Mathias Ellmann
Menü
Der Sepp · Geschichte 08 von 08

Der Sepp lernt des Ballett-Bewegungslexikon

*

Oder: Warum brauch i fünf Ansichten von mir?

8 Min. Lesezeit·Mathias Ellmann
HumorBallettBewegungswissen
Der Sepp betrachtet ein aufgeschlagenes Ballett-Bewegungslexikon mit Bewegungszeichnungen.
Alle 8 Geschichten
  1. 01Der Sepp beim HYROX
  2. 02Der Sepp beim Kitesurfen
  3. 03Der Sepp beim Yoga
  4. 04Der Sepp im Ballettkurs
  5. 05Der Sepp im Salsa-Kurs
  6. 06Der Sepp im Bachata-Kurs
  7. 07Der Sepp beim Bachata Sensual
  8. 08Der Sepp lernt des Ballett-Bewegungslexikon

„Also“, sagt da Sepp beim Sonntagskaffee und legt an dicken Stapel Papier auf ’n Tisch, „i hab jetzt beschlossen, des Ballett endlich wissenschaftlich anzugehen.“

Da Onkel Franz schaut auf den Stapel.

„Was is des?“

„Des Ballett-Bewegungslexikon.“

„Wie viele Seiten?“

„Genug.“

Seine Schwester blättert drin.

„Fünfansichten und Erläuterungen.“

Da Sepp nickt ernst.

„Ja. Genau des is mein Problem.“

„Wieso?“

„Weil i für jede Bewegung jetzt von vorne, hinten, links, rechts und oben angeschaut werd.“

Da Onkel Franz grinst.

„Von oben?“

„Ja!“

Sepp tippt auf die Seite.

„Vorne. Hinten. Links. Rechts. Oben.“

Kurze Pause

„I möcht bloß wissen, wer beim Ballett über mir hängt.“

Die Familie lacht.

„Und dann steht da überall T0, T1, T2, T3.“

Seine Mutter fragt: „Was heißt des?“

„Zeitpunkte.“

„Aha.“

„Ja, Mama. Beim normalen Menschen heißt des: erst steh i da, dann beweg i mi, dann bin i woanders.“

Sepp klopft auf das Buch.

„Beim Ballett heißt des T0 bis T4 und Körperorganisation.“

„Also fang i vorne an“, erzählt da Sepp.

„Grundpositionen der Arme.“

Seine Schwester nickt.

„Des is wichtig.“

„Ja. Erste Übung: Allongé.“

Da Onkel Franz versucht das Wort.

„Allonschee?“

„Allongé.“

„Und was is des?“

Sepp steht auf und streckt beide Arme weit seitlich hinaus.

„Verlängerte Form.“

Da Franz schaut ihn an.

„Du stehst halt da mit ausgestreckten Armen.“

Sepp wird empört.

„Nein! Laut Lexikon hab i eine große seitliche Ausdehnung, symmetrische Armorganisation, aufrechte Körperachse und beidbeinige Belastung.“

Kurze Stille

Da Franz nickt.

„Du stehst also da.“

„FRANZ!“

Die Familie lacht.

Sepp zeigt wieder die Position.

„Und dann steht da: Schulter-, Ellenbogen- und Handgelenkmarken bilden eine weitgehend durchgehende seitliche Armführung.“

Seine Mutter schaut ihn an.

„Sepp, deine Arme hängen.“

„I weiß! Genau deswegen lern i’s doch!“

„Und was musst machen?“

„Die Hände setzen die Richtung der Unterarme nach außen fort.“

Da Sepp streckt die Finger.

„So.“

Franz schaut.

„Jetzt stehst immer noch da.“

Sepp setzt sich beleidigt.

„Mit euch kann ma keine Kunst besprechen.“

„Dann“, sagt er, „kommt die Arabesque.“

Onkel Franz hebt eine Augenbraue.

„Die hattest doch beim letzten Kurs schon.“

„Ja. Aber i hab ned gewusst, was da alles dahintersteckt.“

„Was denn?“

Sepp schlägt die entsprechende Seite auf.

