Mathias Ellmann
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Der Sepp · Geschichte 07 von 08

Der Sepp beim Bachata Sensual

*

Oder: Warum bewegt sich auf einmal der ganze Oberkörper?

7 Min. Lesezeit·Mathias Ellmann
HumorBachataTanz
Der Sepp tanzt Bachata Sensual mit einer Partnerin in einem warm beleuchteten Studio.
Alle 8 Geschichten
  1. 01Der Sepp beim HYROX
  2. 02Der Sepp beim Kitesurfen
  3. 03Der Sepp beim Yoga
  4. 04Der Sepp im Ballettkurs
  5. 05Der Sepp im Salsa-Kurs
  6. 06Der Sepp im Bachata-Kurs
  7. 07Der Sepp beim Bachata Sensual
  8. 08Der Sepp lernt des Ballett-Bewegungslexikon

„Also“, sagt da Sepp beim Sonntagskaffee und schaut seine Verwandtschaft sehr ernst an, „i war wieder beim Tanzen.“

Da Onkel Franz legt sofort die Zeitung weg.

„Bachata?“

„Schlimmer.“

„Wie kann Bachata schlimmer werden?“

Sepp nimmt erst einmal einen Schluck Kaffee.

„Bachata Sensual.“

Kurze Stille

Seine Mutter hebt langsam die Augenbrauen.

„Sensual?“

„Ja.“

„Was heißt des?“

Da Sepp schaut sie an.

„Mama, genau deswegen wollt i des Thema eigentlich ned beim Kuchen anschneiden.“

Da Onkel Franz grinst.

„Jetzt musst aber.“

„Also gut.“

Sepp lehnt sich zurück.

„Beim normalen Bachata hab i ja gedacht, des wär schon körpernah.“

„War’s doch.“

„Ja. Aber Bachata Sensual is noch einmal a andere Hausnummer.“

„Wie nah denn?“

Sepp schaut zum Onkel Franz.

„Franz, erinnerst di, wie du mir beim letzten Mal zu nah am Stuhl gesessen bist?“

„Ja.“

„Des war Fernbeziehung.“

Der ganze Tisch lacht.

„Also. I komm ins Studio. Diesmal gedämpftes Licht. Langsame Musik. Alle schauen ganz entspannt aus.“

„Und du?“

„I hab ausgeschaut wie einer, der versehentlich in die falsche Hochzeitsgesellschaft geraten is.“

Seine Schwester lacht.

„Dann kommt der Lehrer und sagt: ‚Heute geht es um Connection.‘“

Da Sepp hebt den Finger.

„Connection.“

„Verbindung“, sagt seine Schwester.

„Ja, des weiß i jetzt aa. Aber i hab zuerst gedacht, er redet vom WLAN.“

Onkel Franz prustet los.

„I schau mich also um und such an Router.“

„Sepp!“

„Ja mei! Heutzutage heißt doch alles Connection.“

Er nimmt noch einen Schluck.

„Dann sagt der Lehrer: ‚Beim Sensual Bachata kommunizieren wir über den Körper.‘“

Sepp schaut bedeutungsvoll in die Runde.

„Da war i fertig.“

„Wieso?“

„I kommunizier normalerweise mit Worten. Des funktioniert seit über fünfzig Jahren halbwegs.“

„Halbwegs“, murmelt Onkel Franz.

„Franz.“

„Schon gut.“

„Dann kommt natürlich wieder die Claudia.“

„Deine Tanzpartnerin?“

„Ja. De steht vor mir, lächelt und sagt: ‚Heute musst dich wirklich entspannen.‘“

Sepp schüttelt den Kopf.

„Wenn jemand zu mir sagt: ‚Du musst dich entspannen‘, bin i augenblicklich doppelt so angespannt.“

Seine Mutter lacht.

„Dann erklärt der Lehrer den sogenannten Body Roll.“

Onkel Franz nickt langsam.

„Den hattest doch schon.“

„Ja, aber jetzt richtig.“

„Was heißt richtig?“

Sepp steht auf.

„Man beginnt oben.“

Er bewegt vorsichtig den Kopf.

„Dann Brust.“

Er schiebt die Brust nach vorne.

„Dann Rippen.“

Dann den Bauch.

„Dann Hüfte.“

Kurze Stille

Seine Schwester schaut ihn an.

„Des war jetzt alles?“

„Bei mir ja.“

„Und beim Lehrer?“

„Beim Lehrer war des eine einzige fließende Welle.“

Sepp macht eine Handbewegung durch die Luft.

„Wie Wasser.“

Dann zeigt er auf sich.

„Bei mir war’s eher wie a Rollladen, der seit drei Jahren nimmer geölt worden is.“

Der ganze Tisch lacht.

„Der Lehrer kommt zu mir und sagt: ‚Josef, nicht jede Bewegung einzeln.

