„Also“, sagt da Sepp beim Sonntagskaffee, „i hab jetzt ein Smartphone.“
Onkel Franz schaut langsam über den Rand seiner Zeitung.
„Du?“
„Ja.“
„Ein richtiges?“
Sepp legt die Stirn in Falten.
„Was soll denn ein falsches Smartphone sein?“
„Na ja.“
„Franz.“
„Schon gut.“
Sepp holt das Telefon aus der Hosentasche und legt es vorsichtig auf den Tisch.
Alle schauen hin.
„Schön“, sagt seine Schwester.
„Ja.“
„Neu?“
„Sehr.“
„Und kommst zurecht?“
Sepp schweigt.
„Sepp?“
„Wir lernen uns noch kennen.“
Der Tisch lacht.
„Was war denn das Erste?“
„Es wollte mein Gesicht.“
„Die Gesichtserkennung.“
„Genau.“
Sepp zeigt auf sein Gesicht.
„I hab gesagt: Das hab i seit über siebzig Jahren. Bisher hat’s jedem gereicht.“
Gelächter.
„Du musst das Gesicht einmal registrieren.“
„Hab i.“
„Und?“
„Des Ding sagt: Kopf langsam drehen.“
„Ja.“
„Also dreh i.“
„Ja.“
„Dann andere Richtung.“
„Ja.“
„Dann noch mal.“
„Ja.“
Sepp schaut empört.
„I hab mich gefühlt wie beim Passfoto mit Physiotherapie.“
Der Tisch lacht.
„Aber jetzt entsperrt es mit deinem Gesicht.“
„Meistens.“
„Was heißt meistens?“
„Mit Brille geht’s.“
„Ja.“
„Ohne Brille geht’s.“
„Ja.“
„Mit Hut geht’s.“
„Ja.“
„Heute früh im Bett hat’s mich kurz nicht erkannt.“
Onkel Franz grinst.
„Vielleicht kennt’s dich ausgeschlafen nicht.“
Sepp zeigt auf ihn.
„Franz.“
„Schon gut.“
„Dann sollte i einen Code eingeben.“
„PIN.“
„Sechs Stellen.“
„Ja.“
„Früher waren’s vier.“
„Sicherer.“
„Wenn Sicherheit bedeutet, dass i meinen eigenen Code nicht mehr weiß, dann funktioniert’s ausgezeichnet.“
Gelächter.
„Dann Apps.“
„Genau.“
„Was hast installiert?“
Sepp hebt die Hand.
„Langsam.“
„Warum?“
„Zuerst musste i verstehen, was eine App überhaupt is.“
„Ein Programm.“
„Dann sag Programm.“
„App ist kürzer.“
„Aber dafür braucht man erst fünf Minuten Erklärung.“
Der Tisch lacht.
„Was war die erste App?“
„Wetter.“
„Praktisch.“
„Ja.“
„Und?“
„I mach sie auf.“
„Ja.“
„Sie sagt Regen in zwei Stunden.“
„Und?“
Sepp schaut zum Fenster.
„Draußen scheint die Sonne.“
„Das kann trotzdem stimmen.“
„Des hab i mir gedacht.“
„Und hat’s geregnet?“
„Ja.“
„Seitdem bin i vorsichtiger mit Kritik.“
Der Tisch lacht.
„Dann Navigation.“
„Auch praktisch.“
„Sehr.“
„Adresse eingeben.“
„Ja.“
„Und los.“
Sepp nickt.
„Des hat gut funktioniert.“
„Siehst du.“
„Bis i anders gefahren bin.“
„Warum?“
„Weil i die Strecke kenn.“
„Und das Handy?“
„Sagt: Bitte wenden.“
„Ja.“
„I fahr weiter.“
„Dann berechnet es neu.“
„Genau.“
Sepp lehnt sich vor.
„Aber vorher sagt es wieder: Bitte wenden.“
„Ja.“
„I sag: ‚Na.‘“
„Zum Handy?“
„Ja.“
„Und?“
„Es hat nicht diskutiert.“
„Das Navi nicht.“
Sepp nickt anerkennend.
„Des war angenehm.“
Gelächter.
„Dann kommt: Route wird neu berechnet.“
„Genau.“
„Und?“
„Da klingt so ein leichter Vorwurf mit.“
„Nein.“
„Doch.“
Sepp imitiert eine neutrale Stimme.
„‚Route wird neu berechnet.‘“
„Des heißt übersetzt: Wenn du meinst.“
Der Tisch lacht.
