Mathias Ellmann
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Der Sepp · Geschichte 04 von 08

Der Sepp im Ballettkurs

*

Oder: Wieso gibt’s fünf Positionen?

5 Min. Lesezeit·Mathias Ellmann
HumorBallett
Der Sepp übt als Ballerino eine Ballettpose in einem hellen Studio.
Alle 8 Geschichten
  1. 01Der Sepp beim HYROX
  2. 02Der Sepp beim Kitesurfen
  3. 03Der Sepp beim Yoga
  4. 04Der Sepp im Ballettkurs
  5. 05Der Sepp im Salsa-Kurs
  6. 06Der Sepp im Bachata-Kurs
  7. 07Der Sepp beim Bachata Sensual
  8. 08Der Sepp lernt des Ballett-Bewegungslexikon

„Also“, sagt da Sepp beim Sonntagskaffee und legt ganz vorsichtig seine Füß unter’n Tisch, „i muaß eich wieder wos erzähln.“

Da Onkel Franz schaut eam sofort misstrauisch o.

„Warst wieder beim Yoga?“

„Na.“

„Pilates?“

„Na.“

„Meditieren?“

Da Sepp schüttelt den Kopf.

„Ballett.“

Stille

Seine Schwester legt langsam die Kuchengabel hin.

„Du warst … beim Ballett?“

„Ja mei! Lachts ned! D’Moni hod g’sagt, des war guad für Haltung, Beweglichkeit und Koordination.“

Da Onkel Franz schaut an Sepp von oben bis unten o.

„Und bei dir braucht’s offenbar alle drei.“

„Sehr lustig.“

Da Sepp nimmt an Schluck Kaffee.

„Also. I kumm in des Studio nei. Riesiger Spiegel an da Wand. Überall Stangen. Und i denk ma zuerst: Aha, des schaut ja gar ned schlecht aus. Wenn’s schwierig wird, konn ma si wenigstens irgendwo festhalten.“

„Des san Ballettstangen“, sagt seine Schwester.

„Des woaß i jetzt aa!“

Er lehnt si zurück.

„Dann kummt die Lehrerin. Ganz dünn, ganz elegant. Die geht drei Schritt durch’n Raum und bei mir schaut des aus, als tät i an Kühlschrank transportieren.“

Da Onkel Franz grinst.

„Und dann sagt sie: ‚Wir beginnen mit der ersten Position.‘“

Da Sepp schaut in die Runde.

„Erste Position.“

Kurze Pause

„Und i denk ma: Sehr vernünftig. Erst amoi klären, wo jeder steht.“

„Ja.“

„Dann drehen plötzlich alle ihre Füß nach außen.“

Da Sepp versucht unter’m Tisch, seine Füße zu drehen.

„So! Die Fersen zam und die Zehen auseinander.“

„Des is halt die erste Position.“

„Ja, aber des hätt ma mir vorher sagen können! I hab gedacht, erste Position heißt: vorne links, zweite Position hinten rechts oder so.“

Seine Mutter schüttelt lachend den Kopf.

„Dann sagt die Lehrerin: ‚Und jetzt zweite Position.‘“

„Und?“

„Da hab i scho Angst kriagt.“

„Wieso?“

„Ja mei, beim Yoga hab i gelernt: Wenn’s mit Nummern anfangen, wird’s meistens ned besser.“

Alle lachen.

„Bei der zweiten Position san die Füß weiter auseinander. Hab i mir denkt: Guat. Des kann i. So steh i beim Grillen aa.“

Da Onkel Franz nickt anerkennend.

„Endlich a Bewegung für dich.“

„Aber dann“, sagt da Sepp, „kommt des erste französische Wort.“

„Welches?“

„Plié.“

Da Sepp spricht es aus wie „Blie“.

„Die Lehrerin sagt: ‚Und plié.‘“

„Und was hast gmacht?“

„Nix!“

„Warum?“

„Weil i dacht hab, des is vielleicht der Name von irgendeiner Teilnehmerin!“

Die Familie beginnt zu lachen.

„I steh da und wart. Alle gehen in die Knie. Nur i ned. Dann sagt die Lehrerin noch einmal: ‚Josef, plié.‘“

„Und dann?“

„Dann sag i: ‚Entschuldigung, i bin da Sepp. Die Plié steht vielleicht hinten.‘“

Da Onkel Franz verschluckt sich beinahe am Kaffee.

„Und de Lehrerin erklärt ma ganz freundlich: ‚Plié bedeutet, die Knie zu beugen.‘“

Da Sepp hebt beide Hände.

„Ja warum sagt’s dann ned einfach: Sepp, geh in die Knie? Des versteh i!“

Er macht eine kleine Kniebeuge.

„Also mach i Plié. Dann sagt sie: ‚Relevé.‘“

Da Sepp schüttelt den Kopf.

