Mathias Ellmann
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Der Sepp · Geschichte 02 von 08

Der Sepp beim Kitesurfen

*

Oder: Warum hängt ma an einem Drachen, wenn ma eigentlich baden will?

9 Min. Lesezeit·Mathias Ellmann
HumorSportOutdoor
Der Sepp kitesurft auf einem Alpensee vor Bergkulisse.
Alle 8 Geschichten
  1. 01Der Sepp beim HYROX
  2. 02Der Sepp beim Kitesurfen
  3. 03Der Sepp beim Yoga
  4. 04Der Sepp im Ballettkurs
  5. 05Der Sepp im Salsa-Kurs
  6. 06Der Sepp im Bachata-Kurs
  7. 07Der Sepp beim Bachata Sensual
  8. 08Der Sepp lernt des Ballett-Bewegungslexikon

„Also“, sagt da Sepp beim Sonntagskaffee und schaut sehr ernst in die Runde, „i war beim Kitesurfen.“

Da Onkel Franz legt langsam seine Zeitung weg.

„Beim was?“

„Kitesurfen.“

Seine Mutter runzelt die Stirn.

„Mit so einem Drachen?“

Da Sepp zeigt sofort auf sie.

„DANKE. Genau des hab i aa gedacht.“

„Und?“

„Der Drachen war tatsächlich dabei.“

Kurze Pause

„Bloß hängt ma selber dran.“

Da Onkel Franz grinst.

„Wie bist jetzt auf des kommen?“

Sepp seufzt.

„D’Moni.“

Die Familie nickt geschlossen.

„Natürlich.“

„Die sagt: ‚Sepp, du musst einmal was draußen machen. Wind, Wasser, Freiheit.‘“

„Klingt doch schön.“

„Des klingt immer schön, bevor einer das Wort Einsteigerkurs dazusagt.“

Sepp nimmt einen Schluck Kaffee.

„Also fahr i an den See. Wind geht. Überall bunte Schirme am Himmel. Leit mit Neoprenanzügen, Brettern unterm Arm und so einem Blick, als würden sie persönlich mit dem Wetter verhandeln.“

„Und du?“

„I hatte meine Lederhosn dabei.“

Seine Schwester schlägt sich die Hand vors Gesicht.

„Sepp!“

„Hab i ja ned angezogen! I bin lernfähig.“

„Was hattest an?“

„Neopren.“

Sepp wird still.

„Des allein war schon die erste Prüfung.“

„Wieso?“

„Habts ihr schon einmal versucht, euch freiwillig in eine Gummihaut einzubauen?“

Onkel Franz beginnt zu lachen.

„I steh auf ’m Parkplatz, zieh und zerr an dem Ding, und irgendwann frag i den Lehrer: ‚Entschuldigung, gehört die Naht wirklich dahin?‘“

„Und?“

„Na.“

Gelächter.

„Nach zehn Minuten war i drin. Also ungefähr. Atmen war nur noch eingeschränkt vorgesehen.“

„Dann kam der Kite?“

„Genau. Der Lehrer legt den Schirm auf den Boden und sagt: ‚Das ist dein Kite.‘“

Sepp schaut seine Familie an.

„Mein Kite.“

„Der Drachen.“

„Ja. Aber Drachen darfst anscheinend ned sagen. Des klingt zu einfach.“

Da Onkel Franz nickt.

„Und dann?“

„Dann zeigt er mir die Leinen.“

Sepp hebt vier Finger.

„Vier Stück.“

„Ist normal.“

„Für euch vielleicht! I hab bei einer Wäscheleine schon Respekt, wenn zwei Hemden dran hängen.“

Er lehnt sich vor.

„Und diese Leinen gehen von der Bar bis zum Kite.“

„Bar?“

Onkel Franz lächelt.

„Endlich.“

„Na, Franz. Keine Getränke.“

„Schad.“

„Die Bar is die Stange, die du in der Hand hast.“

„Also Lenkrad.“

„Hab i aa gesagt.“

„Und?“

„Der Lehrer sagt: ‚Nein, keine Lenkstange. Bar.‘“

Sepp hebt die Schultern.

„Ja mei. Wenn i links zieh und das Ding geht links, is des für mich a Lenkrad.“

Die Familie lacht.

„Dann erklärt er mir Chicken Loop.“

Onkel Franz schaut auf.

„Hendl?“

„GENAU!“

Sepp schlägt mit der Hand auf den Tisch.