„Arabesque. T0 bis T4.“

Er zählt an den Fingern.

„T0: vorbereitet.“

„Ja.“

„T1: Bein hebt sich.“

„Ja.“

„T2: charakteristische Arabesque-Pose.“

„Ja.“

„T3: Bein senkt sich.“

„Ja.“

„T4: wieder wie vorher.“

Da Onkel Franz schaut ihn lange an.

„Also Bein rauf und wieder runter.“

Sepp schweigt.

„Rein technisch … ja.“

„Dafür brauchst fünf Seiten?“

„FRANZ! Es gibt außerdem eine Draufsicht!“

Die Familie lacht.

„Und dann steht da: Das rechte Arbeitsbein wird derrière angehoben.“

Seine Mutter fragt: „Was heißt derrière?“

„Hinten.“

Franz grinst.

„Warum schreiben’s dann ned hinten?“

Sepp zeigt auf ihn.

„Genau des frag i seit Wochen!“

Dann wird Sepp plötzlich ernst.

„Aber des war erst die normale Arabesque.“

„Was gibt’s denn noch?“

Sepp blättert.

„Erste Arabesque.“

Blättert.

„Zweite Arabesque.“

Blättert.

„Dritte Arabesque.“

Blättert.

„Vierte Arabesque.“

Da Onkel Franz beginnt schon zu lachen.

Sepp schaut auf.

„Was?“

„Nix. Mach weiter.“

„Und dann Arabesque penchée.“

Franz hält sich den Bauch.

„Wie viele Arabesquen braucht ein Mensch?“

„Des hab i die Lehrerin aa gefragt!“

„Und?“

„Sie hat gesagt: ‚Josef, jede hat eine andere Armorganisation.‘“

Da Sepp schaut in die Runde.

„Armorganisation!“

Seine Schwester nickt.

„Stimmt ja.“

„Ja, aber mein Bein hängt hinten auf neunzig Grad, i steh auf einem Fuß, versuch ned umzufallen – und jetzt soll i noch wissen, welcher Arm wo organisiert is!“

„Bei der ersten Arabesque“, erklärt Sepp, „geht ein Arm hoch und einer seitlich.“

Er zeigt es.

„Bei der zweiten geht der andere höher.“

Er wechselt.

„Bei der dritten beide seitlich.“

Er streckt beide Arme aus.

„Bei der vierten beide hoch.“

Er hebt die Arme über den Kopf.

Onkel Franz schaut zu.

„Und was is die fünfte?“

Sepp friert ein.

„Es gibt koa fünfte.“

„Na, Gott sei Dank.“

„Dafür gibt’s penchée.“

„Was macht ma da?“

Sepp stellt sich auf ein Bein, hebt das andere hinten an und neigt den Oberkörper nach vorne.

„So.“

Er wackelt sofort.

Seine Mutter sagt: „Sepp, halt di fest.“

„Na! Des is eine statische Pose!“

„Du bist gleich eine liegende Pose.“

„Mama!“

Sepp neigt sich weiter.

„Das Arbeitsbein hoch derrière, Oberkörper nach vorne und abwärts.“

Franz beobachtet ihn.

„Wie weit nach vorne?“

„Deutlich.“

„Und wann hörst auf ?“

„Wenn’s elegant ausschaut.“

„Und wenn’s ned elegant ausschaut?“

Sepp greift nach dem Stuhl.

„Dann offenbar beim Stuhl.“

Sepp setzt sich wieder.

„Dann kommt Barre.“

Da Onkel Franz fragt: „Bar?“

„Barre! Die Stange!“

„Schad.“

Sepp ignoriert ihn.

„Und dann Demi-plié in erster Position.“

Er steht wieder auf, dreht die Füße nach außen.

„T0: aufrecht.“

Dann geht er in die Knie.

„T1: Abwärtsphase.“

Noch tiefer.

„T2: tiefster Sollzustand.“

Seine Knie knacken.

Stille

Da Onkel Franz schaut ihn an.

