„Also“, sagt da Sepp beim Sonntagskaffee, „i war in Köln.“
Da Onkel Franz legt die Zeitung weg.
„Köln?“
„Ja.“
„Am Rhein.“
„Des hab i sofort gemerkt.“
„Woran?“
Sepp nimmt einen Schluck Kaffee.
„Weil mitten durch die Stadt ein Fluss geht, der breiter is als manche Gemeinde bei uns.“
Seine Schwester lacht.
„Und wie war’s?“
„Freundlich.“
„Köln?“
„Sehr.“
„Fast verdächtig freundlich.“
Onkel Franz grinst.
„Wie meinst des?“
„I komm am Hauptbahnhof raus.“
„Ja.“
„Und da steht plötzlich der Dom.“
„Natürlich.“
„Na, ned natürlich!“
Sepp hebt beide Hände.
„Bei uns muss man für eine Aussicht meistens erst irgendwo raufsteigen. In Köln steigst aus’m Zug, und da steht ein Gebäude, das gefühlt bis ins Wetter reicht.“
„Der Kölner Dom.“
„Des hab i erkannt.“
„Beeindruckend?“
Sepp nickt.
„Sehr.“
„Bloß i hab zuerst nach oben geschaut.“
„Ja.“
„Dann noch weiter nach oben.“
„Ja.“
„Und dann hat mein Nacken beschlossen, dass er genug Kultur hat.“
Der Tisch lacht.
„Bist rein?“
„Freili.“
„Und?“
Sepp wird etwas ruhiger.
„Schön.“
„Groß.“
„Sehr groß.“
„Viele Leute?“
„Sehr viele.“
„Touristen?“
„I war ja selber einer.“
Onkel Franz grinst.
„Hat man’s gesehen?“
Sepp schaut ihn an.
„Franz.“
„Schon gut.“
„I steh also drin und schau nach oben.“
„Wieder.“
„Ja.“
„Und dann frag i einen Mann: ‚Entschuldigung, wie lang hat man eigentlich an dem Dom gebaut?‘“
„Und?“
„Der sagt: ‚So ungefähr sechshundert Jahre.‘“
Sepp schaut in die Runde.
„Sechshundert Jahre.“
„Mit Unterbrechungen.“
„Ja.“
„Und?“
„I hab sofort an meinen Nachbarn gedacht.“
„Warum?“
„Der baut seit vier Jahren an seiner Terrasse.“
Gelächter.
„Jetzt weiß i: Vielleicht is er einfach gotisch.“
Onkel Franz prustet los.
„Bist auf den Turm?“
Sepp wird still.
„Ja.“
„533 Stufen.“
„Des weiß i jetzt.“
„Hast gezählt?“
„Ab hundertachtzig nimmer.“
„Warum?“
„Weil i ab da mit meinem Kreislauf verhandelt hab.“
Seine Mutter lacht.
„Aber oben gewesen?“
„Freili.“
„Aussicht?“
„Großartig.“
Sepp nickt anerkennend.
„Rhein. Brücken. Stadt. Alles.“
„Hat sich gelohnt.“
„Ja.“
„Aber einer hat gesagt: ‚Das sind nur 533 Stufen.‘“
„Nur?“
Da Sepp zeigt empört auf Onkel Franz.
„Wer bei 533 Stufen ‚nur‘ sagt, soll sie zweimal gehen.“
Gelächter.
„Dann runter.“
„Wieder 533.“
„Danke.“
„Nur zur Vollständigkeit.“
„Franz.“
„Schon gut.“
„Dann wollt i zum Rhein.“
„Ist nicht weit.“
„Stimmt.“
„Und?“
„Schön.“
Sepp lehnt sich zurück.
„Schiffe. Promenade. Leute. Fahrräder.“
„Und die Hohenzollernbrücke.“
„Ja.“
„Mit den Liebesschlössern.“
Sepp schaut sofort auf.
„Die Schlösser.“
„Viele.“
„Viele?“
Er breitet die Arme aus.
„Da hängt ja halb Europa am Geländer.“
Seine Schwester lacht.
„Paare hängen ein Schloss dran und werfen den Schlüssel in den Rhein.“
„Des hat mir eine junge Frau erklärt.“
„Romantisch.“
Sepp zieht die Stirn kraus.