„I steh am See, hab vier Leinen, an Drachen und an Gurt um den Bauch, und dann redet der plötzlich von einem Chicken Loop.“

„Was is des?“

„So ein Verbindungsding zwischen Bar und Trapez.“

„Trapez?“

„Des is der Gurt.“

„Warum heißt der Trapez?“

„Franz, wenn i des alles wüsst, würd i selber Kurse geben.“

Sepp schüttelt den Kopf.

„Dann sagt der Lehrer: ‚Und hier ist die Safety.‘“

Seine Mutter nickt.

„Des klingt wenigstens vernünftig.“

„Hab i aa gedacht. Bis er sagt: ‚Im Notfall auslösen.‘“

Sepp schaut ernst.

„I frag: ‚Welcher Notfall genau?‘“

„Und?“

„Er sagt: ‚Wenn du die Kontrolle verlierst.‘“

Kurze Pause

„Da hab i gesagt: ‚Dann können wir eigentlich jetzt schon auslösen.‘“

Der Tisch lacht.

„Dann lernen wir das Windfenster.“

Onkel Franz schaut zum Fenster.

„Da.“

„Na! Ned des Fenster!“

„Was dann?“

„Der Bereich am Himmel, wo der Kite fliegen kann.“

Sepp zeichnet mit der Hand einen Halbkreis.

„Oben zwölf Uhr. Rechts drei Uhr. Links neun Uhr.“

Seine Schwester nickt.

„Genau.“

Sepp schaut sie misstrauisch an.

„Du kennst des?“

„Ein bisschen.“

„Warum sagt mir des eigentlich immer erst jemand, nachdem i irgendwo angemeldet bin?“

„Weiter.“

„Also: zwölf Uhr is oben.“

„Klingt logisch.“

„Ja. Aber dann sagt der Lehrer: ‚Kite auf elf Uhr.‘“

Sepp zeigt nach oben links.

„I stell ihn ungefähr dahin.“

„Gut.“

„Dann: ‚Auf ein Uhr.‘“

Er zeigt nach oben rechts.

„Auch gut.“

„Dann sagt er: ‚Nicht durch die Powerzone.‘“

Sepp wird still.

„Powerzone.“

Onkel Franz grinst.

„Klingt kräftig.“

„Des is sie aa.“

„Was passiert da?“

„Da zieht der Kite.“

„Ist doch der Sinn.“

Sepp schaut ihn lange an.

„Franz. Ziehen is gut, solange du vorher weißt, wohin.“

Gelächter.

„Der Lehrer sagt: ‚Ganz ruhig. Kleine Bewegungen.‘“

„Und du?“

„I mach eine kleine Bewegung.“

„Hat funktioniert?“

„Beim ersten Mal.“

„Und beim zweiten?“

Sepp schaut in seine Tasse.

„Beim zweiten war die Bewegung offenbar kulturell unterschiedlich definiert.“

„Was is passiert?“

„Der Kite schießt durch die Powerzone.“

„Und du?“

Sepp macht mit beiden Händen eine ruckartige Bewegung nach vorne.

„I mach zwei sehr schnelle Schritte.“

„Absichtlich?“

„Na.“

„Und dann?“

„Dann noch drei.“

Onkel Franz lacht.

„Und dann lag i im Sand.“

Seine Mutter schüttelt den Kopf.

„Hast dir wehgetan?“

„Na. Der Stolz war weich genug.“

„Und der Lehrer?“

„Der sagt: ‚Sehr gut, Josef. Du hast den Zug gespürt.‘“

Sepp schaut empört.

„Gespürt! I hab kurz geglaubt, der Kite nimmt mi mit nach Österreich.“

Die Familie lacht.

„Dann geht’s ins Wasser.“

„Mit Board?“

„Noch ned.“

Sepp hebt warnend den Finger.

„Zuerst Body Drag.“

Da Onkel Franz zieht die Augenbrauen hoch.

„Body. Drag.“

„Ja.“

„Was heißt des?“

„Du liegst im Wasser und lässt dich vom Kite ziehen.“

Onkel Franz nickt.

„Also Abschleppen.“

Sepp zeigt auf ihn.

„Genau. Bloß ohne ADAC.“

Der Tisch lacht.

„I lieg also im Wasser, eine Hand an der Bar, der Kite zieht, und der Lehrer ruft vom Ufer: ‚Körper lang!‘“

„Und?“

„I war so lang, wie i in dem Neopren halt werden konnte.“

„Hat’s geklappt?“

„Ja. Sogar recht gut.“

Sepp lächelt kurz.

„Du gleitest durchs Wasser. Wind im Kite. Eigentlich ganz schön.“

Seine Mutter lächelt.

„Na also.“

„Bis der Lehrer sagt: ‚Jetzt Body Drag upwind.‘“

Sepp schaut wieder ernst.

