„Also“, sagt da Sepp beim Sonntagskaffee und legt beide Hände auf den Tisch, „i war Snowboarden.“
Da Onkel Franz schaut ihn langsam an.
„Du?“
„Ja, i.“
„Nach dem Skifahren?“
„Freili. I hab ma denkt: Wenn i schon gelernt hab, mit zwoa Brettern den Berg runterzukommen, dann wird’s mit oam Brett ja wohl leichter sein.“
Seine Schwester hebt eine Augenbraue.
„Logisch.“
„Hab i aa denkt.“
Da Sepp nimmt einen Schluck Kaffee.
„War falsch.“
„Also. I fahr wieder mit der Moni ins Skigebiet. Diesmal geh i ned zum Skiverleih, sondern zum Snowboardverleih.“
„Und?“
„Der junge Kerl hinterm Tresen schaut mi an und fragt: ‚Regular oder Goofy?‘“
Da Sepp verstummt.
„Was?“
„Genau des hab i aa g’fragt.“
Er richtet sich auf.
„Regular oder Goofy.“
„Das sind die beiden Standpositionen.“
„Des woaß i jetzt.“
Da Sepp zeigt auf sich.
„Aber in dem Moment denk i: Der kennt mi keine dreißig Sekunden und will schon wissen, ob i normal oder deppert bin.“
Da Onkel Franz prustet los.
„I sag zu ihm: ‚Junger Mann, über Regular können wir reden. Aber Goofy brauchen S’ mich ned nennen.‘“
„Und was hat er gesagt?“
„‚Welcher Fuß ist vorne?‘“
Sepp schaut in die Runde.
„Woher soll i des wissen? I war ja noch gar ned auf dem Brett!“
Seine Schwester lacht.
„Dann hat er mi von hinten leicht geschubst.“
Onkel Franz wird aufmerksam.
„Einfach so?“
„Freili! I war überhaupt ned vorbereitet. I mach automatisch an Schritt nach vorn.“
„Mit welchem Fuß?“
„Mit’m linken.“
„Dann bist Regular.“
Da Sepp nickt.
„Des war das erste Mal an dem Tag, dass i froh war, regular zu sein.“
Er nimmt einen weiteren Schluck Kaffee.
„Dann krieg i des Brett.“
„Und?“
„Ein Brett.“
„Ja.“
„Ohne Stöcke.“
„Beim Snowboarden gibt’s keine Stöcke.“
„Eben!“
Da Sepp breitet die Arme aus.
„Beim Skifahren hab i wenigstens noch zwei zusätzliche Sachen g’habt, an denen i mich festhalten konnte. Jetzt geben’s mir ein Brett und sagen: Viel Spaß.“
„Du hast Bindungen.“
„Ja. Bindungen.“
Da Sepp schaut ernst.
„Schon das Wort macht mi nervös.“
„Warum?“
„Wenn an Sportgerät Bindungen braucht, klingt des für mi ned nach Freizeit.“
Der Tisch lacht.
„Also steig i mit dem vorderen Fuß rein. Der Snowboardlehrer sagt: ‚Den hinteren Fuß lassen wir erstmal frei.‘“
Da Sepp hebt sofort den Finger.
„Da war i schon dagegen.“
„Wieso?“
„Wenn i auf einem rutschigen Brett steh, will i entweder beide Füß fest oder beide frei. Aber ned einer so und einer so.“
„Das braucht man fürs Anschieben.“
„Ja, hab i gelernt.“
Er schüttelt den Kopf.
„I stoß mich also mit’m rechten Fuß ab. Des Brett fährt los.“
„Der rechte Fuß läuft daneben her.“
„So soll’s sein.“
„Für euch vielleicht.“
Da Sepp lehnt sich vor.
„Für mi hat’s ausgeschaut, als würden meine beiden Beine plötzlich unterschiedliche Urlaubspläne verfolgen.“
Gelächter.
„Dann sagt der Lehrer: ‚Jetzt steigst mit dem hinteren Fuß dazu und gleitest einfach.‘“
„Und?“
„Hab i gmacht.“
„Gut.“
„Drei Meter.“
„Und dann?“
„Dann hab i erfahren, dass ein Snowboard keine natürliche Neigung hat, stehenzubleiben.“
Seine Schwester lacht.
„Der Lehrer ruft: ‚Auf die Kante!‘“
Da Sepp klopft auf den Tisch.
„Welche?“
„Heel Edge oder Toe Edge.“
„Ja! Schon wieder Englisch.“
Er zählt an den Fingern ab.
„Fersenkante. Zehenkante. Des wären zwei völlig verständliche Wörter gewesen.“
„Und welche hast genommen?“
„Alle.“
„Wie alle?“
„Nacheinander. Sehr schnell.“
Da Sepp demonstriert mit der Hand ein kippendes Brett.
„Erst hinten. Dann vorn. Dann wieder hinten. Dann gar keine mehr.“
„Und dann lag i.“
„Auf welcher Seite?“
„Auf Schnee.“
Da Onkel Franz lacht.
„Dann erklärt der Lehrer: ‚Wir üben erstmal Falling Leaf.‘“
Sepp wird still.
„Falling Leaf.“
„Fallendes Blatt.“
„Genau.“
Er schaut aus dem Fenster.
„I denk ma: Des klingt wenigstens friedlich.“
„Ist es auch.“
„Na.“
Da Sepp hebt warnend den Finger.
„Ein Blatt hat keine acht Kilo Brett an den Füßen.“
Seine Mutter schüttelt lächelnd den Kopf.
