„Also“, sagt da Sepp beim Sonntagskaffee, „i war griechisch essen.“
Onkel Franz legt die Zeitung weg.
„Gyros?“
„Auch.“
„Tzatziki?“
„Sehr.“
„Ouzo?“
Sepp hebt die Hand.
„Franz.“
„Was?“
„Wir gehen der Reihe nach.“
Der Tisch lacht.
„Wie kam’s?“
„Mein Nachbar sagt: ‚Sepp, komm, heute gehen wir zum Griechen.‘“
„Und du?“
„I sag: ‚Freili.‘“
„Nach dem Italiener wollt i meine internationale Karriere fortsetzen.“
Gelächter.
„Dann kommt ihr rein.“
„Ja.“
„Schön?“
„Sehr.“
„Blau-weiß?“
„Natürlich.“
„Olivenzweige?“
„Ja.“
„Bilder vom Meer?“
„Ja.“
Sepp nickt.
„Nach drei Minuten hab i mich gefragt, warum i eigentlich noch in Bayern bin.“
Der Tisch lacht.
„Der Kellner kommt.“
„Sehr freundlich.“
„Was sagt er?“
„Kalimera.“
„Abends?“
Sepp überlegt.
„Vielleicht war’s auch Kalispera.“
„Wahrscheinlich.“
„I hab Servus gesagt.“
„Funktioniert international.“
„Bisher immer.“
„Dann Karte.“
Sepp wird ernst.
„Da ging’s schon wieder los.“
„Was?“
„Viele Wörter.“
„Griechische?“
„Franz.“
„Schon gut.“
„Taramas.“
„Fischrogencreme.“
„Dolmadakia.“
„Gefüllte Weinblätter.“
„Saganaki.“
„Gebratener Käse.“
„Skordalia.“
„Knoblauchcreme.“
„Kolokithokeftedes.“
Onkel Franz schweigt.
Sepp zeigt auf ihn.
„Siehst.“
Gelächter.
„Was ist das?“
„Zucchinipuffer.“
„Aha.“
Sepp nickt.
„Kann man auch gleich sagen.“
„Dann wär’s weniger griechisch.“
„Aber schneller bestellt.“
Der Tisch lacht.
„Was habt ihr genommen?“
„Der Kellner sagt: ‚Vielleicht ein paar Mezedes für den Tisch?‘“
„Kleine Vorspeisen.“
„Das hab i auch gedacht.“
„Und?“
Sepp lehnt sich vor.
„Des Wort klein ist dort relativ.“
Gelächter.
„Was kam?“
„Erst Brot.“
„Pita?“
„Ja.“
„Oliven.“
„Ja.“
„Tzatziki.“
„Ja.“
„Feta.“
„Ja.“
„Dolmades.“
„Ja.“
„Auberginencreme.“
„Ja.“
„Paprikacreme.“
„Ja.“
„Gebratene Zucchini.“
„Ja.“
„Saganaki.“
„Ja.“
„Und irgendwann war kein Tisch mehr da.“
Der Tisch lacht.
„Nur noch Teller.“
„Genau.“
„Mezedes.“
Sepp schaut skeptisch.
„Bei uns heißt des Brotzeit.“
Gelächter.
„Wie war das Tzatziki?“
Sepp wird feierlich.
„Sehr gut.“
„Viel Knoblauch?“
„Franz.“
„Ja?“
„Sehr viel Knoblauch.“
„Gut.“
„Gut schon.“
„Aber?“
Sepp schaut in die Runde.
„Wenn du danach heimfährst, brauchst kein Wildwarnsystem mehr.“
Gelächter.
„Warum?“
„Die Rehe riechen dich drei Kilometer vorher.“
Der Tisch lacht.
„Und der Feta?“
„Gut.“
„Schafskäse.“
„Ja.“
„Mit Olivenöl.“
„Ja.“
„Oregano.“
„Ja.“
Sepp nickt.
„Das ist schon interessant.“
„Was?“
„Bei uns liegt Käse auf dem Brot.“
„Ja.“
„Beim Griechen liegt der Käse da wie ein eigenes Gericht.“
„Richtig.“
„Mit Öl.“
„Ja.“
„Gewürzen.“
„Ja.“
„Und Respekt.“
Gelächter.
