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Abgrenzung und ethische Orientierung

Dominanz, Manipulation, Flucht und egoistische Selbstbehauptung unterscheiden

Kapitel 3 von „Die Kunst der gerechten Selbstbehauptung“ stellt vier Gegenmuster gegenüber: Dominanz, Manipulation, Flucht und egoistische Selbstbehauptung. Diese Vierergruppe ist eine didaktische Systematik des Buches und keine universelle psychologische Persönlichkeitstypologie.

Stand: 19. September 2026 · Mathias Ellmann

Kurzantwort:

Dominanz beschreibt im Buch eine Form der Durchsetzung, bei der Kontrolle und einseitige Machtausübung im Vordergrund stehen.

Manipulation bezeichnet dort eine indirekte Einflussnahme, die beispielsweise mit Druck, Schuldgefühlen oder verdeckten Absichten arbeiten kann.

Flucht bezeichnet im Buch einen Rückzug, bei dem eigene Bedürfnisse oder Grenzen nicht klar vertreten werden.

Egoistische Selbstbehauptung beschreibt eine Durchsetzung eigener Wünsche, bei der Folgen und Interessen anderer weitgehend ausgeblendet werden.

Gerechte Selbstbehauptung soll demgegenüber eigene Anliegen mit Respekt, Verantwortung und Gerechtigkeit verbinden.

Vier Gegenmuster – aber keine universelle psychologische Typologie

Die vier Begriffe werden in Kapitel 3 verwendet, um unterschiedliche Arten problematischer Selbstbehauptung beziehungsweise des Rückzugs anschaulich voneinander abzugrenzen.

Sie sollten nicht so verstanden werden, als gäbe es in der Psychologie eine allgemein verbindliche Viererklassifikation aller Menschen oder Kommunikationssituationen.

Menschen können sich je nach Situation unterschiedlich verhalten. Auch einzelne Äußerungen reichen nicht aus, um einer Person dauerhaft einen bestimmten Typ zuzuschreiben.

Modellgrenze: Dominanz, Manipulation, Flucht und egoistische Selbstbehauptung sind auf dieser Wissensseite Kategorien der Buchsystematik. Sie sind keine Diagnosen und keine festen Persönlichkeitstypen.

Dominanz: Durchsetzung über Kontrolle

Kapitel 3.1 beschreibt Dominanz als Verhalten, das auf Kontrolle über andere und einseitige Machtausübung zielt.

Als Beispiele nennt das Buch Befehle, ultimative Aussagen, einen fordernden Ton und drohend wirkende Körpersprache.

Entscheidend ist dabei nicht ein einzelnes äußeres Merkmal. Eine feste Stimme oder eine klare Anweisung ist für sich genommen noch kein Beweis für dominantes Verhalten.

Nicht jede Klarheit ist Dominanz: Eine klare Grenze, ein sachlicher Widerspruch oder eine legitime Weisung kann bestimmt formuliert sein, ohne deshalb automatisch dem Buchmuster Dominanz zu entsprechen.

Manipulation: Einflussnahme mit verdecktem oder einseitigem Vorteil

Kapitel 3.2 beschreibt Manipulation als indirekte Form der Durchsetzung, die mit Gefühlen, Schwächen, Schuldzuweisungen oder verdecktem Druck arbeiten kann.

Das APA Dictionary of Psychology verwendet den Begriff manipulation unter anderem für Verhalten, das darauf gerichtet ist, andere auszunutzen, zu kontrollieren oder zum eigenen Vorteil zu beeinflussen.

Psychologische Begriffsquelle American Psychological Association: manipulation.

APA Dictionary of Psychology: manipulation

Nicht jede Einflussnahme ist automatisch Manipulation

Zwischenmenschliche Kommunikation kann andere Menschen beeinflussen, ohne deshalb automatisch manipulativ zu sein.

Eine Bitte, ein Argument, eine Empfehlung oder ein Überzeugungsversuch kann offen erkennbar sein und dem Gegenüber Entscheidungsfreiheit lassen.

