„Also“, sagt da Sepp beim Sonntagskaffee, „i war in Hamburg.“
Da Onkel Franz legt seine Zeitung weg.
„Hamburg?“
„Ja.“
„Ganz oben?“
„Freili ganz oben.“
Sepp nimmt einen Schluck Kaffee.
„Weiter oben kommst in Deutschland fast bloß noch mit’m Schiff.“
Seine Schwester grinst.
„Und wie war’s?“
„Anders.“
„Was heißt anders?“
„Zum Beispiel redet dort kaum einer.“
„In Hamburg?“
„Ja.“
Sepp schaut ernst in die Runde.
„Die sagen ‚Moin‘.“
„Ja.“
„Des war’s dann meistens.“
„Beim ersten Mal hab i gedacht, der Mann hat den Rest vom Satz vergessen.“
Onkel Franz lacht.
„Moin heißt Hallo.“
„Des weiß i jetzt.“
„Kannst morgens sagen.“
„Ja.“
„Mittags auch.“
„Ja.“
„Abends auch.“
Sepp hebt die Hand.
„Und genau da beginnt mein Problem.“
Seine Mutter lächelt.
„Warum?“
„Wenn einer um halb sechs am Abend zu mir ‚Moin‘ sagt, möcht i ihm erklären, dass der Vormittag schon länger vorbei is.“
Seine Schwester lacht.
„Moin hat nichts mit Morgen zu tun.“
„Dann hätten’s ja gleich Servus sagen können.“
„Tun sie aber nicht.“
„Eben.“
Sepp lehnt sich zurück.
„Also komm i am Hauptbahnhof an. I geh raus. Wind.“
„War’s kalt?“
„Ned besonders.“
„Dann?“
„Wind.“
Er deutet mit beiden Händen um seinen Kopf.
„Der kommt dort ned von einer Richtung. Der kommt persönlich.“
Onkel Franz grinst.
„Persönlich?“
„Ja. Der sucht dich.“
Gelächter.
„I hatte meinen Hut auf.“
„Den grünen?“
„Freili.“
„Mit Feder?“
„Natürlich.“
Sepp schaut beleidigt.
„I fahr doch ned nach Hamburg und geb meine Identität am Bahnhof ab.“
„Und der Wind?“
„Der hat anderer Meinung gehabt.“
„Beim ersten Luftstoß war die Feder waagerecht.“
„Und beim zweiten?“
„Der Hut fast in Altona.“
Der Tisch lacht.
„I hab ihn festgehalten und bin Richtung Hafen.“
„Zu Fuß?“
„Ja.“
„Weit.“
„Des hab i dann auch gemerkt.“
Sepp schüttelt den Kopf.
„Auf der Karte schaut des alles näher aus.“
„Das ist bei Karten oft so.“
„Na.“
Sepp tippt auf den Tisch.
„In Bayern steht zwischen zwei Orten wenigstens ein Berg. Dann weißt, warum’s dauert.“
„Und in Hamburg?“
„Da siehst dauernd Wasser und denkst: Da geh i einfach rüber.“
„Geht nicht.“
„Eben.“
„Dann komm i zu den Landungsbrücken.“
„Schön dort.“
Sepp wird etwas ruhiger.
„Ja.“
„Große Schiffe?“
„Alles.“
Er zählt auf.
„Fähren. Schlepper. Barkassen. Containerschiffe. Möwen.“
„Möwen sind keine Schiffe.“
„Die benehmen sich aber, als gehört ihnen der Hafen.“
Seine Schwester lacht.
„Eine sitzt direkt neben mir auf’m Geländer.“
„Und?“
„Schaut mich an.“
„Ja.“
„I schau zurück.“
„Und dann?“
„Nix.“
„Dann kauf i mir a Fischbrötchen.“
Onkel Franz beginnt zu lachen.
„Ah.“
Sepp zeigt mit dem Finger auf ihn.
„Die Möwe hat sofort gewusst, was Sache is.“
„Hat sie’s geklaut?“
„Fast.“
„Wie fast?“
„I heb das Brötchen an.“
Sepp demonstriert es.
„Da kommt von links ein weiß-grauer Blitz.“
„Und?“
„I zieh zurück.“
„Gerettet?“
„Ja.“
„Aber plötzlich sitzen sechs Möwen da.“
Seine Mutter lacht.
„Verstärkung.“
„Genau.“
Da Sepp schaut empört.
„Die arbeiten organisiert.“
Der Tisch lacht.
„I ess also mein Fischbrötchen mit’m Rücken zur Wand.“
„Aus Angst vor Möwen?“
„Aus taktischen Gründen.“
„Und wie war’s?“
Sepp nickt.
„Sehr gut.“
„Matjes?“
„Ja.“
„Mit Zwiebeln?“
„Ja.“
„Dann riechst wenigstens, wo du herkommst.“
Sepp schaut Onkel Franz an.
„Du bist heute besonders hilfreich.“
Gelächter.
„Dann seh i die Fähre.“
„Welche?“
„Keine Ahnung. Eine von denen, wo ständig Leute draufgehen.“
„Hafenfähre.“
„Ja.“
„HVV.“
Sepp hebt die Augenbrauen.