Alles miteinander verbinden.‘“

„Und?“

„I sag: ‚Des wär schön. Mein Körper kennt die einzelnen Abteilungen aber persönlich ned.‘“

Onkel Franz lacht laut.

„Dann kommt die nächste Übung.“

Sepp wird ernst.

„Head Roll.“

Seine Mutter erschrickt.

„Kopf rollen?“

„Ja.“

„Was macht man da?“

„Die Dame bewegt den Kopf in so einem Kreis.“

Sepp zeichnet mit dem Finger einen Kreis.

„Ganz langsam.“

„Und was machst du?“

„Führen.“

„Wie?“

Sepp schweigt.

„Sepp?“

„Des hab i den Lehrer aa gefragt.“

Die Familie lacht.

„Er sagt: ‚Du gibst nur einen Impuls. Ganz sanft.‘“

Da Sepp hebt beide Hände.

„Ganz sanft.“

„Und?“

„I war so sanft, dass Claudia überhaupt nix gemerkt hat.“

„Besser als zu grob.“

„Hab i aa gedacht. Dann sagt der Lehrer: ‚Josef, ein bisschen mehr Klarheit.‘“

Sepp nickt.

„Also ein bisschen mehr.“

„Und?“

„Dann hat Claudia plötzlich eine komplette Runde gemacht.“

Onkel Franz lacht.

„Mit’m Kopf ?“

„Ja! I hab sofort gesagt: ‚Entschuldigung!‘“

„Und Claudia?“

„Die sagt bloß: ‚Passt schon.‘“

Sepp schaut beeindruckt.

„Die Frau hat Nerven.“

Dann beugt er sich vor.

„Aber dann kam Isolation.“

Da Onkel Franz runzelt die Stirn.

„Isolation?“

„Du sollst nur einen Körperteil bewegen.“

„Zum Beispiel?“

„Nur Brustkorb.“

Sepp versucht es.

„So.“

Seine Mutter schaut ihn skeptisch an.

„Du bewegst aber den ganzen Körper.“

„GENAU DES war des Problem!“

Der Tisch lacht.

„Der Lehrer sagt: ‚Nur Brust. Hüfte bleibt ruhig.‘“

Sepp versucht es wieder.

„I konzentrier mich also auf die Brust.“

„Und?“

„Dann bewegt sich die Hüfte.“

„Dann halt die Hüfte fest.“

„Hab i.“

„Und?“

„Dann hat sich gar nix mehr bewegt.“

Onkel Franz wischt sich die Augen.

„I stand da wie a Verkehrsschild.“

Sepp fährt fort.

„Dann sagt der Lehrer: ‚Josef, lass los.‘“

„Und du?“

„I sag: ‚Wenn i jetzt noch mehr loslass, fall i um.‘“

Die Familie lacht.

„Dann kam die Welle.“

„Noch eine?“

„Eine richtige Körperwelle.“

Sepp legt beide Hände auf den Tisch.

„Die soll vom Oberkörper durch den ganzen Körper laufen.“

„Und bei dir?“

„Bei mir is sie irgendwo beim Bauchnabel versandet.“

Onkel Franz kann kaum noch sprechen.

„Der Lehrer macht’s vor. Brust, Rippen, Bauch, Hüfte. Ganz elegant.“

Sepp versucht es.

„I mach Brust …“

Pause

„Rippen …“

Pause

„Bauch …“

Pause

„Und dann war die Musik schon beim nächsten Lied.“

Die Familie lacht laut.

„Claudia sagt: ‚Du musst flüssiger werden.‘“

Sepp schaut empört.

„Flüssiger! I war danach so verschwitzt, flüssiger ging’s wirklich nimmer.“

Seine Schwester hält sich den Bauch.

„Dann sagt der Lehrer: ‚Jetzt kommt die Cambré.‘“

Da Sepp wird still.

„Was is des?“

„Die Dame lehnt sich kontrolliert nach hinten.“

Onkel Franz zeigt auf ihn.

„Das hatten wir doch beim Dip.“

„Na! Beim Dip geht’s schon weit zurück. Bei der Cambré soll alles noch kontrollierter und fließender sein.“

„Und du musst halten?“

„Freili.“

Sepp schaut ernst.

„Da hab i zu Claudia gesagt: ‚Bevor ma anfangen: Wenn irgendwas knackt, sag sofort Bescheid.‘“

„Was hat sie gesagt?“

„‚Bei mir oder bei dir?‘“

Kurze Pause

„Da hab i gewusst: Wir verstehen uns mittlerweile.“

Der ganze Tisch lacht.

„Also Claudia lehnt sich zurück. Ganz langsam.“

Sepp bewegt seine Hand nach hinten.