„I hab sie gefragt, was passiert, wenn sie sich trennen.“
„Und?“
„Sie sagt: ‚Dann bleibt das Schloss halt hängen.‘“
„Das fand i organisatorisch unbefriedigend.“
Der Tisch lacht.
„I sag: ‚Dann braucht ihr ja irgendwann einen Bolzenschneider.‘“
„Romantiker.“
„I bin praktisch.“
„Hast auch eins aufgehängt?“
„Na.“
„Warum nicht?“
„I war allein.“
Onkel Franz grinst.
„Hättest eins für deinen Rasenmäher machen können.“
Sepp schaut ihn streng an.
„Der hat schon genug Bindungsprobleme.“
Gelächter.
„Dann geh i in die Altstadt.“
„Da wird’s interessant.“
„Ja.“
„Kölsch?“
Sepp hebt den Finger.
„Jetzt kommen wir zu einem komplizierten Thema.“
„Bier.“
„Ja.“
„Was ist kompliziert?“
„Die Größe.“
„0,2 Liter.“
„Genau.“
Sepp schaut empört.
„Des is doch kein Bier.“
„Das ist Kölsch.“
„Das is ein Probeschluck mit Glas drumherum.“
Der Tisch lacht.
„I setz mich hin.“
„Brauhaus?“
„Freili.“
„Köbes?“
Sepp wird still.
„Des war die nächste Überraschung.“
„Der Kellner.“
„Ja.“
„In Köln heißt der Köbes.“
„Des weiß i jetzt.“
Sepp deutet auf den Tisch.
„Aber der redet mit dir, als wärst du seit zwanzig Jahren Stammgast und hättest ihm noch Geld zu geben.“
Gelächter.
„Unfreundlich?“
„Na.“
„Dann?“
„Direkt.“
„Kölsch eben.“
„Er kommt und sagt: ‚Wat willste?‘“
„Und du?“
„I sag: ‚A Bier bitte.‘“
„Und?“
„Er schaut mich an.“
„Dann sagt er: ‚Dann biste hier schon mal richtig.‘“
Der Tisch lacht.
„Und bringt Kölsch.“
„Ja.“
„Ein Glas.“
„Ja.“
„Dann noch eins.“
„Ja.“
„Und noch eins.“
Sepp hebt beide Hände.
„Genau!“
„Automatisch.“
„Des hat mir keiner gesagt.“
„Das gehört dazu.“
„I trink aus.“
„Und bekommst ein neues.“
„Ohne Bestellung.“
„Ja.“
Da Sepp schaut fassungslos.
„Bei uns nennt man sowas Versorgungssicherheit.“
Gelächter.
„Nach dem dritten sag i: ‚Danke, reicht erst mal.‘“
„Hat geholfen?“
„Na.“
„Warum?“
„Er bringt das vierte.“
„Du musst den Bierdeckel aufs Glas legen.“
Sepp schaut seine Schwester an.
„Woher soll i des wissen?“
„Köln.“
„I hab gedacht, der Deckel is für den Tisch.“
„Nein.“
„Dann hätte man des hinschreiben können.“
Onkel Franz lacht.
„Also vier Kölsch?“
„Fünf.“
„Warum fünf?“
„Beim vierten hab i den Deckel gesucht.“
Gelächter.
„Und wie war’s?“
„Gut.“
„Das Bier?“
„Sehr.“
„Dann passt’s doch.“
„Ja.“
„Aber i mag Getränke, bei denen der Bestellvorgang irgendwann endet.“
Der Tisch lacht.
„Hast was gegessen?“
„Natürlich.“
„Halver Hahn?“
Sepp schaut sofort zu Onkel Franz.
„Jetzt kommt der Betrug.“
„Welcher Betrug?“
„Ich les auf der Karte: Halver Hahn.“
„Ja.“
„Und denk: Endlich was Ordentliches.“
Seine Schwester beginnt bereits zu lachen.
„Dann kommt der Teller.“
„Und?“
„Brötchen.“
„Mit Käse.“
„Genau.“
Sepp legt beide Hände auf den Tisch.
„Wo is der Hahn?“
„Gibt keinen.“
„Warum heißt es dann Hahn?“
„Tradition.“
„Des is keine Erklärung.“
Gelächter.
„I ruf den Köbes.“
„Oh oh.“
„I sag: ‚Entschuldigung, i glaub, bei meinem Hendl fehlt was.‘“
Onkel Franz lacht laut.