„Dann Saganaki.“
„Kam heiß.“
„Sehr heiß.“
„Der Kellner sagt noch: Vorsicht.“
„Und?“
Sepp schaut beleidigt.
„I hab natürlich sofort probiert.“
„Natürlich.“
„Und?“
„Jetzt weiß i, dass Käse innen länger heiß bleibt als außen.“
Gelächter.
„Zunge verbrannt?“
„Nur kurz.“
„Und gelernt?“
Sepp überlegt.
„Beim nächsten Stück hab i zwei Sekunden gewartet.“
Der Tisch lacht.
„Dann Salat.“
„Griechischer Bauernsalat.“
„Choriatiki.“
„Genau.“
„Tomaten.“
„Ja.“
„Gurke.“
„Ja.“
„Oliven.“
„Ja.“
„Zwiebeln.“
„Ja.“
„Feta oben drauf.“
„Ein ganzer Block.“
Sepp macht mit beiden Händen eine rechteckige Form.
„Nicht gerieben.“
„Nein.“
„Nicht gewürfelt.“
„Nein.“
„Einfach drauf.“
„Ja.“
Sepp nickt anerkennend.
„Klare Ansage.“
Gelächter.
„Und die Oliven?“
„Mit Stein.“
„Natürlich.“
Sepp wird ernst.
„Das hätte man dazusagen können.“
„Hast draufgebissen?“
„Einmal.“
„Oh.“
„Danach hab i jede Olive persönlich überprüft.“
Der Tisch lacht.
„Dann Hauptgericht.“
„Moment.“
Sepp hebt den Finger.
„Vorher kam Ouzo.“
„Ah.“
„Vom Haus?“
„Vom Haus.“
Sepp strahlt.
„Da war mir der Laden sofort sympathisch.“
Gelächter.
„Was sagt der Kellner?“
„Jamas.“
„Zum Wohl.“
„I sag: Prost.“
„Auch international.“
„Genau.“
„Und?“
Sepp nimmt imaginär das Glas.
„Klein.“
„Ja.“
„Klar.“
„Ja.“
„Harmlos aussehend.“
„Ja.“
Sepp schaut in die Runde.
„Täuschung.“
Gelächter.
„Stark?“
„Erst denkst du: geht.“
„Und dann?“
„Dann kommt er.“
„Anis.“
„Ja.“
„Und Wärme.“
„Ja.“
„Und plötzlich findest du Griechenland noch schöner.“
Der Tisch lacht.
„Noch einen?“
Sepp schweigt.
„Sepp?“
„Später.“
Gelächter.
„Dann Hauptgericht.“
„Jetzt.“
„Was hast bestellt?“
„Gyros.“
„Klassiker.“
„Mit was?“
„Pommes.“
„Ja.“
„Reis.“
„Auch.“
„Tzatziki.“
„Natürlich.“
„Salat.“
„Auch.“
Onkel Franz schaut ihn an.
„Pommes und Reis?“
„Beides.“
„Warum?“
Sepp zuckt mit den Schultern.
„Stand so.“
Gelächter.
„Dann kommt der Teller.“
„Groß?“
Sepp schaut ihn an.
„Franz.“
„Sehr groß?“
„Der Teller hatte eigene Postleitzahl.“
Gelächter.
„So viel?“
„Fleisch hier.“
Sepp zeigt nach links.
„Pommes da.“
Er zeigt nach rechts.
„Reis hinten.“
Er deutet nach vorne.
„Salat irgendwo.“
„Und Tzatziki?“
„In einer Ecke, die noch frei war.“
Der Tisch lacht.
„Gyros gut?“
„Sehr.“
„Knusprig?“
„Ja.“
„Saftig?“
„Ja.“
„Gewürzt?“
„Sehr.“
Sepp nickt zufrieden.
„Da gibt’s nix.“
„Dann warst glücklich.“
„Bis mein Nachbar Souvlaki kriegt.“
„Fleischspieße.“
„Genau.“
„Und?“
„I schau rüber.“
„Ja.“
„Er schaut zu mir.“
„Ja.“
„Dann tauschen wir.“
„Ein Stück?“
„Natürlich.“
Sepp überlegt.