„Hast schon QR-Codes benutzt?“
Sepp wird ernst.
„Die schwarzen Kästchen.“
„Genau.“
„Ja.“
„Wo?“
„Im Restaurant.“
„Speisekarte.“
„Richtig.“
„Praktisch.“
Sepp schaut ihn an.
„Franz.“
„Was?“
„I sitz im Wirtshaus.“
„Ja.“
„Vor mir Tisch.“
„Ja.“
„Kellner.“
„Ja.“
„Küche.“
„Ja.“
„Und um herauszufinden, ob’s Schnitzel gibt, muss i ein Quadrat fotografieren.“
Der Tisch lacht.
„Das ist digital.“
„Das ist Beschäftigung.“
„Hat’s funktioniert?“
„Beim dritten Versuch.“
„Warum erst beim dritten?“
„Beim ersten war mein Daumen vor der Kamera.“
Gelächter.
„Beim zweiten hab i das Ding zu nah gehalten.“
„Und beim dritten?“
„Plötzlich geht eine Webseite auf.“
„Siehst du.“
„Dann muss i Cookies akzeptieren.“
Onkel Franz lacht.
„Für die Speisekarte?“
„Ja.“
Sepp breitet die Arme aus.
„Früher hat der Kellner gesagt: Schweinsbraten is aus.“
Der Tisch lacht.
„Heute muss i dafür zuerst Datenschutz entscheiden.“
„Und was hast bestellt?“
„Schweinsbraten.“
„War er aus?“
„Ja.“
Gelächter.
„Dann Updates.“
Sepp wird still.
„Jetzt kommen wir zum ernsten Teil.“
„Was ist mit Updates?“
„Das Handy sagt: Update verfügbar.“
„Ja.“
„I sag: Schön.“
„Und installierst.“
„Na.“
„Warum nicht?“
„Weil i gerade telefonieren will.“
„Später.“
„Hab i gedrückt.“
„Und?“
„Am nächsten Tag wieder.“
„Natürlich.“
„Wieder später.“
„Und irgendwann?“
„Da fragt’s mich nachts.“
„Automatisch installieren.“
„Ja.“
„Praktisch.“
„I wach morgens auf und alles schaut anders aus.“
Der Tisch lacht.
„Was denn?“
„Ein Symbol war woanders.“
„Welches?“
„Keine Ahnung.“
„Dann ist es doch egal.“
„Na.“
Sepp zeigt mit dem Finger auf den Tisch.
„Wenn etwas zwanzig Jahre an derselben Stelle steht, kannst es blind finden.“
„Das Smartphone hast du erst drei Tage.“
„Prinzip.“
Gelächter.
„Hast schon Fotos gemacht?“
„Freili.“
„Viele?“
„Am ersten Tag siebenundachtzig.“
„Von was?“
Sepp schaut nachdenklich.
„Zwölf wollte i.“
Der Tisch lacht.
„Wie kommen dann siebenundachtzig zusammen?“
„Wenn du auf den Knopf drückst, macht des Ding manchmal gleich mehrere.“
„Serienaufnahme.“
„Genau.“
„Dann hast du Auswahl.“
„I brauch keine Auswahl von achtundzwanzig identischen Bildern von meinem Apfelbaum.“
Gelächter.
„Aber die Kamera ist gut.“
„Sehr gut.“
„Video auch.“
„Hab i versehentlich gemacht.“
„Wie lange?“
„Vier Minuten.“
„Was sieht man?“
„Meine Hosentasche.“
Der Tisch bricht in Gelächter aus.
„Hast es gelöscht?“
„Nein.“
„Warum nicht?“
„I hab’s nicht gefunden.“
Gelächter.
„Das ist jetzt vermutlich in der Cloud.“
Sepp schaut sofort auf.
„Da sind wir beim nächsten Thema.“
„Cloud.“
„Wolke.“
„Ja.“
„Was genau ist des?“
„Online-Speicher.“
„Wo?“
„Im Internet.“
„Wo im Internet?“
„Auf Servern.“
„Wo stehen die?“
„Irgendwo in Rechenzentren.“
Sepp schweigt.
„Also meine Bilder sind in einer Wolke.“
„Sozusagen.“
„Die aber aus Computern besteht.“
„Ja.“
„Die irgendwo stehen.“
„Ja.“
„Und keiner weiß, wo.“
„Der Anbieter schon.“
Sepp nimmt einen Schluck Kaffee.
„Des beruhigt mich enorm.“
Der Tisch lacht.