„Und er?“
„Er schaut auf den Teller.“
„Dann auf mich.“
„Und?“
„Sagt: ‚Jung, dat is schon komplett.‘“
Der Tisch lacht.
„I sag: ‚Wo is der Hahn?‘“
„Und?“
„‚Der kommt nich.‘“
Sepp schüttelt den Kopf.
„Das war gastronomisch ein sehr endgültiger Satz.“
„Hat’s geschmeckt?“
„Ja.“
„Na also.“
„Aber wenn i Käsebrötchen bestell, möcht i vorher wissen, dass i Käsebrötchen krieg.“
„Dann bestell nächstes Mal Himmel un Ääd.“
Sepp schaut misstrauisch.
„Was soll des sein?“
„Kartoffelpüree, Apfelmus, Blutwurst.“
„Himmel.“
„Apfel.“
„Ääd.“
„Erde, Kartoffeln.“
„Und Blutwurst.“
„Ja.“
Sepp nimmt einen Schluck Kaffee.
„In Köln ist offenbar auch die Speisekarte Karneval.“
Gelächter.
„Warst beim Karneval?“
„Na.“
„Schade.“
„Wieso?“
„Dann hättest Alaaf erlebt.“
Sepp nickt langsam.
„Alaaf hab i trotzdem gehört.“
„Wo?“
„In einem Souvenirladen.“
„Natürlich.“
„Da standen Tassen, Schals, Mützen.“
„Ja.“
„Überall Köln.“
„Ja.“
„Dann seh i ‚Kölle Alaaf‘.“
„Genau.“
„I frag den Verkäufer: ‚Was heißt des genau?‘“
„Und?“
„Der fängt an zu erklären.“
„Nach fünf Minuten wusste i weniger als vorher.“
Der Tisch lacht.
„So ungefähr: Köln über alles.“
„Des hätt gereicht.“
„Ist aber komplizierter.“
„Natürlich.“
Sepp seufzt.
„In jeder Stadt gibt’s ein Wort, das die Einheimischen verstehen und den Touristen beschäftigen soll.“
„Hamburg: Moin.“
„Berlin: Kiez.“
„Köln: Alaaf.“
„Und Bayern?“
Sepp schaut Onkel Franz an.
„Freili.“
Gelächter.
„Dann bin i ins Schokoladenmuseum.“
„Natürlich.“
„Da hab i mir gedacht: Endlich Kultur, die man versteht.“
„Und?“
„Sehr interessant.“
„Auch probiert?“
„Freili.“
„Viel?“
Sepp schweigt.
„Sepp?“
„Wissenschaftlich angemessen.“
Seine Schwester grinst.
„Also viel.“
„Man muss doch vergleichen.“
„Was vergleichen?“
„Milchschokolade, dunkel, weiß.“
„Das ist keine Studie.“
„Für mich schon.“
Der Tisch lacht.
„Dann seh i diesen Schokoladenbrunnen.“
„Ja.“
Sepp wird ehrfürchtig.
„Drei Meter.“
„Ungefähr.“
„Flüssige Schokolade.“
„Ja.“
„Da steht ein Mensch und verteilt Waffeln.“
„Ja.“
„I hab kurz überlegt, ob Köln vielleicht doch meine endgültige Heimat wird.“
Gelächter.
„Dann Museum Ludwig.“
„Kunst.“
„Ja.“
„Moderne Kunst.“
Sepp macht eine kleine Pause.
„Da brauch i Hilfe.“
„Warum?“
„I steh vor einem Bild.“
„Ja.“
„Große Fläche.“
„Ja.“
„Drei Farben.“
„Und?“
„I schau.“
„Ja.“
„Noch länger.“
„Ja.“
„Dann kommt ein Mann daneben und schaut auch.“
„Und?“
„I frag: ‚Was meinen S’, was will uns der Künstler sagen?‘“
„Was sagt er?“
„‚Keine Ahnung.‘“
Sepp nickt.
„Des war die ehrlichste Kunstführung meines Lebens.“
Der Tisch lacht.
„Hat dir trotzdem gefallen?“
„Teilweise sehr.“
„Siehst du.“
„Ja.“
„Dann Rheinpark?“
„Später.“
„Seilbahn?“
Sepp schaut auf.