„Wir betreiben kulinarische Forschung.“
Gelächter.
„Wie war Souvlaki?“
„Sehr gut.“
„Und Gyros?“
„Auch.“
„Unterschied?“
Sepp denkt nach.
„Das eine dreht sich vorher.“
Der Tisch lacht.
„Technisch richtig.“
„Mehr muss i nicht wissen.“
„Moussaka gab’s auch?“
„Am Nachbartisch.“
„Aubergine, Hackfleisch, Kartoffeln, Béchamel.“
„Ja.“
Sepp schüttelt den Kopf.
„Das ist Lasagne ohne Nudeln.“
„Sepp.“
„Was?“
„Das ist Moussaka.“
„Sag i ja.“
Gelächter.
„Hast probiert?“
„Nein.“
„Warum nicht?“
Sepp blickt auf seinen imaginären Teller.
„I hatte noch ein Bauprojekt.“
„Was für eins?“
„Den Gyrosteller abbauen.“
Der Tisch lacht.
„Geschafft?“
Sepp denkt nach.
„Fast.“
„Fast?“
„Dann kommt der Kellner.“
„Und?“
„‚Alles gut?‘“
„Ja.“
„I sag: ‚Sehr gut.‘“
„Und?“
„Er schaut auf den Teller.“
„Ja.“
„Sagt: ‚Sie haben ja kaum gegessen.‘“
Der Tisch lacht.
„Kaum?“
„Franz, i war kurz beleidigt.“
„Was hast gesagt?“
„‚I arbeite dran.‘“
Gelächter.
„Dann bringt er noch Brot.“
„Natürlich.“
Sepp schaut fassungslos.
„Warum?“
„Griechische Gastfreundschaft.“
„I hatte bereits Brot.“
„Ja.“
„Mezedes.“
„Ja.“
„Salat.“
„Ja.“
„Gyros.“
„Ja.“
„Pommes.“
„Ja.“
„Reis.“
„Ja.“
„Und dann denkt einer: Dem Mann fehlt Brot.“
Der Tisch lacht.
„Vielleicht für die Sauce.“
„Welche Sauce?“
„Tzatziki.“
„Das ist keine Sauce.“
„Was dann?“
Sepp überlegt.
„Lebensentscheidung.“
Gelächter.
„Warum?“
„Weil du danach niemanden mehr spontan küsst.“
Der Tisch lacht.
„Dann war Schluss?“
Sepp hebt die Hand.
„Du kennst Restaurants schlecht.“
„Dessert.“
„Genau.“
„Baklava?“
„Stand auf der Karte.“
„Mit Honig und Nüssen.“
„Ja.“
„Hast genommen?“
Sepp schweigt.
„Sepp?“
„Der Kellner hat gefragt.“
„Und?“
„I wollte Nein sagen.“
„Aber?“
„Dann sagt er: ‚Vielleicht ein kleines Dessert?‘“
Der Tisch beginnt schon zu lachen.
„Und du?“
„I hab nach dem Wort klein gefragt.“
Gelächter.
„Was kam?“
„Joghurt.“
„Griechischer Joghurt.“
„Ja.“
„Mit Honig.“
„Ja.“
„Walnüssen.“
„Ja.“
„Sehr gut.“
„Sehr.“
Sepp nickt.
„Und schwerer, als Joghurt das Recht hat zu sein.“
Der Tisch lacht.
„Fettgehalt.“
„Genau.“
„Griechischer Joghurt.“
„I hab beim Essen verstanden, warum der Löffel stabil sein muss.“
Gelächter.
„Und Baklava?“
„Hat mein Nachbar genommen.“
„Natürlich probiert?“
Sepp schaut empört.
„Franz.“
„Schon gut.“
„Nur ein Stück.“
„Süß?“
„Sehr.“
„Honig.“
„Sehr.“
„Nüsse.“
„Sehr.“
„Blätterteig.“
„Sehr.“
Sepp lehnt sich zurück.
„Das Dessert diskutiert nicht.“
Gelächter.
„Was meinst?“
„Das kommt rein und sagt: Jetzt bin i da.“
Der Tisch lacht.
„Dann Kaffee?“
„Griechischen Kaffee.“
„Ah.“
„Klein.“
„Stark.“
„Ja.“
„Mit Satz.“
Sepp verzieht das Gesicht.
