Kurzantwort:
Selbstbehauptung bedeutet, eigene Bedürfnisse, Wünsche, Rechte, Meinungen oder Grenzen auszudrücken und für sie einzustehen.
Das Buch ergänzt diesen Grundgedanken um eine normative Frage: Wie kann Selbstbehauptung gerecht gestaltet werden?
Die Antwort des Buchmodells verbindet die eigene Position mit Rücksicht auf die Würde, Autonomie und Bedürfnisse anderer.
Kapitel 2.2 benennt dafür drei Säulen: Respekt, Verantwortung und Gerechtigkeit.
Selbstbehauptung und gerechte Selbstbehauptung unterscheiden
Kapitel 1 beginnt mit einem allgemeinen Verständnis von Selbstbehauptung: Menschen äußern eigene Bedürfnisse, Wünsche und Grenzen und vertreten die eigene Position.
Damit ist zunächst noch nicht entschieden, auf welche Weise dies geschieht. Eine Person kann sich beispielsweise klar und respektvoll äußern, aber auch versuchen, ihre Interessen dominant oder manipulativ durchzusetzen.
Das Adjektiv „gerecht“ fügt deshalb im Buch eine normative Ebene hinzu. Nicht allein das Durchsetzen des eigenen Anliegens ist entscheidend, sondern auch die Art und Weise, wie mit anderen Beteiligten umgegangen wird.
Was bedeutet Assertiveness in der Psychologie?
Für die allgemeine psychologische Einordnung ist der englische Begriff assertiveness relevant.
Das APA Dictionary of Psychology beschreibt Assertiveness als einen Kommunikationsstil, bei dem eigene Gefühle und Bedürfnisse direkt ausgedrückt werden, während der Respekt gegenüber anderen erhalten bleibt.
Der verwandte Begriff self-assertion bezeichnet das Äußern eigener Meinungen beziehungsweise Handlungen, die eigene Bedürfnisse, Rechte oder Wünsche ausdrücken.
Psychologische Begriffsquelle American Psychological Association: assertiveness.
Wo liegen die Gemeinsamkeiten?
Zwischen allgemeiner Assertiveness und gerechter Selbstbehauptung bestehen deutliche Berührungspunkte.
Beide Perspektiven behandeln die Fähigkeit, eigene Anliegen auszudrücken, ohne den anderen Menschen allein zum Mittel der eigenen Zielerreichung zu machen.
Auch eine aktuelle wissenschaftliche Übersichtsarbeit zu Assertiveness in professionellen medizinischen Beziehungen beschreibt den Begriff relational: Eigene Ansichten, Bedürfnisse und Rechte werden kommuniziert, während zugleich die Interessen und Beziehungen zu anderen berücksichtigt werden.
Fachliteratur Gutgeld-Dror, Laor und Karnieli-Miller: Assertiveness in physicians' interpersonal professional encounters: A scoping review, Medical Education, 2024.
PubMed: Assertiveness in physicians' interpersonal professional encounters
Wo liegt der Unterschied zum Buchmodell?
Gerechte Selbstbehauptung übernimmt nicht einfach eine vorhandene Definition von Assertiveness.
Das Buch verbindet Selbstbehauptung ausdrücklich mit einem eigenen ethisch-normativen Rahmen.
In Kapitel 2.2 werden drei Säulen formuliert:
| Säule | Bedeutung im Buchmodell |
|---|---|
| Respekt | Würde, Autonomie und Rechte des Gegenübers berücksichtigen. |
| Verantwortung | Für das eigene Handeln einstehen und mögliche Folgen für andere reflektieren. |
| Gerechtigkeit | Eigene und fremde Bedürfnisse nicht einseitig betrachten, sondern Fairness und Ausgleich reflektieren. |
Klarheit, Respekt und Verantwortung sind nicht die drei Säulen aus Kapitel 2.2
Auf dem Buchcover beziehungsweise im Untertitel erscheint die Formulierung „Wie man Klarheit, Respekt und Verantwortung vereint“.
Kapitel 2.2 bezeichnet dagegen ausdrücklich Respekt, Verantwortung und Gerechtigkeit als die drei Säulen der gerechten Selbstbehauptung.
Beide Formulierungen erfüllen damit unterschiedliche Funktionen. „Klarheit“ ist ein wiederkehrendes Kommunikationsmerkmal des Buches, ersetzt aber in der Kapitelstruktur nicht die Säule „Gerechtigkeit“.
Und was ist mit Intention, Respekt und Werteorientierung?
Auch diese Dreiergruppe darf nicht mit den drei Säulen aus Kapitel 2.2 verwechselt werden.
Kapitel 4 fragt: Was macht Selbstbehauptung gerecht?
Dort werden drei Faktoren behandelt:
- Intention,
- Respekt,
- Werteorientierung.
Die drei Säulen aus Kapitel 2.2 und die drei Kriterien aus Kapitel 4 gehören damit zu unterschiedlichen Ebenen der Buchsystematik.