„Upwind.“

„Gegen den Wind?“

„Ja. Du sollst Höhe gewinnen.“

Onkel Franz runzelt die Stirn.

„Im Wasser?“

„Genau.“

„Ohne Brett?“

„Genau.“

„Und warum?“

„Damit du dein Board wiederholen kannst, wennst es verlierst.“

Onkel Franz lehnt sich zurück.

„Also lernst zuerst, wie man das Brett wiederholt, bevor du überhaupt draufgestanden bist.“

Sepp nickt.

„Endlich einer, der die organisatorische Schwäche erkennt.“

Gelächter.

„Dann kommt endlich das Board.“

Sepp macht mit den Händen die Form eines Bretts.

„So ein Twintip.“

„Was heißt des?“

„Kannst in beide Richtungen fahren.“

„Wie ein Brett halt.“

„Na! Anscheinend is bei diesem Sport jedes einfache Ding erst dann offiziell, wenn’s an englischen Namen hat.“

„Und wie kommt ma drauf ?“

„Waterstart.“

Sepp wird still.

„Des war der Moment, wo i gemerkt hab, dass Surfen und Aufstehen gleichzeitig stattfinden sollen.“

„Wie geht’s?“

„Board an die Füß. Kite oben. Knie ran. Dann Kite bewegen, Zug aufbauen und aufstehen.“

Onkel Franz nickt.

„Klingt doch klar.“

„Ja. Auf Papier.“

Sepp stellt seine Tasse weg.

„Erster Versuch.“

Er hält beide Hände wie an einer Bar.

„Kite bewegen.“

Kurze Pause

„Zug.“

Noch eine Pause.

„I steh fast.“

„Und?“

„Board fährt nach links.“

„Du?“

„Nach rechts.“

Da Onkel Franz prustet los.

„Des war nur sehr kurz eine gemeinsame Unternehmung.“

„Bist reingefallen?“

„Freili.“

„Zweiter Versuch?“

„Diesmal mehr Gefühl.“

„Und?“

„Mehr Wasser.“

Gelächter.

„Dritter Versuch. Der Lehrer sagt: ‚Josef, nicht am Kite hochziehen. Lass den Kite dich hochziehen.‘“

Sepp schaut in die Runde.

„Des is philosophisch ein sehr großer Unterschied.“

„Praktisch?“

„Praktisch war i wieder im Wasser.“

„Und irgendwann?“

Sepp nickt.

„Irgendwann stehst.“

„Wirklich?“

„Wirklich.“

Seine Schwester lächelt.

„Und dann fährst.“

„Ja.“

Sepp macht eine kleine Pause.

„Ungefähr acht Meter.“

„Was war dann?“

„I hab vergessen, dass ma weiterlenken muss.“

„Und der Kite?“

„Fällt ins Wasser.“

Da Onkel Franz klopft auf den Tisch.

„Acht Meter!“

„Franz, des war mein persönlicher Streckenrekord.“

„Und wie kriegst den Kite wieder hoch?“

Sepp hebt den Finger.

„Relaunch.“

„Schon wieder Englisch.“

„Freili.“

„Was musst machen?“

„Der Kite liegt im Wasser. Du sollst ihn an den Rand vom Windfenster bringen und wieder starten.“

„Hat’s geklappt?“

„Beim Lehrer sofort.“

„Bei dir?“

Sepp schaut beleidigt.

„Der Kite und i hatten unterschiedliche Vorstellungen vom Rand.“

„Wie lang?“

„Sagen wir so: Wir hatten Zeit, unsere Beziehung zu klären.“

Die Familie lacht.

„I zieh an einer Leine. Nix. I warte. Nix. I zieh vorsichtig. Der Kite dreht sich.“

„Gut.“

„Falschrum.“

„Nicht gut.“

„Dann dreht er sich wieder.“

„Gut.“

„Dann liegt er genau so da wie vorher.“

Onkel Franz nickt.

„Fortschritt durch vollständigen Kreis.“

„Sehr lustig.“

Sepp nimmt einen Schluck.

„Irgendwann steigt er wieder.“

„Und dann wieder aufs Board?“

„Freili.“

„Und diesmal?“

„Zwölf Meter.“

„Steigerung.“

„Fünfzig Prozent.“

Sepp nickt stolz.

„So muss ma des sehen.“

„Und am Ende?“

„Am Ende bin i tatsächlich gefahren.“

Alle werden kurz still.

„Richtig?“

„Richtig.“

Sepp lehnt sich zurück.

„Kite stabil. Board läuft. Wasser spritzt. Wind zieht.“

„Und?“

Er lächelt.