„War des im Lexikon vorgesehen?“

„Na.“

„Dann würd i T3 einleiten.“

Sepp kommt mühsam wieder hoch.

„T3: Aufwärtsphase.“

Dann steht er.

„T4: Endzustand.“

Er atmet tief.

Franz nickt.

„Also Kniebeuge.“

Sepp schaut ihn scharf an.

„Demi-plié.“

„Kniebeuge.“

„DEMIPLIÉ!“

„Mit französischem Namen bleibt’s trotzdem eine Kniebeuge.“

„Und jetzt“, sagt Sepp, „zweite Position.“

Er stellt die Füße weiter auseinander.

„Große seitliche Standbreite.“

Onkel Franz nickt.

„So steh i vorm Grill.“

„Na!“

„Doch.“

Sepp geht wieder ins Plié.

„Die Knie folgen der geöffneten Beinrichtung.“

Franz beugt sich vor.

„Und was passiert, wenn sie ned folgen?“

Sepp schaut ernst.

„Dann folgt wahrscheinlich der Orthopäde.“

Die Familie lacht.

„Und des Lexikon sagt ausdrücklich: keine Ortsverlagerung.“

„Sehr gut“, sagt seine Mutter. „Dann bleib wenigstens in der Nähe vom Stuhl.“

Sepp blättert weiter.

„Und dann kommt Petit allegro.“

Da Onkel Franz schaut interessiert.

„Des klingt wenigstens lustig.“

„Assemblé.“

„Was is des?“

„Zusammenführen im Sprung.“

Sepp liest vor.

„Vorbereitung im Demi-plié, Ausschleifen und Absprung, Zusammenführen der gestreckten Beine in der Flugphase und gleichzeitige beidbeinige Landung in fünfter Position.“

Kurze Stille

Franz sagt: „Kannst des noch einmal auf Deutsch sagen?“

Sepp legt das Buch weg.

„I geh runter.“

Er macht ein Plié.

„I schleif des Bein seitlich aus.“

Er streckt das Bein.

„I spring.“

Er macht einen kleinen Sprung.

„In der Luft bring i beide Beine zam.“

Er landet etwas schwer.

Bumm.

Alle schauen ihn an.

Sepp richtet sich auf.

„Und lande.“

Da Franz nickt.

„Den letzten Teil hab i verstanden.“

„Die Landung?“

„Ja. Die hat ma im Wohnzimmer aa gehört.“

„Aber jetzt“, sagt Sepp und hebt mahnend den Finger, „kommt Assemblé battu.“

Onkel Franz stöhnt.

„Was wird jetzt geschlagen?“

Sepp schaut erstaunt.

„Woher weißt des?“

„Battu klingt schon nach Ärger.“

„Beim Assemblé battu schlägst in der Luft die Beine gegeneinander.“

Da Onkel Franz schweigt.

„Absichtlich?“

„Ja.“

„Warum?“

Sepp denkt nach.

„Weil’s Ballett is.“

„Aha.“

Sepp steht wieder auf.

„Also: Demi-plié.“

Er geht runter.

„Ausschleifen.“

Bein raus.

„Absprung.“

Er springt.

In der Luft versucht er, die Beine zu kreuzen.

Er landet.

Stille

Dann sagt seine Schwester: „War des die Batterie?“

Sepp schaut sie an.

„I glaub, i hab irgendwas getroffen.“

Da Onkel Franz beugt sich vor.

„Was?“

Sepp reibt sich das Schienbein.

„Mich.“

Er setzt sich wieder an den Tisch.

„Im Lexikon steht: schnelle gekreuzte Batterie der Beine.“

Franz nickt.

„Bei dir war’s eher a langsamer Verkehrsunfall.“

„Des is schwer!“

„Und dann musst in fünfter Position landen?“

„Ja.“

„Welche war des noch mal?“

Sepp schaut ins Buch.

„Fünfte Position.“

„Des hilft mir jetzt ungemein.“

„Ein Fuß vor dem anderen, ausgedreht, eng geschlossen.“

Da Franz schaut unter den Tisch auf Sepps Füße.