„Wie funktioniert das?“
„Man rutscht auf einer Kante seitlich den Hang runter. Erst nach links, dann nach rechts.“
„Also wie ein Blatt.“
„Ja.“
Sepp nickt langsam.
„Bloß dass des Blatt normalerweise ned flucht.“
Der Tisch lacht.
„I steh also auf der Fersenkante. Der Lehrer sagt: ‚Gewicht leicht verlagern.‘“
„Und?“
„I verlagere.“
„Zu leicht?“
„Zu viel.“
„Was ist passiert?“
„I bin links los.“
„Gut.“
„Sehr links.“
„Wie links?“
„Bis fast zum Fangzaun.“
Onkel Franz lacht laut.
„Dann Gewicht nach rechts.“
„Und?“
„Dann sehr rechts.“
Da Sepp nimmt seine Tasse.
„Nach fünf Minuten hab i den Hang komplett genutzt. Sportlich gesehen war des wahrscheinlich effizient.“
„Und dann die Zehenkante?“
Sepp stellt die Tasse wieder ab.
„Darüber red ma vorsichtig.“
„Warum?“
„Weil man dabei mit’m Rücken zum Tal steht.“
„Ja.“
„Des widerspricht jedem Überlebensinstinkt.“
Er zeigt hinter sich.
„I soll also rückwärts einen Berg runterfahren, den i ned sehe, mit beiden Füßen an ein Brett geschnallt.“
„So ungefähr.“
„Und der Lehrer sagt: ‚Vertrau dem Brett.‘“
Da Sepp schaut empört.
„I kenn des Brett seit zwanzig Minuten!“
Seine Schwester lacht.
„I vertrau doch ned einmal meinem Rasenmäher vollständig.“
„Hat’s funktioniert?“
„I hab’s probiert.“
Er seufzt.
„Der Lehrer sagt: Knie weich, Hüfte nach vorn, Blick hoch.“
„Klingt gut.“
„Ja. Bloß mein Körper hat beschlossen: Knie hart, Hüfte zurück, Blick panisch.“
Gelächter.
„Und dann?“
„Zehenkante greift.“
Sepp macht eine kleine Pause.
„Zu gut.“
„Gestürzt?“
„Vornüber.“
„Autsch.“
„Freili autsch.“
Er zeigt auf seine Hände.
„Aber mit Helm, Handschuhen und Würde.“
„Würde?“
„Die lag ungefähr zwei Meter weiter oben.“
Da Onkel Franz wischt sich die Augen.
„Nach einer Stunde sagt der Lehrer: ‚Josef, jetzt machen wir die ersten Turns.‘“
Da Sepp nickt bedeutungsvoll.
„Kurven.“
„Genau.“
„Des konnte der Skilehrer auch einfach Kurven nennen.“
„Und beim Snowboard?“
„Da heißt’s Turn.“
Er schüttelt den Kopf.
„Wenn i links fahr, is es a Kurve. Wenn i auf einem Brett links fahr, wird’s plötzlich international.“
„Wie ging’s?“
„Erste Kurve erstaunlich gut.“
„Echt?“
„Ja.“
„Zweite?“
„Auch.“
„Dritte?“
Da Sepp schweigt.
„Was war bei der dritten?“
„Da war a Gruppe Kinder.“
„Oje.“
„Na, nix passiert.“
Er hebt beruhigend die Hände.
„Die konnten alle fahren.“
„Sehr gut sogar.“
Seine Schwester grinst.
„Besser als du?“
Da Sepp schaut beleidigt.
„Die waren ungefähr acht.“
„Also besser als du.“
„Des Alter is hier völlig irrelevant.“
Gelächter.
„Einer von den Buben fährt an mir vorbei, dreht sich dabei rückwärts und sagt zu seinem Freund: ‚Mach einfach einen Switch Turn.‘“
Sepp starrt in die Runde.
„Switch.“
„Andersrum fahren.“
„I war froh, wenn i überhaupt vorwärts in die richtige Richtung fahr!“
Da Onkel Franz lacht.
„Dann sagt mein Lehrer: ‚Das kommt später.‘“
„Und du?“
„I sag: ‚Des kommt bei mir gar ned.‘“
„Warum?“
„I hab doch extra am Anfang geklärt, dass i Regular bin!“
Jetzt lacht der ganze Tisch.
„Aber irgendwann“, sagt da Sepp, „ging’s tatsächlich.“
Er wird ein bisschen ruhiger.
„Linke Kurve. Rechte Kurve. Wieder links. Schnee spritzt. Berg vor dir. Sonne. Und plötzlich denkst nimmer drüber nach, welche Kante grad wo is.“
„Hat Spaß gemacht?“
Sepp nickt.
„Schon.“
„Sogar richtig.“
Seine Mutter lächelt.
„Dann gehst wieder?“
„Freili.“
„Snowboarden?“
„Ja.“
„Trotz Goofy, Falling Leaf und Toe Edge?“
„Freili.“
Da Sepp nimmt langsam seine Kaffeetasse.
„Bloß beim nächsten Mal klär i vorher noch was.“
„Was denn?“
Er schaut ernst in die Runde.
„Der Lehrer hat gesagt, als Nächstes üben wir Butter.“
Onkel Franz beginnt schon zu lachen.
„Und?“
Da Sepp schüttelt den Kopf.
„I hab langsam den Verdacht, dass Wintersportler grundsätzlich Hunger haben.“
Aber eins nach’m andern.
