„Also“, sagt da Sepp beim Sonntagskaffee und schaut seine Verwandtschaft ernst an, „i war wieder tanzen.“
Da Onkel Franz legt sofort seine Zeitung weg.
„Salsa?“
„Na.“
„Dann lass mi raten. Walzer?“
„Bachata.“
Seine Mutter schaut ihn fragend an.
„Was is des?“
Da Sepp hebt die Schultern.
„Des war exakt meine erste Frage.“
Seine Schwester grinst.
„Bachata is doch aus der Dominikanischen Republik.“
„Ja, des hab i mittlerweile aa rausgefunden. Aber wo i des erste Mal den Namen ghört hab, hab i glaubt, des wär entweder a Nachtisch oder a spanisches Hustenmittel.“
Da Onkel Franz lacht.
„Und warum bist hingangen?“
„D’Moni. Wer sonst? Die sagt: ‚Sepp, Bachata is leichter als Salsa.‘“
Sepp schaut bedeutungsvoll in die Runde.
„Wenn jemand zu mir sagt: ‚Des is ganz leicht‘, dann werd i mittlerweile misstrauisch.“
Er nimmt einen Schluck Kaffee.
„Also. I komm in des Tanzstudio. Musik läuft. Schön langsam. Ganz gemütlich.“
„Na also.“
„Des hab i mir aa denkt. Beim Salsa war immer eins, zwei, drei, fünf, sechs, sieben. Beim Bachata denk i mir: Endlich weniger Stress.“
„Und?“
Da Sepp schüttelt langsam den Kopf.
„Dann sagt der Lehrer: ‚Wir beginnen mit dem Grundschritt. Eins, zwei, drei, tap. Fünf, sechs, sieben, tap.‘“
Da Onkel Franz runzelt die Stirn.
„Was is tap?“
„GENAU!“
Sepp haut mit der Hand auf den Tisch.
„Des hab i aa gefragt!“
„Und?“
„Man tippt beim vierten Schlag bloß mit’m Fuß auf.“
„Also einfach.“
„Ja, theoretisch.“
Sepp lehnt sich vor.
„Praktisch war mein rechter Fuß bei drei, mein linker bei fünf und beim tap hab i versehentlich dem Mann neben mir auf ’n Schuh getippt.“
Seine Schwester lacht.
„Der hat auch sofort verstanden, was tap bedeutet.“
„Sehr lustig.“
Sepp fährt fort.
„Dann sagt der Lehrer: ‚Und auf vier kommt die Hüfte.‘“
Da Onkel Franz grinst.
„Aha.“
„Ja, aha! Schon wieder die Hüfte! Beim Salsa hat mir die Hüfte schon Ärger gemacht.“
„Was musstest machen?“
Da Sepp steht auf.
„Eins, zwei, drei … und dann so.“
Er schiebt die Hüfte zur Seite.
Seine Mutter schaut kritisch.
„Des schaut komisch aus.“
„Mama, des hat im Studio aa komisch ausgschaut! Bloß bei den anderen ned.“
Da Onkel Franz lacht.
„Der Tanzlehrer macht des so.“
Sepp bewegt elegant die Hüfte.
„Ganz locker.“
Dann versucht er seine eigene Version.
„Und bei mir schaut’s aus, als würd i mit’m Hintern a Schublade zumachen.“
Der Tisch bricht in Gelächter aus.
„Dann kommt die Partnerübung.“
Sepp wird still.
„Und da hab i gemerkt: Bachata hat noch a Besonderheit.“
„Welche?“
Er rückt mit seinem Stuhl ganz nah an Onkel Franz heran.
„Nähe.“
Onkel Franz rückt sofort weg.
„Geh weg!“
„Siehst! Genau meine Reaktion!“
Alle lachen.
„Der Lehrer sagt: ‚Beim Bachata dürft ihr näher zusammenkommen.‘“
Sepp zeigt mit den Händen einen Abstand.