„Schee.“

Seine Mutter schaut überrascht.

„Wirklich?“

„Ja. Sehr sogar.“

Kurze Pause

„Bis der Lehrer vom Ufer brüllt: ‚Höhe laufen!‘“

Onkel Franz schaut verwirrt.

„Was sollst?“

„Höhe laufen.“

„Du fährst doch.“

„GENAU!“

Sepp schlägt auf den Tisch.

„I steh auf einem Brett im Wasser, werd von einem Drachen gezogen, und dann soll i plötzlich laufen!“

Seine Schwester lacht.

„Höhe laufen heißt gegen den Wind fahren.“

„Des weiß i jetzt aa!“

„Und konntest?“

Sepp wird still.

„I konnte Tiefe.“

„Was heißt des?“

„I bin sehr zuverlässig immer weiter vom Ausgangspunkt weggefahren.“

Da Onkel Franz lacht laut.

„Der Lehrer winkt. I wink zurück.“

„Warum?“

„I hab gedacht, er freut sich.“

„Hat er sich?“

„Na. Er wollte, dass i umdreh.“

„Und?“

„Umdrehen war in meinem Kursstand noch nicht vollständig freigeschaltet.“

Die Familie bricht in Gelächter aus.

„Was hast gemacht?“

„Angehalten.“

„Absichtlich?“

Sepp überlegt.

„Am Ende ja.“

„Und zurück?“

„Body Drag.“

Onkel Franz nickt zufrieden.

„Siehst. Des hast ja gelernt.“

„Genau. Nach einer Stunde Kurs war i hervorragend darin, mein eigenes Brett zu suchen.“

Gelächter.

„Aber dann“, sagt Sepp, „kam noch die Sache mit dem Depower.“

„Was is des?“

„Du kannst die Kraft vom Kite verändern.“

„Also weniger Zug.“

„Ja.“

Onkel Franz schaut ihn an.

„Hättest des nicht früher brauchen können?“

Sepp schweigt.

Dann dreht er sich langsam zu seiner Schwester.

„Des hab i den Lehrer aa gefragt.“

„Und?“

„Der sagt, des hätte er am Anfang erklärt.“

Kurze Stille

„Hat er?“

„Angeblich.“

„Und du hast ned zugehört?“

„I war zu dem Zeitpunkt noch mit dem Chicken Loop beschäftigt!“

Der Tisch lacht.

„Später sagt er: ‚Wenn’s zu viel wird, Bar wegschieben.‘“

Sepp hebt beide Hände.

„Des is beim Kitesurfen offenbar die einzige Sportart, bei der du etwas wegschiebst und dadurch weniger Stress hast.“

Onkel Franz grinst.

„Beim Schlitten beim HYROX funktioniert des anders.“

Sepp schaut ihn scharf an.

„Franz. Red ma ned über den Schlitten.“

„Schon gut.“

„Am Ende stehen wir wieder am Strand.“

Sepp seufzt zufrieden.

„Kite unten. Board da. I da.“

„Alles vollständig.“

„Fast.“

„Was hat gefehlt?“

„Meine Würde war irgendwo zwischen erstem Waterstart und Body Drag.“

Die Familie lacht.

Seine Mutter fragt: „Und? Gehst wieder?“

Sepp schaut sie an.

„Freili.“

„Echt?“

„Freili.“

„Warum?“

Sepp denkt kurz nach.

„Weil i zwölf Meter geschafft hab.“

„Und?“

„Der Lehrer hat gesagt, beim nächsten Mal fahr i wahrscheinlich länger.“

Onkel Franz grinst.

„Vielleicht fünfzehn.“

„Franz.“

„Ja?“

„Außerdem will i des mit dem Höhe laufen verstehen.“

„Warum?“

„Weil i beim nächsten Mal gern wieder dort ankommen würd, wo i angefangen hab.“

Seine Schwester lacht.

„Sehr ehrgeizig.“

Sepp nickt.

„I fang klein an.“

Kurze Pause

„Und diesmal schreib i mir vorher auf, was Chicken Loop, Depower und Relaunch heißt.“

Onkel Franz hebt seine Kaffeetasse.

„Und die Bar?“

Sepp schaut ihn an.

„Die Bar hab i verstanden.“

„Keine Getränke.“

„Leider.“

Alle lachen.

Sepp nimmt einen letzten Schluck Kaffee.

„Aber wenn einer beim nächsten Kurs sagt, wir gehen jetzt in die Powerzone …“

Er schaut bedeutungsvoll in die Runde.

„… dann leg i mich vorsichtshalber vorher hin.“

Der Sepp sagt: Freili.
Aber eins nach’m andern.