„Genau. Öffentlicher Nahverkehr.“
„Ja.“
„Mit Schiff.“
„Ja.“
Da Sepp hält kurz inne.
„Des hat mir gefallen.“
„Warum?“
„Bei uns setzt dich in den Bus und schaust auf Kreisverkehre.“
„Und dort?“
„Setzt dich aufs Schiff und fährst über die Elbe.“
Er nickt anerkennend.
„Des is schon eine andere Art von Monatskarte.“
Seine Schwester lacht.
„Bist mitgefahren?“
„Freili.“
„Wohin?“
„Weiß i nimmer genau.“
„Wie kannst das nicht wissen?“
„Weil i am Anfang nur geschaut hab.“
Sepp lehnt sich vor.
„Container. Kräne. Docks. Riesige Schiffe.“
„Beeindruckend.“
„Sehr.“
„Dann frag i einen Mann neben mir: ‚Fährt die Fähre eigentlich wieder zurück?‘“
„Und?“
„Er sagt: ‚Jo.‘“
Sepp wartet.
„Mehr nicht?“
„Mehr nicht.“
„Typisch.“
„I sag: ‚Wann?‘“
„Und?“
„Er schaut mich an und sagt: ‚Später.‘“
Der Tisch lacht.
„Da hab i gemerkt: In Hamburg kann man mit sehr wenig Sprache erstaunlich viel offenlassen.“
Onkel Franz wischt sich die Augen.
„Dann kommst zur Elbphilharmonie.“
„Freili.“
„Warst oben?“
„Ja.“
„Plaza?“
„So heißt des.“
Sepp nickt.
„I geh rein und denk: Jetzt muss i bestimmt Eintritt zahlen.“
„Für die Plaza nicht unbedingt.“
„Genau.“
„Und die Rolltreppe?“
Sepp schaut sofort auf.
„Die Rolltreppe!“
„Lang, oder?“
„Des is keine Rolltreppe.“
„Was dann?“
„Des is a Reise.“
Gelächter.
„Du steigst unten drauf.“
„Ja.“
„Und oben bist älter.“
Seine Schwester lacht.
„So lang ist sie auch nicht.“
„Gefühlt schon.“
„Und oben?“
Sepp macht eine kleine Pause.
„Schön.“
„Die Aussicht?“
„Sehr.“
Er schaut einen Moment aus dem Fenster.
„Hafen. Stadt. Wasser. Schiffe. Alles gleichzeitig.“
„Und was hast gesagt?“
„Nix.“
Onkel Franz grinst.
„Schon Hamburger geworden.“
„Na.“
Sepp hebt den Finger.
„I hab bloß geschaut.“
„Dann kam wieder Wind.“
Der Tisch lacht.
„Oben auf der Plaza noch mehr.“
„Freili.“
„Mein Hut war diesmal vorbereitet.“
„Wie?“
„I hab ihn festgehalten.“
„Die ganze Zeit?“
„Fast.“
Da Sepp nickt ernst.
„In Hamburg braucht ein Trachtenhut eigentlich einen Sicherheitsgurt.“
Gelächter.
„Danach bin i in die Speicherstadt.“
„Da gefällt’s dir bestimmt.“
„Sehr.“
„Backstein.“
„Kanäle.“
„Brücken.“
„Ja.“
Sepp schaut seine Schwester an.
„Sehr viele Brücken.“
„Hamburg hat viele.“
„Des merkt man.“
„Mehr als Venedig.“
Sepp wird still.
„Des haben mir drei Leute erzählt.“
„Stimmt vermutlich.“
„I hab nach dem zweiten aufgehört mitzuzählen.“
„Die Brücken?“
„Die Leute, die mir des erzählen.“
Onkel Franz lacht.
„Und dann?“
„Kaffee.“
„Hamburger Kaffee?“
„Ja.“
„Im Café?“
„Freili.“
Sepp lehnt sich zurück.
„Die Bedienung sagt: ‚Moin.‘“
„Und du?“
„I sag: ‚Grüß Gott.‘“
„Wie hat sie reagiert?“
„Sie schaut mich an.“
„Dann sagt sie wieder: ‚Moin.‘“
Der Tisch lacht.
„Da war klar, wir bleiben kulturell beide bei unserer Linie.“
„Was hast bestellt?“
„Kaffee und Franzbrötchen.“
Onkel Franz grinst.
„Franzbrötchen.“
„Ja.“
„Wegen mir?“
„Na.“
Sepp schaut ihn trocken an.
„Des is wesentlich angenehmer.“
Gelächter.
„Zimt, Zucker, Butter.“
„Gut?“
„Sehr.“
„Besser als Brezn?“
Sepp wird ernst.
„Jetzt wirst leichtsinnig.“
Seine Mutter lacht.
„Anders.“
„Diplomatisch.“
„Ja.“
„Dann fängt’s an zu regnen.“
„Hamburg.“
„Ja.“
„Schietwetter.“
Sepp zeigt sofort auf seine Schwester.
„Genau des Wort.“
„Schietwetter.“
„I frag einen: ‚Regnet’s hier immer so?‘“
„Und?“
„Er sagt: ‚Nee. Manchmal ist Sturm.‘“
Der Tisch lacht.