„Beim Salsa war ungefähr so viel Platz zwischen mir und der Claudia.“
Dann macht er die Hände enger.
„Beim Bachata plötzlich so.“
Noch enger.
„Und später ungefähr so.“
Seine Mutter hebt die Augenbrauen.
„Sepp.“
„I hab’s ned erfunden!“
„Und was hast gemacht?“
„Bauch eingezogen.“
„Warum?“
„Aus Höflichkeit.“
„Hat’s geholfen?“
„Zwölf Sekunden.“
Sepp setzt sich wieder.
„Dann hab i wieder atmen müssen.“
Seine Schwester lacht.
„Und de Claudia sagt ganz entspannt: ‚Sepp, komm ruhig näher.‘“
Da Sepp starrt in die Runde.
„Ruhig näher.“
„Ja.“
„I kenn die Frau aus’m Tanzkurs! I brauch normalerweise drei Familienfeiern, bevor i jemandem so nah komm.“
Onkel Franz prustet los.
„Dann sagt der Lehrer: ‚Männer, legt die rechte Hand an den Rücken der Partnerin.‘“
„Und?“
„I hab erst amal gefragt: ‚Wie weit oben?‘“
Seine Schwester schlägt sich die Hand vors Gesicht.
„Sepp!“
„Ja mei! Des san wichtige Informationen!“
Da Onkel Franz kann kaum noch sprechen.
„Und dann geht’s los. Eins, zwei, drei, Hüfte. Fünf, sechs, sieben, Hüfte.“
Sepp nickt.
„I werd langsam sicherer.“
„Na also.“
„Bis der Lehrer sagt: ‚Jetzt machen wir Body Movement.‘“
Sepp wird blass.
„Body Movement.“
„Was is des?“
„Du sollst den Oberkörper bewegen. Brust, Rippen, Hüfte. Alles fließend.“
Da Sepp steht wieder auf.
„Der Lehrer macht so.“
Er versucht eine Körperwelle.
„Und bei mir …“
Er verzieht sich steif.
„… schaut’s aus, als hätt i beim Aufstehen plötzlich an Hexenschuss.“
Da Onkel Franz lacht Tränen.
„Der Lehrer kommt zu mir und sagt: ‚Josef, entspannen. Lass die Bewegung durch deinen Körper fließen.‘“
„Und?“
„I sag: ‚Durch meinen Körper fließt grad hauptsächlich Angst.‘“
Gelächter.
„Dann sagt Claudia: ‚Sepp, du musst weicher werden.‘“
Da Sepp schaut empört.
„Weicher!“
„Ja.“
„I bin über fünfzig. Wenn bei mir plötzlich was weich wird, wo vorher nix weich war, geh i normalerweise zum Arzt.“
Seine Mutter lacht laut.
„Aber dann“, sagt Sepp, „kommt die nächste Figur.“
Er senkt die Stimme.
„Body Roll.“
Onkel Franz runzelt die Stirn.
„Klingt gefährlich.“
„Is es aa.“
„Was macht man da?“
„Man rollt praktisch mit’m ganzen Oberkörper.“
„Zeig.“
„Na.“
„Komm.“
„Na!“
„Sepp!“
Sepp seufzt, steht auf und versucht einen Body Roll.
Alle schauen ihn an.
Seine Schwester sagt: „Du schaust aus, als würdest versuchen, einen Rülpser zurückzuhalten.“
Der ganze Tisch explodiert vor Lachen.
Sepp setzt sich beleidigt wieder hin.
„Genau deswegen wollt i’s ned zeigen.“
Er nimmt einen Schluck Kaffee.
„Dann kommt der Tanzlehrer und sagt: ‚Jetzt wird die Dame gedreht und danach wieder weich abgefangen.‘“
Da Sepp schüttelt den Kopf.
„Weich abgefangen.“
„Und?“
„I hab Claudia gedreht.“
„Hat funktioniert?“
„Die Drehung schon.“
„Und das Abfangen?“
„Zu gründlich.“
„Was heißt zu gründlich?“
„I hab sie festgehalten wie an Sack Zement auf ’m Anhänger.“
Onkel Franz schlägt auf den Tisch.