„Und du landest wirklich so?“

„Theoretisch.“

„Und praktisch?“

„Praktisch bin i froh, wenn beide Füß gleichzeitig wieder Kontakt zum Boden aufnehmen.“

Seine Mutter nimmt das Buch.

„Und was soll des mit den fünf Ansichten?“

Sepp zeigt auf die Zeichnungen.

„Damit man jede Position exakt kontrollieren kann. Vorne, hinten, links, rechts und oben.“

„Und wozu oben?“

Sepp tippt auf die Draufsicht.

„Da sieht ma zum Beispiel die Fußrichtung und die horizontale Organisation.“

Da Onkel Franz sagt: „Bei mir würd ma von oben hauptsächlich die Glatze sehen.“

„Franz!“

„Is doch wahr.“

Sepp lacht jetzt selber.

„I hab mir gestern vorgestellt, wie die Lehrerin sagt: ‚Sehr schön, Josef. Jetzt noch die Draufsicht.‘“

„Und?“

„I hab automatisch zur Decke geschaut.“

Seine Schwester blättert weiter.

„Da steht ja dauernd Körperorganisation.“

„Ja.“

„Belastungsmarken.“

„Ja.“

„Arbeitsbein.“

„Ja.“

„Standbein.“

„Ja.“

„Projektionsrichtung.“

„Ja.“

„Sagittale Ausdehnung.“

Sepp hebt beide Hände.

„GENAU!“

Er schaut alle an.

„Früher hab i beim Ballett bloß Angst g’habt, dass i umfall.“

Kurze Pause

„Jetzt weiß i wissenschaftlich exakt, warum.“

Da Onkel Franz lacht.

„Und was hast jetzt gelernt?“, fragt seine Mutter.

Sepp zählt an den Fingern ab.

„Erstens: Wenn i bloß dasteh und die Arme seitlich ausstreck, heißt des Allongé.“

„Gut.“

„Zweitens: Wenn i ein Bein hinten hochheb, is des Arabesque.“

„Gut.“

„Drittens: Je nachdem, wo meine Arme sind, gibt’s davon mindestens vier Varianten.“

„Gut.“

„Viertens: Wenn i mich dabei nach vorne neige, heißt’s penchée.“

„Gut.“

„Fünftens: Wenn i in die Knie geh, heißt’s Demi-plié.“

„Gut.“

„Sechstens: Wenn i spring und die Beine in der Luft zusammenbring, Assemblé.“

„Gut.“

„Und siebtens: Wenn i mir dabei in der Luft selber die Beine gegeneinander hau, heißt des Assemblé battu.“

Da Onkel Franz nickt anerkennend.

„Und wennst danach am Boden liegst?“

Sepp schaut ins Buch.

Blättert.

Noch eine Seite.

„Des steht da ned.“

Franz grinst.

„Dann würd i sagen: bayerische Schlussposition.“

Seine Schwester fragt: „Und gehst jetzt wieder in den Ballettkurs?“

„Freili.“

„Mit dem Lexikon?“

„Natürlich.“

„Nimmst des mit ins Studio?“

Sepp nickt.

„I leg’s neben die Stange.“

Da Onkel Franz fragt: „Und wenn die Lehrerin sagt: ‚Arabesque!‘?“

„Dann schlag i Seite acht auf.“

„Und wenn sie sagt: ‚Erste Arabesque!‘?“

„Seite fünfzehn.“

„Zweite?“

„Neunzehn.“

„Dritte?“

„Zweiundzwanzig.“

„Vierte?“

„Fünfundzwanzig.“

„Penchée?“

„Achtundzwanzig.“

Da Onkel Franz schaut ihn beeindruckt an.

„Des weißt jetzt auswendig?“

Sepp nickt stolz.

„Ja.“

„Und kannst die Bewegungen auch?“

Sepp schweigt.

Dann nimmt er langsam seine Kaffeetasse.

„Franz.“

„Ja?“

„Eins nach’m andern.“

Der Sepp sagt: Freili.
Aber eins nach’m andern.