„Also“, sagt da Sepp beim Sonntagskaffee und legt beide Händ ganz vorsichtig neben seine Kaffeetasse, „i war gestern beim HYROX.“
Da Onkel Franz schaut langsam über seine Zeitung.
„Beim was?“
„HYROX.“
Seine Mutter runzelt die Stirn.
„Is des a Medikament?“
„Des hab i zuerst aa gedacht.“
Seine Schwester grinst.
„HYROX is dieser Fitnesswettkampf.“
Da Sepp nickt.
„Ja. Des woaß i jetzt.“
„Leider.“
Da Onkel Franz legt die Zeitung weg.
„Und wie bist auf des kommen?“
Da Sepp schaut ihn an.
„D’Moni.“
Die ganze Familie nickt gleichzeitig.
„Natürlich.“
„Die sagt zu mir: ‚Sepp, des is genau dein Ding. A bissl laufen und dazwischen a paar Übungen.‘“
Sepp hebt langsam den Zeigefinger.
„A bissl laufen.“
„Ja.“
„A paar Übungen.“
„Ja.“
„Des war die größte Fehlinformation, seit mir beim Ballett jemand gesagt hat, Plié wär ganz einfach.“
Da Onkel Franz fängt an zu lachen.
„Also. I komm in die Halle. Überall Leit in kurzen Hosen, Musik, Absperrungen und Menschen, die freiwillig ausschauen, als hätten sie seit drei Wochen nur Trainingspläne gegessen.“
„Und du?“
„I hab meine Lederhosn angehabt.“
Seine Schwester schlägt sich die Hand vors Gesicht.
„Sepp.“
„Ja mei! Sportlich is sportlich. Außerdem hat die Taschen.“
„Und dann?“
„Dann erklärt mir einer den Ablauf. Achtmal ein Kilometer laufen. Und nach jedem Kilometer kommt eine Station.“
Da Onkel Franz schaut ihn an.
„Acht Kilometer?“
„Ja.“
„Und dazwischen Sport?“
„Ja!“
„Was is dann das Laufen?“
Sepp zeigt auf ihn.
„GENAU DES hab i aa gefragt!“
Die Familie lacht.
„Der Typ sagt: ‚Erst ein Kilometer Run, dann SkiErg. Dann wieder ein Kilometer. Dann Sled Push. Wieder ein Kilometer. Sled Pull.‘“
Sepp hält kurz inne.
„I hab ihn nach der dritten Station unterbrochen.“
„Warum?“
„Weil i wissen wollt, ob irgendwann auch einmal was kommt, bei dem ma sitzen darf.“
„Kommt doch Rudern.“
„Ja. Später. Aber bis dahin bist schon so fertig, dass Sitzen allein nimmer als Erholung gilt.“
Er nimmt einen Schluck Kaffee.
„Also Start. Alle rennen los. I natürlich mit.“
„Wie schnell?“
„Vernünftig.“
Onkel Franz grinst.
„Langsam?“
„Vernünftig!“
„Und nach dem ersten Kilometer?“
„Komm i in die sogenannte ROXZONE.“
Sepp schaut bedeutungsvoll in die Runde.
„ROXZONE.“
„Was is des?“
„Des is der Bereich zwischen Laufen und Station.“
„Aha.“
„I hab gedacht, des wär eine Ruhezone.“
Die Schwester lacht.
„War’s nicht?“
„Überhaupt ned! Da stehen Leute und schreien, wo du hinmusst. I sag: ‚Entschuldigung, wo kann i mich kurz hinsetzen?‘ Und der zeigt bloß auf ’n SkiErg.“
„SkiErg?“
„Langlauf.“
„In der Halle?“
„Ohne Schnee.“
Da Onkel Franz schaut ihn lange an.
„Sepp.“
„Ja.“
„Du läufst erst einen Kilometer, damit du danach Langlauf machen kannst, ohne dich fortzubewegen?“
„Franz, i hab des Konzept ned erfunden.“
Sepp stellt die Tasse ab.
„Also greif i die zwei Griffe und zieh. Tausend Meter.“
„Geht doch.“
„Am Anfang schon. I zieh links, rechts, links, rechts. Nach hundert Metern denk i: sauber. Nach dreihundert denk i: interessant. Nach fünfhundert hab i mit dem Gerät persönlich abgeschlossen.“
„Und bei tausend?“
„Bei tausend hab i dem SkiErg alles Gute für seinen weiteren Lebensweg gewünscht.“
Gelächter.