„Ja!“
„Über den Rhein.“
„Genau.“
„Wie war’s?“
„Schön.“
„Keine Höhenangst?“
„Na.“
„Nach dem Domturm?“
„Des war jetzt bequem.“
Sepp lehnt sich zurück.
„Du sitzt in einer Gondel und der Rhein fährt unter dir durch.“
„Eigentlich fährst du.“
„Franz.“
„Schon gut.“
„Dann seh i von oben den Dom.“
„Schön.“
„Sehr.“
„Von unten ist er groß.“
„Ja.“
„Von oben auch.“
„Logisch.“
„Na.“
Sepp hebt den Finger.
„Es gibt Gebäude, die werden kleiner, wenn man weiter weg is.“
„Der Dom auch.“
„Nicht genug.“
Gelächter.
„Dann warst sicher in Ehrenfeld.“
„Ja.“
„Warum?“
„Hat mir jemand empfohlen.“
„Und?“
„Graffiti. Cafés. Alte Gebäude. Neue Läden.“
„Gefällt dir?“
„Schon.“
„Wieder anders als Altstadt.“
„Komplett.“
Sepp nickt.
„Das kenn i jetzt von Großstädten.“
„Was?“
„Du fährst drei Stationen und bist plötzlich in einer anderen Stadt.“
„Kiez.“
„Sag des nicht.“
Der Tisch lacht.
„I setz mich in ein Café.“
„Was bestellt?“
„Kaffee.“
„Einfach?“
„I hab inzwischen gelernt.“
„Und?“
„Die Frau fragt: ‚Hafer, Soja oder Kuh?‘“
Sepp schweigt.
„Und du?“
„I sag: ‚Kaffee.‘“
Gelächter.
„Was hast bekommen?“
„Kaffee.“
„Mit?“
„Kuh.“
Onkel Franz lacht.
„Traditionell.“
„I bin offen für Neues.“
„Aber?“
„I möcht’s erkennen.“
Der Tisch lacht.
„Am Abend wieder Brauhaus.“
„Noch mal Kölsch?“
„Ja.“
„Deckel gelernt?“
Da Sepp lächelt stolz.
„Diesmal war i vorbereitet.“
„Wie viele?“
„Drei.“
„Und dann?“
„Deckel drauf.“
„Perfekt.“
„Der Köbes kommt.“
„Und?“
„Schaut auf den Deckel.“
„Dann auf mich.“
„Und?“
„Sagt: ‚Wat is los? Schwächelst du?‘“
Der Tisch lacht.
„I sag: ‚Na. I lern bloß schnell.‘“
„Was sagt er?“
„‚Dann biste bald Kölner.‘“
Sepp nickt.
„Des fand i nett.“
„Siehst du.“
„Ja.“
„Aber dann sagt er: ‚Dafür musste noch lernen, Kölsch zu sprechen.‘“
Onkel Franz grinst.
„Kannst du?“
Sepp schaut ihn ernst an.
„I hab schon genug Probleme mit Hochdeutsch.“
Gelächter.
„Am nächsten Morgen bin i wieder am Rhein.“
„Früh?“
„Ja.“
„Ruhiger?“
„Sehr.“
Sepp wird etwas nachdenklicher.
„Dom im Morgenlicht. Schiffe. Brücke.“
„Schön.“
„Sehr.“
„Und?“
„Da verstehst schon, warum die Kölner so an ihrer Stadt hängen.“
Seine Mutter lächelt.
„Trotz Halvem Hahn?“
„Ja.“
„Trotz Köbes?“
„Gerade wegen dem.“
„Trotz kleinem Bier?“
Sepp überlegt.
„Das Problem lässt sich durch Menge lösen.“
Der Tisch lacht.
„Gehst wieder hin?“
„Freili.“
„Karneval?“
Sepp hält inne.
„Vielleicht.“
„Das wäre was für dich.“
„Man hat mir erzählt, dass dann die ganze Stadt verkleidet is.“
„Ja.“
„Tagelang.“
„Ja.“
„Und überall Musik.“
„Ja.“
„Und alle rufen Alaaf.“
„Genau.“
Sepp nimmt langsam seine Kaffeetasse.
„I möcht bloß vorher wissen, ob der Köbes im Karneval noch schneller nachschenkt.“
Aber eins nach’m andern.
