„Also“, sagt da Sepp am Sonntag, „i hab meditiert.“
Niemand sagt etwas.
Da Onkel Franz legt langsam seinen Löffel hin.
„Du?“
„Ja, i.“
„Freiwillig?“
„Warum fragt’s mi des eigentlich jedes Mal?“
Seine Schwester grinst.
„Erzähl.“
Da Sepp nimmt einen Schluck Kaffee.
„Die Moni sagt, i soll amoi was machen, wo ma ned ständig Leistung bringen muss.“
„Gute Idee.“
„Hab i aa denkt. Endlich a Freizeitbeschäftigung, bei der ma bloß dasitzen muss.“
„War a Fehleinschätzung.“
„Wieso?“
„I kumm in den Raum. Kissen auf’m Boden. Kerzen. Kleine Schalen. Ganz leise Musik. Und vorne sitzt die Lehrerin und redt ungefähr so laut wie jemand, der Angst hat, dass die Luft aufwacht.“
Da Onkel Franz grinst.
„Wir setzen uns also hin. Schneidersitz.“
Da Sepp zeigt auf seine Knie.
„Bei mir eher Maurersitz.“
„Was soll des sein?“
„Wenn beide Knie oben bleiben.“
Gelächter.
„Dann sagt die Frau: ‚Schließt die Augen und nehmt wahr, wie ihr sitzt.‘“
Da Sepp schaut in die Runde.
„Des war leicht.“
„Ja?“
„Auf am Kissen.“
Seine Schwester seufzt.
„Sie meint doch, wie sich dein Körper anfühlt.“
„Hat sie später erklärt.“
Da Sepp fährt fort.
„Dann sagt sie: ‚Beobachtet euren Atem.‘“
„Und?“
„I mach die Augen wieder auf.“
„Warum?“
„Ja wie soll i ihn denn sonst beobachten?“
Da Onkel Franz beginnt zu lachen.
„Die Lehrerin sagt: ‚Josef, du darfst die Augen geschlossen lassen.‘“
„Und du?“
„I sag: ‚Dann kann i ihn aber ned sehen.‘“
„Sie war sehr geduldig.“
„Zum Glück.“
„Dann erklärt sie mir, i soll den Atem ned anschauen. I soll nur spüren, wie er kommt und geht.“
Da Sepp nickt.
„Des hab i verstanden.“
„Na also.“
„Bis sie g’sagt hat: ‚Lasst auch eure Gedanken kommen und wieder gehen.‘“
Da Sepp hebt beide Hände.
„Und da geht’s los.“
„Was?“
„Wo gehen die hin?“
Seine Mutter schaut ihn an.
„Die Gedanken?“
„Ja! Wenn i einen kommen lass und der geht wieder, wo is der dann?“
„Sepp.“
„I frag doch bloß.“
Er beugt sich vor.
„I sitz also da und denk: Jetzt denk nix.“
„Und sofort denk i: Denk nix.“
„Klar.“
„Dann denk i darüber nach, dass i grad denk, dass i nix denken soll.“
Da Onkel Franz nickt.
„Schwierig.“
„Dann denk i, dass i überprüfen muss, ob i inzwischen vielleicht nix denk.“
„Und?“
„Damit hab i natürlich wieder denkt.“
Seine Schwester lacht.
„Nach fünf Minuten war in meinem Kopf mehr Betrieb als am Samstagvormittag vorm Getränkemarkt.“
Da Sepp zählt an den Fingern ab.
„Brot kaufen. Auto tanken. Dachrinne sauber machen. Warum heißen Haferflocken eigentlich Flocken? Hab i die Kellertür zugesperrt? Und wer hat eigentlich beschlossen, dass Rosinen in Kaiserschmarrn gehören?“
„Wichtige Fragen.“
„Eben!“
Da Sepp nimmt einen Schluck Kaffee.
„Die Lehrerin sagt ganz ruhig: ‚Wenn ein Gedanke auftaucht, bewertet ihn nicht. Lasst ihn wie eine Wolke weiterziehen.‘“
Er schaut aus dem Fenster.
„Da hab i zwanzig Minuten lang Gedankenwetter g’habt.“
„Und hat’s funktioniert?“
„Am Anfang ned.“
Er wird etwas ruhiger.
„Aber dann irgendwann…“
Alle warten.
„…war tatsächlich kurz nix.“
„Gar nix?“
„Fast nix.“
„Wie lang?“
Da Sepp überlegt.
„Vielleicht zehn Sekunden.“
Onkel Franz grinst.
„Rekord.“
„Lach ned. Des war richtig angenehm.“
Zum ersten Mal erzählt da Sepp ohne Pointe weiter.
„Kein Einkaufszettel. Koa Bergsteiger. Koa Krieger. Koa französisches Ballettwort. Einfach ruhig.“
„Und dann hab i denkt: Mei, is des ruhig.“
Seine Schwester lacht.
„Und damit war’s vorbei.“
„Freili.“
Da Sepp lächelt.
„Dann sagt die Lehrerin: ‚Zum Abschluss machen wir noch einen kurzen Body Scan.‘“
Er wird wieder ernst.
„Und sofort war i wieder wach.“
„Warum?“
„Body Scan!“
Da Sepp deutet auf seine Lederhose.
„I hab an Metallknopf, Hosenträgerbeschläge und an Schlüssel in der Tasche. I hab g’fragt, ob i vorher alles Metall ablegen muss.“
Der ganze Tisch lacht.
„Und was hat sie gesagt?“
„‚Nein, Josef. Wir gehen nur mit der Aufmerksamkeit durch den Körper.‘“
„Und?“
„Ja des hätt ma wieder gleich sagen können.“
Seine Mutter schaut ihn an.
„Gehst wieder hin?“
Da Sepp nickt.
„Freili.“
„Warum?“
„Nächste Woche machen’s Gehmeditation.“
„Und des interessiert dich?“
Da Sepp hebt seine Tasse.
„Nach einer Stunde Sitzen endlich a Sportart, bei der ma aufstehen darf.“
Aber eins nach’m andern.