„Dann sagt einer: ‚Weiter zum Run!‘“
Sepp schaut empört.
„Weiter zum Run! Als wär vorher nix gewesen.“
„Also wieder ein Kilometer?“
„Freili.“
„Und dann?“
Sepp wird ernst.
„Dann kam der Schlitten.“
Da Onkel Franz lehnt sich vor.
„Jetzt wird’s interessant.“
„Ja. Weil i seh den Schlitten und denk ma: Endlich kenn i was.“
„Aber?“
„Koa Schnee.“
„Nirgends.“
Seine Mutter lacht.
„Vielleicht war’s ein Trainingsschlitten.“
„Des hab i dann aa rausgefunden. Aber zuerst hab i den Trainer gefragt, ob des organisatorisch wirklich durchdacht is.“
„Was hat er gesagt?“
„‚Push the sled.‘“
Sepp hebt beide Hände.
„Also schieb i.“
„Und?“
„Nix.“
„Wie nix?“
„Der Schlitten bewegt sich ned.“
Da Onkel Franz grinst.
„Zu schwer?“
„Na. I hab zuerst geglaubt, die Handbremse is drin.“
Der Tisch lacht.
„I such also irgendwo an Hebel. Gibt keinen. Der Helfer sagt: ‚Tiefer gehen, Druck nach vorne.‘“
Sepp steht auf und beugt sich vor.
„Also so.“
Er stemmt imaginär die Arme gegen den Tisch.
„Und dann bewegt er sich.“
„Na also.“
„Drei Zentimeter.“
„Immerhin.“
„Franz, i hab in meinem Leben Kühlschränke leichter umgezogen.“
Er setzt sich wieder.
„I schieb. Und schieb. Und irgendwann denk i ma: Wenn des Ding schon Schlitten heißt, dann soll wenigstens einer drauf sitzen und ‚Hüah!‘ rufen.
Aber nix. Du kriegst bloß Gewichte und schlechte Gedanken.“
Seine Schwester lacht.
„Dann wieder laufen?“
„Natürlich wieder laufen.“
„Und danach?“
„Sled Pull.“
Da Sepp schweigt.
„Was is?“, fragt seine Mutter.
„Da hab i kurz geglaubt, jetzt holen wir den Schlitten wieder zurück.“
Onkel Franz prustet los.
„Erst schiebst ihn weg und dann ziehst ihn wieder her?“
„JA!“
„Warum?“
„Des wollt i wissen! In Bayern nennt ma des schlechte Planung.“
Die Familie lacht.
„Du stehst also da, greifst ein Seil und ziehst den Schlitten zu dir. Meter für Meter.“
„Ging’s besser?“
„I hab beim dritten Zug angefangen, mit dem Schlitten zu verhandeln.“
„Was hast gesagt?“
„‚Komm. Geh her. Mir gfreit’s aa ned.‘“
„Hat geholfen?“
„Na.“
Sepp schüttelt den Kopf.
„Dann wieder ein Kilometer.“
„Natürlich.“
„Und dann Burpee Broad Jumps.“
Da Onkel Franz schaut ratlos.
„Was?“
„Hinlegen. Aufstehen. Nach vorn springen. Wieder hinlegen. Aufstehen.
Springen.“
Sepp schaut seine Familie an.
„Achtzig Meter.“
Seine Mutter sagt vorsichtig: „Freiwillig?“
„Angeblich.“
„Und wie war’s?“
„Die ersten drei san gegangen. Beim vierten hab i angefangen, den Boden sympathisch zu finden.“
Da Onkel Franz lacht.
„I lieg also unten und denk ma: Eigentlich is es hier ganz angenehm.“
„Aber du musstest wieder aufstehen.“
„Genau des is der Konstruktionsfehler beim Burpee.“
Seine Schwester hält sich den Bauch.
„Und der Broad Jump?“
„Des is der Sprung nach vorne.“
„Weit?“
„Bei den anderen ja.“
„Bei dir?“
Sepp zeigt mit Daumen und Zeigefinger einen kleinen Abstand.
„Sagen wir so: Die Erdrotation hat mehr zur Vorwärtsbewegung beigetragen als i.“
Der Tisch lacht laut.