Gerechte Selbstbehauptung ist nicht bloß Durchsetzungsfähigkeit
Das Buch grenzt sein Modell ausdrücklich von der Vorstellung ab, Selbstbehauptung bestehe lediglich darin, sich gegen andere durchzusetzen.
Kapitel 3 behandelt hierfür vier Gegenmuster: Dominanz, Manipulation, Flucht und egoistische Selbstbehauptung.
Diese Muster werden auf einer eigenen Wissensseite ausführlich voneinander unterschieden.
Gerechte Selbstbehauptung ist auch nicht Passivität
Respekt gegenüber anderen bedeutet im Buch nicht, die eigenen Bedürfnisse oder Grenzen zurückzustellen.
Das Modell soll vielmehr einen Raum zwischen einseitiger Durchsetzung und Selbstaufgabe beschreiben.
Die eigene Position darf klar ausgesprochen werden. Gleichzeitig wird geprüft, ob die Autonomie und Würde des Gegenübers gewahrt bleiben.
Drei Kommunikationsebenen
Kapitel 1 unterscheidet drei Ebenen, auf denen Selbstbehauptung zum Ausdruck kommen kann:
| Ebene | Beispiele |
|---|---|
| Verbal | Wortwahl, Formulierungen, Inhalt der Aussage. |
| Paraverbal | Tonfall, Lautstärke, Sprechgeschwindigkeit und Betonung. |
| Nonverbal | Haltung, Gestik, Mimik und Blickverhalten. |
Die wissenschaftliche Bewertung dieser Kommunikationsebenen und insbesondere die Grenzen der Deutung von Körpersprache werden auf einer eigenen Wissensseite vertieft.
Selbstbehauptung kann gelernt und geübt werden
Assertiveness wird in der Psychologie nicht ausschließlich als unveränderliche Persönlichkeitseigenschaft behandelt. Es existieren strukturierte Trainingsansätze, die verbale und nonverbale Kommunikationsmuster einüben.
Psychologische Begriffsquelle American Psychological Association: assertiveness training.
Daraus folgt allerdings nicht, dass jedes konkrete Kommunikationsmodell oder jede einzelne Übung automatisch wissenschaftlich validiert ist.
Dominique Chalvin als weiterführende Buchliteratur
Das Literaturverzeichnis von „Die Kunst der gerechten Selbstbehauptung“ nennt Dominique Chalvins L'affirmation de soi: Mieux gérer ses relations avec les autres.
Das Werk gehört zur weiterführenden Literatur über Selbstbehauptung und zwischenmenschliche Beziehungen.
Buchliteratur Dominique Chalvin: L'affirmation de soi: Mieux gérer ses relations avec les autres, ESF Éditeur, 2011.
Die Quelle bietet einen weiterführenden Bezug zum allgemeinen Thema Selbstbehauptung. Sie wird hier nicht als Ursprung des Ellmann-Modells der gerechten Selbstbehauptung ausgegeben.
Eine kompakte Abgrenzung
| Begriff | Funktion auf dieser Wissensseite |
|---|---|
| Self-assertion | Allgemeiner psychologischer Begriff für das Vertreten eigener Meinungen, Bedürfnisse, Rechte oder Wünsche. |
| Assertiveness | Kommunikationsbezogener psychologischer Begriff, bei dem eigene Anliegen direkt und unter Respekt vor anderen ausgedrückt werden. |
| Gerechte Selbstbehauptung | Eigenständiges Buchmodell, das Selbstbehauptung zusätzlich an Respekt, Verantwortung und Gerechtigkeit bindet. |
Fünf Fragen zur eigenen Einordnung
- Eigenes Anliegen: Was möchte oder brauche ich konkret?
- Klarheit: Habe ich mein Anliegen verständlich ausgesprochen?
- Autonomie: Lasse ich dem Gegenüber grundsätzlich Raum für eine eigene Entscheidung?
- Verantwortung: Welche Folgen kann mein Verhalten für mich und andere haben?
- Gerechtigkeit: Berücksichtige ich ausschließlich mein eigenes Interesse oder auch berechtigte Interessen anderer?
Quellen und Literatur zu dieser Wissensseite
Modellquelle Mathias Ellmann: Die Kunst der gerechten Selbstbehauptung , insbesondere Kapitel 1, Kapitel 2.1 und 2.2 sowie Kapitel 8.1 der veröffentlichten Fassung des E-Books.
Psychologische Begriffsquelle APA Dictionary of Psychology: assertiveness .
APA Dictionary of Psychology: self-assertion .
APA Dictionary of Psychology: assertiveness training .
Fachliteratur Gutgeld-Dror, Laor & Karnieli-Miller: Assertiveness in physicians' interpersonal professional encounters .
Buchliteratur Dominique Chalvin: L'affirmation de soi: Mieux gérer ses relations avec les autres, ESF Éditeur, 2011.
Als Nächstes: verbale, paraverbale und nonverbale Kommunikation
Die nächste Wissensseite untersucht die drei Kommunikationsebenen aus Kapitel 1.1 bis 1.4 und grenzt insbesondere belastbare Beobachtung von überzogener Körpersprache-Deutung ab.