„Aber wenn dein Handy kaputtgeht, sind die Bilder trotzdem noch da.“
Sepp hält inne.
„Das ist gut.“
„Siehst du.“
„Also wenn i das Telefon in den See schmeiß—“
„Bitte nicht.“
„Nur theoretisch.“
„Dann kannst du die Daten auf einem neuen Gerät wiederherstellen.“
Sepp nickt langsam.
„Das ist schon gescheit.“
„Na also.“
„Aber Wolke ist ein schlechter Name.“
„Warum?“
„Wenn einer sagt: Deine Fotos sind in der Wolke, erwart i beim nächsten Regen Probleme.“
Gelächter.
„Und Nachrichten?“
„Schreib i.“
„Wie geht’s?“
Sepp verzieht das Gesicht.
„Autokorrektur.“
„Was ist damit?“
„Die glaubt, sie kann besser Bayerisch als i.“
Der Tisch lacht.
„Beispiel?“
„I schreib meinem Nachbarn: ‚I komm glei.‘“
„Ja.“
„Das Handy macht draus: ‚Ich komme gleich.‘“
„Das ist doch korrekt.“
Sepp schaut empört.
„Aber i hab’s nicht geschrieben.“
„Sinngemäß.“
„Dann kann’s gleich selber hingehen.“
Gelächter.
„Noch schlimmer: I schreib ‚Servus‘.“
„Und?“
„Geht.“
„Na also.“
„Dann schreib i ‚Freili‘.“
„Und?“
„Es will ‚freilich‘.“
„Auch richtig.“
Sepp schüttelt den Kopf.
„Ein Smartphone ohne Dialekt ist nur halb intelligent.“
Der Tisch lacht.
„Du kannst Wörter zum Wörterbuch hinzufügen.“
„Hab i.“
„Freili?“
„Freili.“
„Und?“
„Jetzt kennt’s des.“
Sepp lächelt zufrieden.
„Man muss Maschinen erziehen.“
Gelächter.
„Hast schon Spracheingabe probiert?“
Sepp wird sofort ernst.
„Ja.“
„Und?“
„Interessant.“
„Warum?“
„I sag: ‚Schreib dem Franz, dass i um sieben komm.‘“
„Und?“
„Es schreibt irgendwas.“
„Was?“
Sepp schaut zu Onkel Franz.
„‚Schreib dem Franz, dass die Umsegelung kommt.‘“
Der Tisch lacht laut.
„Vielleicht nuschelst du.“
„I nuschel nicht.“
„Dialekt.“
„Des Smartphone lebt in Bayern. Dann soll’s sich integrieren.“
Gelächter.
„Sprachassistent?“
„Auch probiert.“
„Was gefragt?“
„Wie morgen das Wetter wird.“
„Und?“
„Hat funktioniert.“
„Siehst du.“
„Dann hab i gefragt: ‚Muss i morgen Rasen mähen?‘“
„Und?“
„Sie sagt: ‚Das kann ich leider nicht beurteilen.‘“
Sepp nickt.
„Da war sie mir sympathisch.“
„Warum?“
„Endlich eine Maschine, die ihre Grenzen kennt.“
Der Tisch lacht.
„Dann hab i gesagt: ‚Stell einen Wecker auf sieben.‘“
„Hat geklappt?“
„Ja.“
„Und morgens?“
„Hat geklingelt.“
„Perfekt.“
„I sag: ‚Aus.‘“
„Und?“
„Nix.“
„Du musst—“
„Dann sag i lauter: ‚AUS!‘“
„Und?“
„Meine Frau sagt: ‚Schrei doch nicht so.‘“
Gelächter.
„Und der Wecker?“
„Läuft weiter.“
„Dann?“
„I hab aufs Display gehauen.“
„Tippen.“
„Ja.“
„Dann war Ruhe.“
Sepp nickt.
„Manche Probleme bleiben analog lösbar.“
Der Tisch lacht.
„Hast du schon kontaktlos bezahlt?“
„Ja.“
„Mit dem Handy?“
„Das war komisch.“
„Warum?“
„I steh an der Kasse.“
„Ja.“
„Die Frau sagt: ‚Einfach dranhalten.‘“
„Ja.“
„I halte es dran.“
„Und?“
„Nix.“
„Entsperrt?“
„Na.“
„Dann Gesichtserkennung.“
„Also schau i das Telefon an.“
„Ja.“
„Dann ans Gerät.“
„Ja.“
„Pieps.“
„Fertig.“
Sepp wirkt beeindruckt.