„Dann wieder ein Kilometer.“
„Sepp, des sagst jetzt schon zum vierten Mal.“
„I hab’s auch viermal erlebt!“
Er nimmt einen Schluck.
„Dann endlich Rudern. Tausend Meter.“
„Da kannst sitzen.“
„Genau. I war richtig glücklich. I setz mi hin und denk: Endlich a vernünftige Station.“
„Und?“
„Nach zweihundert Metern war Sitzen nimmer des Hauptproblem.“
„Was dann?“
„Alles andere.“
Sepp macht eine Ruderbewegung.
„Ziehen, Beine, Rücken, Arme. Und der Bildschirm zeigt dir ganz nüchtern, dass du noch ewig rudern musst.“
„Aber du kommst vorwärts.“
„Na! Des is ja des Nächste! Tausend Meter gerudert und am Ende steht des Gerät exakt am selben Fleck.“
Da Onkel Franz klopft auf den Tisch.
„HYROX is offenbar Sport für Leute, die sehr weit kommen wollen, ohne irgendwo anzukommen.“
Sepp zeigt auf ihn.
„Endlich versteht mi einer.“
„Dann wieder ein Kilometer?“
„Freili.“
„Was kam danach?“
Sepp lächelt zum ersten Mal.
„Farmers Carry.“
Da Onkel Franz nickt anerkennend.
„Endlich Landwirtschaft.“
„Hab i aa gedacht!“
„Was musst machen?“
„Zwoa schwere Kettlebells nehmen und zweihundert Meter tragen.“
Sepp lehnt sich zurück.
„Da war i daheim.“
„Echt?“
„Franz, i trag seit dreißig Jahren Bierkästen. Des war die erste Station, bei der i kulturell vorbereitet war.“
Die Familie lacht.
„I greif die Gewichte und marschier los. Rücken gerade. Arme lang. Einfach tragen.“
„Und des konntest?“
„Freili. Bloß nach hundert Metern san meine Finger der Meinung gewesen, dass Kultur allein ned reicht.“
„Hast abgesetzt?“
Sepp schaut beleidigt.
„Natürlich ned.“
„Fast ned.“
„Was heißt fast?“
„I hab sie einmal ganz kurz auf ’n Boden gestellt.“
„Also abgesetzt.“
„Technische Zwischenlagerung.“
Da Onkel Franz wischt sich die Augen.
„Dann wieder ein Kilometer.“
„Und dann?“
„Sandbag Lunges.“
Seine Mutter fragt: „Was machst da?“
„An Sandsack auf die Schulter und hundert Meter Ausfallschritte.“
Sepp nimmt seine Tasse, schaut hinein und stellt sie wieder ab.
„Hundert Meter.“
„Des klingt anstrengend.“
„Mama, nach dem dritten Ausfallschritt hab i verstanden, warum der Sack Sand drin hat.“
„Warum?“
„Damit er schwer is.“
Seine Schwester lacht.
„Des is der Sinn.“
„Ja, aber warum bringt ma den Sand ned einfach dorthin, wo er gebraucht wird? I trag den hundert Meter durch eine Halle und am Ende liegt er wieder da.“
Onkel Franz nickt.
„Wieder schlechte Logistik.“
„Genau.“
Sepp steht auf und demonstriert einen Ausfallschritt.
„Knie runter. Aufstehen. Nächster Schritt. Knie runter. Aufstehen.“
Seine Knie knacken hörbar.
Er bleibt stehen.
„So ähnlich hat’s gestern aa geklungen.“
„Und dann?“
„Dann hat einer gesagt: ‚Keep moving!‘“
„Und?“
„I sag: ‚I beweg mi doch! Die Frage is nur, ob des von außen schon sichtbar is.‘“
Gelächter.
„Dann kommt der letzte Lauf.“
Sepp wird still.
„Der achte Kilometer.“
„Warst fertig?“
„I war an dem Punkt, wo i beim Laufen überlegt hab, ob Gehen nicht eigentlich nur sehr langsames Laufen is.“
„Und dann die letzte Station.“
Sepp nickt.
„Wall Balls.“
Da Onkel Franz runzelt die Stirn.
„Ball gegen die Wand?“
„Fast. Du nimmst an Medizinball, gehst in die Knie, stehst auf und wirfst ihn oben an ein Ziel.“
„Wie oft?“
Sepp schaut ihn an.