„Des hab i gemerkt.“
„Du darfst den letzten Schluck nicht trinken.“
„Jetzt weiß i’s.“
„Hast ihn getrunken?“
„Fast.“
„Und?“
Sepp schüttelt sich.
„Da war plötzlich Erde im Kaffee.“
Gelächter.
„Kaffeesatz.“
„Sag i ja.“
„Man kann daraus die Zukunft lesen.“
Sepp schaut Onkel Franz an.
„Meine Zukunft war klar.“
„Was?“
„Wasser.“
Der Tisch lacht.
„Dann kam bestimmt noch ein Ouzo.“
Sepp schaut zur Seite.
„Vielleicht.“
„Vom Haus?“
„Natürlich.“
„Jamas.“
„Jamas.“
„Und dann noch einer?“
Sepp schweigt wieder.
„Sepp.“
„Der Kellner war sehr gastfreundlich.“
Gelächter.
„Wie viele?“
„I hab nicht mitgeschrieben.“
„Zwei?“
„Mindestens.“
„Drei?“
Sepp räuspert sich.
„Wir müssen nicht jede Zahl veröffentlichen.“
Der Tisch lacht.
„Dann Rechnung.“
„Genau.“
„Teuer?“
Sepp überlegt.
„Weniger schlimm als gedacht.“
„Nach all dem Essen?“
„Ja.“
„Dann zufrieden.“
„Sehr.“
„Trinkgeld?“
„Natürlich.“
„Abschied?“
„Herzlich.“
„Was sagt der Kellner?“
„‚Efcharistó.‘“
„Danke.“
„I sag: ‚Servus.‘“
„Wieder.“
„Hat bisher immer funktioniert.“
Gelächter.
„Dann heim.“
„Langsam.“
„Wegen Ouzo?“
Sepp schaut streng.
„Wegen dem Essen.“
„Natürlich.“
„I bin aufgestanden.“
„Ja.“
„Und hab gemerkt, dass mein Gürtel plötzlich eine politische Position gegen mich eingenommen hat.“
Der Tisch lacht.
„Zu eng?“
„Sehr.“
„Hättest weniger essen müssen.“
Sepp schaut empört.
„Beim Griechen?“
„Ja.“
„Franz, da wird doch dauernd nachgelegt.“
Gelächter.
„Also insgesamt?“
Sepp denkt nach.
„Sehr gut.“
„Was hat dir am besten gefallen?“
„Das Essen.“
„Ja.“
„Die Gastfreundschaft.“
„Ja.“
„Der Ouzo.“
„Natürlich.“
„Und dieses Teilen.“
„Mezedes.“
„Genau.“
„Jeder nimmt überall.“
„Ja.“
Sepp nickt.
„Das gefällt mir.“
„Warum?“
„Du musst dich nicht entscheiden.“
„Stimmt.“
„Du bestellst fünf Sachen.“
„Ja.“
„Dann kommen zwölf.“
Der Tisch lacht.
„So schlimm war’s nicht.“
„Gefühlt schon.“
„Würdest wieder hingehen?“
„Sofort.“
„Was bestellst nächstes Mal?“
Sepp zählt.
„Saganaki.“
„Ja.“
„Souvlaki.“
„Ja.“
„Vielleicht Moussaka.“
„Sehr gut.“
„Und Mezedes.“
„Natürlich.“
„Und Gyros?“
Sepp denkt nach.
„Vielleicht.“
„Vielleicht?“
„I muss vorher trainieren.“
Gelächter.
„Wofür?“
„Tellergröße.“
Der Tisch lacht.
Onkel Franz grinst.
„Und den Ouzo?“
Sepp hebt die Kaffeetasse.
„Franz.“
„Was?“
„Der kommt sowieso.“
Gelächter.
Sepp lächelt.
„Aber eins hab i beim Griechen gelernt.“
„Was?“
„Wenn der Kellner sagt: ‚Ich bringe Ihnen nur eine Kleinigkeit vorweg‘—“
„Ja?“
Sepp hebt den Finger.
„Dann räum dein Handy vom Tisch.“
„Warum?“
„Weil du den Platz noch brauchst.“
Aber eins nach’m andern.