„Da hab i bezahlt.“
„Genau.“
„Ohne Geld.“
„Mit digital hinterlegter Karte.“
„I weiß.“
„Aber für einen Moment war’s wie Zauberei.“
„Praktisch, oder?“
„Sehr.“
„Dann brauchst kein Portemonnaie mehr.“
Sepp schaut entsetzt.
„Langsam.“
Der Tisch lacht.
„Eins nach dem andern.“
„Was stört dich noch?“
„Benachrichtigungen.“
„Was ist damit?“
„Das Ding will ständig was.“
„Welche denn?“
„Wetter.“
„Ja.“
„Nachrichten.“
„Ja.“
„Eine App meint, i soll mich anmelden.“
„Ja.“
„Eine andere sagt, jemand hat was veröffentlicht.“
„Ja.“
„Dann kommt Werbung.“
„Kann man einstellen.“
„Dann erinnert mich der Kalender.“
„Praktisch.“
„Dann schreibt Franz.“
Onkel Franz hebt die Hand.
„Entschuldigung.“
„Dann meldet sich irgendeine Gruppe.“
„Stumm schalten.“
„Dann sagt das Handy, der Speicher wird knapp.“
„Aufräumen.“
Sepp legt beide Hände auf den Tisch.
„Seit i ein Smartphone hab, hab i mehr Verwaltung als früher mit einem ganzen Haushalt.“
Der Tisch lacht.
„Aber du kannst Benachrichtigungen ausschalten.“
„Das hab i gestern gefunden.“
„Und?“
Sepp lächelt.
„Herrlich.“
„Alles aus?“
„Fast.“
„Was hast angelassen?“
„Anrufe.“
„Vernünftig.“
„Und Wetter.“
„Warum Wetter?“
„Weil die öfter recht haben als der Franz.“
Gelächter.
„Hast du eigentlich schon Bildschirmzeit gesehen?“
Sepp wird misstrauisch.
„Was is des?“
„Das Handy zeigt dir, wie lange du es benutzt hast.“
„Warum?“
„Damit du weißt, wie viel Zeit du am Bildschirm verbringst.“
Sepp schaut auf sein Smartphone.
„Das Ding überwacht also, wie lange i es anschaue?“
„Ja.“
„Und zeigt mir das dann?“
„Ja.“
„Was war’s bei dir?“
„Gestern drei Stunden zwölf.“
Stille.
Onkel Franz grinst.
„Nicht schlecht für jemanden, der Apps für Programme hält.“
Der Tisch lacht.
Sepp hebt den Finger.
„Da war Navigation dabei.“
„Natürlich.“
„Und Fotos.“
„Natürlich.“
„Und Update.“
„Natürlich.“
„Und i hab eine halbe Stunde gesucht, wie man die Taschenlampe wieder ausschaltet.“
Gelächter.
„Die ist doch einfach.“
„Jetzt.“
„Wie hast sie angemacht?“
„Versehentlich.“
„Und ausgeschaltet?“
„Nach achtundzwanzig Minuten.“
Der Tisch lacht.
„Was gefällt dir denn am Smartphone am besten?“
Sepp überlegt.
„Navigation.“
„Ja.“
„Kamera.“
„Ja.“
„Wetter.“
„Ja.“
„Bezahlen ist praktisch.“
„Ja.“
„Und dass i jederzeit jemanden anrufen kann.“
„Das konntest du vorher auch.“
Sepp schaut ihn an.
„Franz.“
„Schon gut.“
„Aber jetzt kann i auch Bilder schicken.“
„Genau.“
„Gestern hab i meiner Schwester eins geschickt.“
„Welches?“
„Von meinem Abendessen.“
Seine Schwester schaut auf.
„Warum?“
Sepp zuckt mit den Schultern.
„Machen doch alle.“
Der Tisch lacht.
„Du wirst modern.“
„I beobachte.“
„Und lernst.“
„Freili.“
Sepp nimmt das Smartphone wieder in die Hand.
Das Display leuchtet auf.
Er schaut hin.
„Jetzt schon wieder.“
„Was?“
„Es sagt, i soll mein Betriebssystem aktualisieren.“
Onkel Franz grinst.
„Machst es?“
Sepp betrachtet das Telefon lange.
„Später.“
Der Tisch lacht.
„Und wenn es morgen wieder fragt?“
Sepp steckt das Handy zurück in die Hosentasche.
„Dann haben wir wenigstens schon ein Gesprächsthema.“
Aber eins nach’m andern.