„Hundertmal.“
„Hundert?“
„Hundert.“
Seine Mutter schüttelt den Kopf.
„Was hat die Wand verbrochen?“
Da Sepp zeigt auf sie.
„DANKE!“
Die Familie lacht.
„Also erster Wall Ball. Runter. Hoch. Werfen. Trifft.“
„Eins.“
„Zweiter. Trifft.“
„Zwei.“
„Dritter.“
Sepp verzieht das Gesicht.
„Und dann hör i plötzlich: ‚No rep!‘“
Onkel Franz schaut irritiert.
„Was heißt des?“
„Dass er ned zählt.“
„Warum?“
„Angeblich war i ned tief genug.“
Da Sepp wird empört.
„I war so tief, dass i meine Jugend von unten gesehen hab!“
Der ganze Tisch lacht.
„Also noch einmal. Runter. Hoch. Werfen.“
„Zählt?“
„Ja.“
„Dann weiter.“
„Bei ungefähr dreißig kommt wieder: ‚No rep!‘“
„Was diesmal?“
„Ball zu niedrig.“
Sepp hebt beide Hände.
„Der Ball war oben! I hab ihn gesehen!“
„Aber nicht hoch genug.“
„Des is eine sehr kleinliche Wand.“
Seine Schwester lacht laut.
„Bei sechzig hab i angefangen, mit dem Judge zu diskutieren.“
„Während der Wall Balls?“
„Freili. I sag: ‚Schau, wir zwei wollen doch beide heim. Wennst jetzt einfach ein bissl großzügiger zählst, profitieren alle.‘“
„Und?“
„No rep.“
Onkel Franz legt den Kopf auf den Tisch.
„Bei neunzig war i komplett fertig. Die Arme schwer, die Beine schwer, der Ball schwer, sogar die Musik war schwer.“
„Und die letzten zehn?“
Sepp wird plötzlich etwas ruhiger.
„Da haben die Leit außen angefangen zu schreien.“
„Was?“
„Meinen Namen. ‚Sepp! Sepp! Komm! Weiter!‘“
Seine Mutter lächelt.
„Hat geholfen?“
Sepp nickt.
„Ja.“
„I hab zwar nimmer gewusst, warum i des mach. Aber plötzlich willst die letzten zehn aa noch.“
„Und der hundertste?“
Sepp richtet sich auf.
„Runter. Hoch. Ball rauf.“
Er hebt beide Hände.
„Trifft.“
„Und?“
„Kein No rep.“
„Also geschafft.“
„Geschafft.“
Da Onkel Franz schaut ihn eine Weile an.
„Und dann?“
„Dann bist im Ziel.“
„Wie war des?“
Sepp überlegt.
„Komisch.“
„Wieso?“
„Weil du vorher eine Stunde lang bei jeder Station denkst: Wer hat sich den Schmarrn ausgedacht?“
Alle lachen.
„Und im Ziel denkst plötzlich: Eigentlich war’s gar ned schlecht.“
Seine Schwester grinst.
„Des klingt gefährlich.“
„Is es aa.“
„Warum?“
Sepp nimmt einen langen Schluck Kaffee.
„Weil d’Moni direkt danach zu mir sagt: ‚Nächstes Mal machen wir Doubles.‘“
Da Onkel Franz schaut auf.
„Doppelt?“
„Des hab i aa gesagt.“
„Und was heißt es wirklich?“
„Zu zweit.“
„Dann is es leichter.“
Sepp schaut ihn sehr lange an.
„Franz.“
„Ja?“
„Wenn jemand beim Sport sagt: ‚Zu zweit is leichter‘, glaub i inzwischen gar nix mehr.“
Die Familie lacht.
Seine Mutter fragt: „Und? Machst es wieder?“
Da Sepp schaut in seine Tasse.
Dann auf seine Hände.
Dann auf die Familie.
„Freili.“
„Warum?“
Sepp lehnt sich zurück.
„Weil i mit den Wall Balls noch a Rechnung offen hab.“
Onkel Franz grinst.
„Und mit dem Schlitten?“
Sepp nickt langsam.
„Mit dem aa.“
„Aber wenn i den noch einmal ohne Schnee schieben soll, nehm i wenigstens an Schal mit.“
Aber eins nach’m andern.