Für die praktische Prüfung sind deshalb beispielsweise relevant: Transparenz, Druck, Täuschung, Entscheidungsfreiheit und der Umgang mit einem Nein.

Flucht: Rückzug als Buchkategorie

Kapitel 3.3 verwendet „Flucht“ für Situationen, in denen schwierigen Auseinandersetzungen ausgewichen wird und eigene Bedürfnisse oder Grenzen unausgesprochen bleiben.

Im Buch zeigen sich solche Situationen beispielsweise durch Schweigen, ausweichende Aussagen oder den vollständigen Rückzug aus einer notwendigen Auseinandersetzung.

Begriffsgrenze: „Flucht“ ist hier ein Buchbegriff für ein zwischenmenschliches Rückzugsmuster. Er ist nicht mit einer psychologischen Diagnose und nicht mit der physiologischen Fight-or-flight-Stressreaktion gleichzusetzen.

Rückzug ist nicht grundsätzlich falsch

Die Abgrenzung des Buches bedeutet nicht, dass jede Beendigung eines Gesprächs oder jedes Verlassen einer Situation ungerecht wäre.

Rückzug kann beispielsweise dem Selbstschutz, der Deeskalation oder der Wahrung einer Grenze dienen.

Die relevante Frage ist daher, ob eine Person reflektiert entscheidet, eine Situation zu verlassen, oder ob eigene legitime Bedürfnisse dauerhaft nicht vertreten werden.

Egoistische Selbstbehauptung: das eigene Interesse als alleiniger Maßstab

Kapitel 3.4 beschreibt egoistische Selbstbehauptung als Verhalten, bei dem eigene Wünsche über die Interessen anderer gestellt und mögliche Folgen für andere weitgehend ignoriert werden.

Das Buch nennt beispielsweise fordernde oder herablassende Aussagen und eine Haltung, bei der die Perspektive des Gegenübers keine erkennbare Rolle spielt.

Egoistische Selbstbehauptung ist dabei eine Bezeichnung innerhalb des Buchmodells. Die Wissensseite verwendet den Ausdruck nicht als psychologische Diagnose.

Selbstbehauptung und Aggression sind nicht dasselbe

Auch die psychologische Forschung trennt Assertiveness und Aggression nicht einfach anhand der Stärke oder Lautstärke einer Äußerung.

Eine Scoping Review zu Assertiveness in professionellen medizinischen Beziehungen beschreibt Assertiveness relational: Eigene Sichtweisen, Rechte und Bedürfnisse werden kommuniziert, während die des Gegenübers berücksichtigt werden.

Fachliteratur Gutgeld-Dror, Laor und Karnieli-Miller: Assertiveness in physicians' interpersonal professional encounters: A scoping review.

PubMed: Assertiveness in physicians' interpersonal professional encounters

Frühere Fachliteratur hat zugleich darauf hingewiesen, dass die begriffliche Trennung zwischen assertivem und aggressivem Verhalten theoretisch anspruchsvoll sein kann.

Historische Fachliteratur Fachliteratur zur Abgrenzung assertiven und aggressiven Verhaltens.

PubMed: Fachartikel zur Abgrenzung assertiven und aggressiven Verhaltens

Eine neuere empirische Vier-Stil-Unterscheidung

Eine neuere empirische Arbeit untersucht vier interpersonale Stile: Assertiveness, Passiveness, hostile aggression und manipulative aggression.

Diese Operationalisierung zeigt, dass Forschung unterschiedliche interpersonale Verhaltensstile getrennt erfassen kann.

Sie ist jedoch nicht identisch mit den vier Gegenmustern aus Kapitel 3 des Buches.

Die empirischen vier Stile sind insbesondere nicht die Quelle der Viererstruktur des Buches.

Keine Gleichsetzung: Die empirischen vier Stile dieser Untersuchung werden nicht mit den vier Gegenmustern der Buchsystematik gleichgesetzt.

