittelmeer einmal komplett durchsortiert.“
Gelächter.
„Und unten Socarrat?“
„Was?“
„Die knusprige Reisschicht am Pfannenboden.“
Sepp wird aufmerksam.
„Das war Absicht?“
„Ja.“
„Sehr gut.“
„Siehst du.“
Sepp nickt zufrieden.
„I wollt schon sagen, der Reis hängt an.“
Der Tisch lacht.
„Dann Getränk.“
„Rotwein.“
„Rioja?“
„Ja.“
„Sehr gut.“
„Und Sangria?“
Sepp räuspert sich.
„Später kam eine Karaffe.“
„Natürlich.“
„Mit Obst.“
„Ja.“
„Orange.“
„Ja.“
„Zitrone.“
„Ja.“
„Und Wein.“
„Ja.“
Sepp schaut in die Runde.
„Das Getränk sieht aus wie Obstsalat und benimmt sich ganz anders.“
Gelächter.
„Süß?“
„Gefährlich angenehm.“
„Also gut.“
„Sehr.“
„Dann Dessert.“
Sepp seufzt.
„Natürlich.“
„Crema catalana?“
„Ja.“
„Mit karamellisierter Zuckerkruste.“
„Genau.“
„Und?“
Sepp klopft imaginär mit dem Löffel auf die Oberfläche.
„Erst musst du die Decke aufbrechen.“
„Ja.“
„Dann Creme.“
„Ja.“
Sepp nickt.
„Dessert mit Baustellencharakter.“
Der Tisch lacht.
„Geschmeckt?“
„Sehr.“
„Churros auch?“
„Mein Nachbar.“
„Mit Schokolade?“
„Ja.“
„Probiert?“
Sepp schaut Onkel Franz lange an.
„Wir betreiben kulinarische Forschung.“
Gelächter.
„Wie war’s?“
„Frittiert.“
„Ja.“
„Zucker.“
„Ja.“
„Schokolade.“
„Ja.“
Sepp nickt anerkennend.
„Sehr schwieriges Konzept zu ruinieren.“
Der Tisch lacht.
„Dann Kaffee.“
„Café solo.“
„Klein und stark.“
„I kenn das inzwischen.“
„Vom Italiener.“
„Genau.“
„Diesmal nachts wieder?“
„Ja.“
Onkel Franz schüttelt den Kopf.
„Du lernst auch selektiv.“
Gelächter.
„Dann Rechnung.“
„La cuenta, por favor.“
Sepp strahlt.
„Des konnte i.“
„Vorher gelernt?“
„Mein Nachbar hat’s mir gesagt.“
„Und der Kellner verstanden?“
„Sofort.“
„Sehr gut.“
Sepp nickt stolz.
„Mein Spanisch hat finanzielle Reichweite.“
Der Tisch lacht.
„Rechnung hoch?“
„Nicht ohne.“
„Viele Teller.“
„Sehr viele.“
„Aber geteilt.“
„Genau.“
Sepp überlegt.
„Das ist das Raffinierte.“
„Was?“
„Du bestellst dauernd Kleinigkeiten.“
„Ja.“
„Und am Ende hast du ein großes Abendessen.“
„Ja.“
„Nur in Einzelteilen.“
Gelächter.
„Trinkgeld?“
„Natürlich.“
„Abschied?“
„Hasta luego.“
„Und du?“
„Servus.“
Der Tisch lacht.
„Also insgesamt?“
Sepp denkt nach.
„Sehr gut.“
„Was hat dir am besten gefallen?“
„Das Teilen.“
„Warum?“
„Weil du alles probieren kannst.“
„Genau.“
„Jamón.“
„Ja.“
„Tortilla.“
„Ja.“
„Bravas.“
„Ja.“
„Gambas.“
„Ja.“
„Croquetas.“
„Ja.“
„Pimientos.“
„Ja.“
Sepp hält inne.
„Na gut. Die mit Vorbehalt.“
Der Tisch lacht.
„Würdest wieder hingehen?“
„Sofort.“
„Was bestellst nächstes Mal?“
„Tapas.“
„Welche?“
Sepp zuckt mit den Schultern.
„Alle.“
Gelächter.
„Und Paella?“
„Vielleicht.“
„Sangria?“
„Vielleicht.“
„Pimientos?“
Sepp wird still.
„Mit Sicherheitsabstand.“
Der Tisch lacht.
Onkel Franz grinst.
„Und was hast beim Spanier gelernt?“
Sepp hebt den Finger.
„Wenn vier Leute sagen: ‚Wir nehmen nur ein paar Kleinigkeiten‘—“
„Ja?“
„—dann bestell kein Hauptgericht mehr.“
„Warum?“
Sepp lehnt sich zurück.
„Weil die Kleinigkeiten längst eins sind.“
Aber eins nach’m andern.