„Und i bleib stabil.“

„Wirklich?“

„Jawohl.“

„Kein Mitkippen?“

„Na.“

„Sehr gut.“

Sepp nickt stolz.

„I hab nämlich gelernt.“

Dann schweigt er kurz.

„Bloß beim Wiederhochholen war i a bissl zu motiviert.“

„Was heißt des?“

„Claudia war schneller oben als geplant.“

Onkel Franz lacht.

„Wie schnell?“

„Sagen wir so: Sie hat kurz überrascht ausgeschaut.“

„Und der Lehrer?“

„Der sagt: ‚Josef, weniger Landwirtschaft, mehr Tanz.‘“

Da Onkel Franz haut mit der Hand auf den Tisch.

„WENIGER LANDWIRTSCHAFT!“

„Ja! Frechheit.“

Sepp setzt sich wieder gerade hin.

„Und dann kommt das, wovor i am meisten Angst gehabt hab.“

Alle schauen ihn an.

„Was?“

„Free Flow.“

Seine Mutter fragt: „Was is des jetzt wieder?“

„Frei bewegen. Keine feste Figur. Einfach miteinander tanzen, reagieren und die Musik interpretieren.“

Sepp schaut fassungslos.

„Schon wieder ohne Anleitung!“

Seine Schwester lacht.

„Du sollst halt fühlen.“

„Ja, des sagen die immer.“

Sepp zeigt auf sich.

„I fühl aber hauptsächlich, dass i gern wissen würd, was als Nächstes kommt.“

„Und was hast gemacht?“

„Claudia schaut mich an.“

Sepp macht ein freundliches Gesicht.

„Ich schau Claudia an.“

Er macht ein panisches Gesicht.

„Und dann fang i an.“

„Mit was?“

„Irgendwas.“

„Sehr präzise.“

„Eben!“

Er bewegt die Schultern.

„A bissl Schulter.“

Dann die Brust.

„A bissl Body Roll.“

Dann die Hüfte.

„A bissl Hüfte.“

„Und Claudia?“

„Die macht mit!“

Sepp schaut stolz.

„Auf einmal funktioniert’s.“

Seine Mutter lächelt.

„Na also.“

„Ja. Für ungefähr zwanzig Sekunden.“

„Und dann?“

„Dann sagt der Lehrer von hinten: ‚Sehr schön, Josef ! Jetzt noch mehr Musicality!‘“

Sepp erstarrt.

„Musicality.“

Da Onkel Franz lacht schon wieder.

„Was is des?“

„Zur Musik passend tanzen. Akzente hören. Pausen nutzen. Instrumente interpretieren.“

Kurze Stille

Sepp hebt beide Hände.

„I hab doch bloß zwei Füß!“

Die Familie bricht in Gelächter aus.

„Der Lehrer sagt: ‚Hör auf die Gitarre.‘“

„Und?“

„I hör auf die Gitarre.“

„Ja.“

„Dann sagt er: ‚Und jetzt auf den Bass.‘“

„Ja.“

„Dann kommt irgendein Bongogeräusch dazu.“

Sepp wird lauter.

„I soll gleichzeitig Gitarre, Bass, Bongos, Claudia und meine eigenen Füß überwachen!“

Onkel Franz wischt sich die Tränen aus den Augen.

„Des is doch koa Tanzkurs mehr. Des is Flugverkehrskontrolle!“

Nach einer Weile fragt seine Mutter: „Und? Wie war’s insgesamt?“

Sepp denkt nach.

„Anstrengend.“

„Aber?“

„Eigentlich schön.“

Alle schauen ihn überrascht an.

„Wirklich?“

„Ja. Wenn ma einmal aufhört, über jeden Schritt nachzudenken, geht’s besser.“

Seine Schwester grinst.

„Du hast also gelernt, die Musik zu fühlen?“

Sepp schaut sie lange an.

„Sagen wir so.“

Er nimmt seine Kaffeetasse.

„I hab angefangen, sie wenigstens ernst zu nehmen.“

Onkel Franz lehnt sich zurück.

„Und gehst nächste Woche wieder hin?“

„Freili.“

„Was macht ihr dann?“

Sepp seufzt tief.

„Der Lehrer hat gesagt: ‚Nächstes Mal arbeiten wir an Waves, Isolations und Head Movements.‘“

Kurze Stille

Onkel Franz fragt: „Und weißt diesmal, was des alles heißt?“

Da Sepp nickt langsam.

„Leider ja.“

„Und gehst trotzdem?“

Sepp nimmt einen langen Schluck Kaffee.

„Freili.“

Dann schaut er in die Runde.

„Aber vorher geh i zum Physiotherapeuten und lass mir bestätigen, welche Körperteile sich bei mir überhaupt noch einzeln bewegen lassen.“

Der Sepp sagt: Freili.
Aber eins nach’m andern.