„Schon wieder Französisch.“

„Was is des?“

„Auf die Zehenspitzen.“

„Des geht doch.“

„Freili geht des! Zweimal vielleicht. Beim dritten Mal ham meine Wadln beschlossen, dass Frankreich und Bayern ab sofort diplomatische Probleme ham.“

Gelächter.

„Und dann kommt die Arabesque.“

Da Sepp wird ernst.

„Arabesque.“

„Was hast da wieder gedacht?“

„I hab gedacht, jetzt wird’s orientalisch.“

Seine Schwester lacht laut auf.

„Aber nix! Man steht auf oam Bein und streckt des andere hinten raus.“

Da Sepp steht vom Tisch auf.

„So ungefähr.“

Er hebt ein Bein nach hinten, wackelt und greift sofort nach dem Stuhl.

„Und die Lehrerin sagt: ‚Brust öffnen, Josef !‘“

„Und?“

„I sag: ‚Mehr geht nimmer, sonst fall i ins Klavier!‘“

Da Onkel Franz klopft auf den Tisch.

„War da a Klavier?“

„Na. Aber bei meinem Gleichgewicht kann des durchaus aus’m Nachbarraum kommen.“

Da Sepp setzt sich wieder.

„Dann sagt sie plötzlich: ‚Jetzt machen wir eine Pirouette.‘“

Seine Mutter fragt: „Des Drehen?“

„Ja! Des Drehen!“

Da Sepp schaut entsetzt.

„Und zwar auf oam Bein.“

„Hast des geschafft?“

„Freili.“

Kurze Pause

„Fast.“

„Was heißt fast?“

„I hab mi gedreht.“

„Und?“

„Bloß ned aufgehört.“

Die Familie lacht.

„I hab angesetzt, mich gedreht, noch a bissl gedreht, dann war der Spiegel plötzlich links, dann rechts, dann zweimal überall gleichzeitig.“

„Und dann?“

„Dann bin i in die Ballettstange nei.“

Da Onkel Franz wischt sich die Augen.

„Jetzt woaß i wenigstens, warum die da is.“

„Eben! Hab i ja von Anfang an g’sagt.“

Da Sepp nimmt wieder einen Schluck.

„Aber des Schlimmste war zum Schluss.“

Alle schauen ihn an.

„Die Lehrerin sagt: ‚Und jetzt versuchen wir ein Grand Jeté.‘“

Da Onkel Franz runzelt die Stirn.

„Was is des?“

„A großer Sprung.“

Da Sepp wird ganz still.

„Ein sehr großer Sprung.“

„Und du bist gesprungen?“

„Moment! Zuerst hat’s die Lehrerin vorgemacht. Die rennt los, springt durch die Luft und schaut dabei aus wie a Schwan.“

„Und du?“

„I renn los, spring und schau aus wie a Metzger, der auf Glatteis tritt.“

Der ganze Tisch lacht.

„I war vielleicht zehn Zentimeter in da Luft. Aber gefühlt war’s kurz Olympia.“

„Und die Landung?“

Da Sepp schweigt.

„Sepp?“

„Über die Landung möcht i ned reden.“

„Warum ned?“

„Weil die Landung derzeit noch Gegenstand interner Untersuchungen is.“

Seine Schwester hält sich den Bauch vor Lachen.

„Die Lehrerin kommt zu mir und sagt ganz freundlich: ‚Josef, du musst leichter werden.‘“

Da Sepp schaut empört.

„Da hab i g’sagt: ‚Entschuldigung, i hab seit drei Wochen koa Schweinshaxn mehr g’habt. Mehr Entgegenkommen kann ma von mir wirklich ned verlangen.‘“

Jetzt lacht sogar seine Mutter Tränen.

Nach einer Weile fragt da Onkel Franz: „Und? Gehst nächste Woche wieder hin?“

Da Sepp schaut ihn an.

„Freili.“

„Echt jetzt?“

„Ja.“

„Warum?“

Da Sepp beugt sich langsam über den Tisch.

„Weil i wissen will, wie viele Positionen des gibt.“

Seine Schwester grinst.

„Fünf.“

Da Sepp erstarrt.

„Fünf ?“

„Fünf.“

Er schaut entsetzt in die Runde.

„I hab gestern grad erst die zweite überlebt!“

Kurze Pause

Dann nimmt er seine Kaffeetasse und murmelt: „Wenn bei Position drei wieder Französisch kommt, geh i heim.“

Seine Schwester lächelt.

„Die dritte Position is ganz einfach.“

Da Sepp schaut misstrauisch.

„Und danach?“

„Vierte Position.“

„Und danach?“

„Fünfte.“

Da Sepp seufzt tief.

„Mei.“

Er schaut auf seine Füße.

„Beim Schuhplattler gibt’s wenigstens koa Nummern. Da haut ma si einfach auf die Haxn und jeder woaß, was g’meint is.“

Der Sepp sagt: Freili.
Aber eins nach’m andern.