„Sehr trocken.“
„Der Mann war trockener als i.“
„Hattest keinen Schirm?“
„Doch.“
„Dann war doch gut.“
Da Sepp schüttelt langsam den Kopf.
„Ihr wart noch nie mit Regenschirm und Hamburger Wind gleichzeitig unterwegs.“
„Ah.“
„Der Schirm geht nach oben.“
„Umgeklappt?“
„Sofort.“
„Kaputt?“
„Ned direkt.“
„Er war danach nur andersrum.“
Gelächter.
„Also lauf i ohne Schirm weiter.“
„Wohin?“
„An die Alster.“
„Binnenalster?“
„Ja.“
„Jungfernstieg.“
„Genau.“
Sepp blickt nachdenklich.
„Da ist alles plötzlich wieder ganz anders.“
„Wie?“
„Weniger Hafen. Mehr Stadt.“
„Schön?“
„Sehr.“
„Und die Schwäne?“
„Hab i gesehen.“
„Die waren wesentlich höflicher als die Möwen.“
Onkel Franz lacht.
„Haben dein Essen nicht geklaut?“
„I hatte nix mehr.“
„Dann weißt es nicht.“
Sepp schaut ihn streng an.
„Franz.“
„Schon gut.“
„Abends bin i dann Richtung St. Pauli.“
Seine Schwester grinst.
„Aha.“
„Was heißt aha?“
„Nichts.“
„I wollte die Reeperbahn sehen.“
„Natürlich.“
„Rein kulturell.“
„Natürlich.“
Da Sepp nickt ernst.
„I komm da hin und denk: Des ist jetzt aber belebt.“
„War viel los?“
„Sehr.“
„Musik?“
„Überall.“
„Leute?“
„Überall.“
„Lichter?“
„Überall.“
Sepp macht eine Pause.
„Und plötzlich redet Hamburg doch.“
Der Tisch lacht.
„Hast irgendwo was getrunken?“
„A Bier.“
„Hamburger Bier?“
„Ja.“
„Und?“
„Gut.“
„Sagst du zu allem.“
„Weil vieles gut war.“
Sepp nimmt seinen Kaffee.
„Aber dann hab i versucht, mit einem jungen Mann ins Gespräch zu kommen.“
„Wie?“
„I sag: ‚Ganz schön was los hier.‘“
„Und er?“
„‚Jo.‘“
„Mehr nicht?“
„Na.“
„Da war sie wieder.“
„Was?“
„Die Hamburger Sparsamkeit.“
Gelächter.
„Am nächsten Morgen geh i auf’n Fischmarkt.“
„Früh.“
„Sehr früh.“
„Wann?“
Sepp schaut düster.
„Zu früh.“
„Wie früh?“
„Eine Uhrzeit, bei der normale Menschen noch über den Sinn des Lebens schlafen.“
Der Tisch lacht.
„War was los?“
„Unglaublich.“
„Marktschreier?“
„Ja!“
Sepp wird lebhaft.
„Da steht einer und verkauft Obst, als müsste die ganze Stadt bis Mittag mit Vitaminen versorgt sein.“
„Und du hast gekauft?“
„Natürlich.“
„Was?“
„Einen Korb.“
„Mit Obst?“
„Mit allem.“
„Wie viel?“
Sepp schweigt.
„Sepp?“
„Zu viel.“
Gelächter.
„Der Mann ruft: ‚Hier noch zwei Ananas dazu!‘“
„Und?“
„I wollt gar keine Ananas.“
„Aber?“
„Plötzlich hatte i zwei.“
„So geht Fischmarkt.“
„Dann noch Bananen.“
„Auch?“
„Ja.“
„Äpfel?“
„Freili.“
„I bin als Tourist hingegangen und als Obsthändler zurück.“
Der Tisch lacht.
„Dann noch mal Hafen.“
„Natürlich.“
„I setz mich hin, Kaffee in der Hand, Wasser vor mir.“
Sepp wird ruhiger.
„Schiffe fahren vorbei.“
„Und?“
„Da denkst schon: Die Stadt lebt mit dem Wasser.“
„Ja.“
„In Bayern schaust auf die Berge.“
„Und Hamburg?“
„Schaut auf die Elbe.“
„Beides bewegt dich irgendwie.“
Seine Mutter lächelt.
„Dann hat’s dir gefallen?“
Sepp nickt.
„Sehr.“
„Trotz Wind?“
„Ja.“
„Trotz Regen?“
„Ja.“
„Trotz Möwen?“
„Mit Einschränkungen.“
Gelächter.
„Gehst wieder hin?“
„Freili.“
„Was willst dann machen?“
Sepp nimmt langsam seine Kaffeetasse.
„I hab gehört, in Hamburg gibt’s einen Ort, der heißt Blankenese.“
„Ja.“
„Mit Treppenviertel.“
„Genau.“
Sepp schaut misstrauisch in die Runde.
„I will bloß vorher wissen, warum man in einer Stadt ohne Berge so viele Treppen braucht.“
Aber eins nach’m andern.