Die Buchmuster im Vergleich

Muster im Buch Eigenes Anliegen Autonomie anderer Typische Problematik
Dominanz Wird deutlich durchgesetzt Kann stark eingeschränkt werden Kontrolle und einseitige Machtausübung
Manipulation Wird häufig indirekt verfolgt Kann durch verdeckten Druck beeinträchtigt werden Intransparenz, Schuld oder emotionale Einflussnahme
Flucht Wird nicht oder kaum vertreten Steht nicht im Zentrum des Problems Rückzug und Nichtäußerung eigener Bedürfnisse
Egoistische Selbstbehauptung Steht im Vordergrund Interessen anderer werden wenig berücksichtigt Einseitige Interessenorientierung
Gerechte Selbstbehauptung Wird klar vertreten Wird grundsätzlich berücksichtigt Abwägung von Selbstbehauptung, Respekt, Verantwortung und Gerechtigkeit

Verhalten, Absicht und Wirkung unterscheiden

Kommunikationsverhalten kann unterschiedlich gemeint und unterschiedlich erlebt werden.

Eine bestimmte Wirkung beweist deshalb nicht automatisch, welche Absicht eine Person hatte.

Umgekehrt macht eine behauptete gute Absicht problematische Folgen nicht automatisch irrelevant.

Eine faire Analyse sollte daher beobachtbares Verhalten, vermutete Absicht und tatsächliche Wirkung möglichst getrennt betrachten.

Nicht aus einzelnen Signalen diagnostizieren

Die Kategorien aus Kapitel 3 sollten nicht anhand einzelner Wörter, Gesten, Tonlagen oder isolierter Handlungen automatisch vergeben werden.

Eine laute Stimme beweist keine Dominanz. Eine traurige Mimik beweist keine Manipulation. Schweigen beweist kein dauerhaftes Fluchtmuster.

Kontext, Verlauf, Entscheidungsfreiheit und konkrete Interaktion müssen berücksichtigt werden.

Acht Fragen zur praktischen Abgrenzung

  1. Anliegen: Was möchte die Person konkret erreichen?
  2. Transparenz: Wird dieses Anliegen offen benannt?
  3. Entscheidungsfreiheit: Kann die andere Person widersprechen oder Nein sagen?
  4. Druck: Werden Drohung, Schuld oder andere Druckmittel eingesetzt?
  5. Eigene Bedürfnisse: Werden sie klar vertreten oder vollständig zurückgestellt?
  6. Fremde Interessen: Werden berechtigte Interessen anderer überhaupt berücksichtigt?
  7. Beobachtung: Was ist tatsächlich geschehen und was ist meine Interpretation?
  8. Kontext: Ist dies ein einzelner Vorgang oder ein wiederkehrendes Muster?
Reflexionshilfe, keine Diagnose: Diese Fragen strukturieren eine Situation. Sie erlauben keine psychologische Diagnose und keine sichere Aussage über Persönlichkeit oder Motive eines Menschen.

Quellen und Literatur zu dieser Wissensseite

Als Nächstes: Intention, Respekt und Werteorientierung

Die nächste Wissensseite behandelt Kapitel 4 und trennt dessen drei Kriterien ausdrücklich von den drei Säulen aus Kapitel 2.2.

Von der Abgrenzung zur ethischen Prüfung: Welche Rolle Intention, Respekt und Werteorientierung bei der Frage spielen, was Selbstbehauptung gerecht macht, erläutert „Intention, Respekt und Werteorientierung“ .
Konkreter Vergleich: Wie Kapitel 5 Befehl, Manipulation und gerechte Selbstbehauptung unmittelbar gegenüberstellt, erläutert „Befehl, Manipulation oder gerechte Selbstbehauptung?“ .
Porträt von Mathias Ellmann

Über den Autor

Mathias Ellmann

Ing. Mathias Ellmann, M. Sc. arbeitet freiberuflich als IT-Sachverständiger, KI-Berater, Trainer, Autor und Dozent. Seine Arbeit verbindet technische, didaktische, ethische, unternehmerische und gesellschaftliche Fragestellungen.

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