„Der Lehrer sagt: ‚Josef, nicht festhalten. Nur führen.‘“
„Und du?“
„I sag: ‚Wenn i weniger halt, liegt sie am Boden!‘“
„Lag sie?“
„Na.“
„Dann war doch gut.“
„Ja, bis sie gesagt hat: ‚Sepp, i kann selber stehen.‘“
Seine Mutter schüttelt lachend den Kopf.
„Aber des Schlimmste kommt erst.“
Alle werden aufmerksam.
„Der Lehrer sagt plötzlich: ‚Jetzt versuchen wir einen Dip.‘“
Da Onkel Franz fragt: „Dip?“
„Ja.“
„Wie bei Chips?“
Da Sepp zeigt auf ihn.
„DANKE! Genau des hab i gedacht!“
„Und was is es?“
„Die Frau lehnt sich nach hinten und der Mann hält sie.“
Da Sepp schaut ernst in die Runde.
„Verantwortung.“
„Hast Angst g’habt?“
„Natürlich! Claudia lehnt sich zurück und schaut mi vertrauensvoll an.“
„Und du?“
„I schau sie an und sag: ‚Claudia, bist du sicher?‘“
„Was sagt sie?“
„‚Ja.‘“
„Und?“
„I war’s ned.“
Da Onkel Franz lacht.
„Also geht sie zurück.“
Sepp macht die Bewegung mit den Händen nach.
„Weiter.“
Noch weiter.
„Noch weiter.“
Seine Mutter fragt: „Und du hast sie gehalten?“
„Freili! Aber irgendwann hab i mit nach hinten gelehnt.“
„Warum?“
„Reflex!“
„Sepp!“
„Auf einmal waren wir beide schief !“
Die Familie bricht erneut in Gelächter aus.
„Der Lehrer kommt angerannt und sagt: ‚Josef ! Du musst stabil bleiben!‘“
Sepp nickt.
„Des war der vernünftigste Satz des ganzen Abends.“
„Und dann?“
„Dann sagt er: ‚Versucht es noch einmal.‘“
Sepp schaut fassungslos.
„Noch einmal!“
„Hast du?“
„Ja.“
„Und?“
„Diesmal hab i so breit dagestanden, dass ma mich wahrscheinlich mit’m Gabelstapler hätt bewegen müssen.“
Onkel Franz lacht.
„Aber Claudia war sicher.“
„Sehr sicher.“
Sepp nickt stolz.
„Romantisch war’s nimmer. Aber statisch einwandfrei.“
Nach einer Weile fragt seine Schwester: „Und wie war’s am Ende?“
Sepp überlegt.
„Eigentlich ganz schön.“
Alle schauen überrascht.
„Echt?“
„Ja. Wenn ma sich an des ganze Eins-zwei-drei-tap, Hüfte, Nähe, Body Roll und Zurücklehnen gewöhnt, macht’s sogar Spaß.“
Seine Mutter lächelt.
„Dann gehst nächste Woche wieder?“
Da Sepp nickt.
„Freili.“
Onkel Franz grinst.
„Wieder mit Claudia?“
„Ja.“
„Und bist jetzt entspannter mit der Nähe?“
Sepp denkt kurz nach.
„Sagen wir so: I zieh den Bauch jetzt erst kurz vor Kursbeginn ein. Des spart Kraft.“
Die Familie lacht.
Dann lehnt sich Onkel Franz zu ihm.
„Und was lernt ihr nächste Woche?“
Da Sepp wird plötzlich ernst.
„Sensual Bachata.“
„Was heißt sensual?“, fragt seine Mutter.
Sepp schaut in seine Kaffeetasse.
„Des hab i leider nachgeschaut.“
„Und?“
Er nimmt einen sehr langen Schluck.
„Nächste Woche zieh i den Bauch schon daheim ein.“
Aber eins nach’m andern.
