Kurzantwort:
Dominanz beschreibt im Buch eine Form der Durchsetzung, bei der Kontrolle und einseitige Machtausübung im Vordergrund stehen.
Manipulation bezeichnet dort eine indirekte Einflussnahme, die beispielsweise mit Druck, Schuldgefühlen oder verdeckten Absichten arbeiten kann.
Flucht bezeichnet im Buch einen Rückzug, bei dem eigene Bedürfnisse oder Grenzen nicht klar vertreten werden.
Egoistische Selbstbehauptung beschreibt eine Durchsetzung eigener Wünsche, bei der Folgen und Interessen anderer weitgehend ausgeblendet werden.
Gerechte Selbstbehauptung soll demgegenüber eigene Anliegen mit Respekt, Verantwortung und Gerechtigkeit verbinden.
Vier Gegenmuster – aber keine universelle psychologische Typologie
Die vier Begriffe werden in Kapitel 3 verwendet, um unterschiedliche Arten problematischer Selbstbehauptung beziehungsweise des Rückzugs anschaulich voneinander abzugrenzen.
Sie sollten nicht so verstanden werden, als gäbe es in der Psychologie eine allgemein verbindliche Viererklassifikation aller Menschen oder Kommunikationssituationen.
Menschen können sich je nach Situation unterschiedlich verhalten. Auch einzelne Äußerungen reichen nicht aus, um einer Person dauerhaft einen bestimmten Typ zuzuschreiben.
Dominanz: Durchsetzung über Kontrolle
Kapitel 3.1 beschreibt Dominanz als Verhalten, das auf Kontrolle über andere und einseitige Machtausübung zielt.
Als Beispiele nennt das Buch Befehle, ultimative Aussagen, einen fordernden Ton und drohend wirkende Körpersprache.
Entscheidend ist dabei nicht ein einzelnes äußeres Merkmal. Eine feste Stimme oder eine klare Anweisung ist für sich genommen noch kein Beweis für dominantes Verhalten.
Manipulation: Einflussnahme mit verdecktem oder einseitigem Vorteil
Kapitel 3.2 beschreibt Manipulation als indirekte Form der Durchsetzung, die mit Gefühlen, Schwächen, Schuldzuweisungen oder verdecktem Druck arbeiten kann.
Das APA Dictionary of Psychology verwendet den Begriff manipulation unter anderem für Verhalten, das darauf gerichtet ist, andere auszunutzen, zu kontrollieren oder zum eigenen Vorteil zu beeinflussen.
Psychologische Begriffsquelle American Psychological Association: manipulation.
Nicht jede Einflussnahme ist automatisch Manipulation
Zwischenmenschliche Kommunikation kann andere Menschen beeinflussen, ohne deshalb automatisch manipulativ zu sein.
Eine Bitte, ein Argument, eine Empfehlung oder ein Überzeugungsversuch kann offen erkennbar sein und dem Gegenüber Entscheidungsfreiheit lassen.
Für die praktische Prüfung sind deshalb beispielsweise relevant: Transparenz, Druck, Täuschung, Entscheidungsfreiheit und der Umgang mit einem Nein.
Flucht: Rückzug als Buchkategorie
Kapitel 3.3 verwendet „Flucht“ für Situationen, in denen schwierigen Auseinandersetzungen ausgewichen wird und eigene Bedürfnisse oder Grenzen unausgesprochen bleiben.
Im Buch zeigen sich solche Situationen beispielsweise durch Schweigen, ausweichende Aussagen oder den vollständigen Rückzug aus einer notwendigen Auseinandersetzung.
Rückzug ist nicht grundsätzlich falsch
Die Abgrenzung des Buches bedeutet nicht, dass jede Beendigung eines Gesprächs oder jedes Verlassen einer Situation ungerecht wäre.
Rückzug kann beispielsweise dem Selbstschutz, der Deeskalation oder der Wahrung einer Grenze dienen.
Die relevante Frage ist daher, ob eine Person reflektiert entscheidet, eine Situation zu verlassen, oder ob eigene legitime Bedürfnisse dauerhaft nicht vertreten werden.
Egoistische Selbstbehauptung: das eigene Interesse als alleiniger Maßstab
Kapitel 3.4 beschreibt egoistische Selbstbehauptung als Verhalten, bei dem eigene Wünsche über die Interessen anderer gestellt und mögliche Folgen für andere weitgehend ignoriert werden.
Das Buch nennt beispielsweise fordernde oder herablassende Aussagen und eine Haltung, bei der die Perspektive des Gegenübers keine erkennbare Rolle spielt.
Egoistische Selbstbehauptung ist dabei eine Bezeichnung innerhalb des Buchmodells. Die Wissensseite verwendet den Ausdruck nicht als psychologische Diagnose.
Selbstbehauptung und Aggression sind nicht dasselbe
Auch die psychologische Forschung trennt Assertiveness und Aggression nicht einfach anhand der Stärke oder Lautstärke einer Äußerung.
Eine Scoping Review zu Assertiveness in professionellen medizinischen Beziehungen beschreibt Assertiveness relational: Eigene Sichtweisen, Rechte und Bedürfnisse werden kommuniziert, während die des Gegenübers berücksichtigt werden.
Fachliteratur Gutgeld-Dror, Laor und Karnieli-Miller: Assertiveness in physicians' interpersonal professional encounters: A scoping review.
PubMed: Assertiveness in physicians' interpersonal professional encounters
Frühere Fachliteratur hat zugleich darauf hingewiesen, dass die begriffliche Trennung zwischen assertivem und aggressivem Verhalten theoretisch anspruchsvoll sein kann.
Historische Fachliteratur Fachliteratur zur Abgrenzung assertiven und aggressiven Verhaltens.
PubMed: Fachartikel zur Abgrenzung assertiven und aggressiven Verhaltens
Eine neuere empirische Vier-Stil-Unterscheidung
Eine neuere empirische Arbeit untersucht vier interpersonale Stile: Assertiveness, Passiveness, hostile aggression und manipulative aggression.
Diese Operationalisierung zeigt, dass Forschung unterschiedliche interpersonale Verhaltensstile getrennt erfassen kann.
Sie ist jedoch nicht identisch mit den vier Gegenmustern aus Kapitel 3 des Buches.
Die empirischen vier Stile sind insbesondere nicht die Quelle der Viererstruktur des Buches.
Empirische Fachliteratur PubMed: Personality and Interpersonal Influence
Die Buchmuster im Vergleich
| Muster im Buch | Eigenes Anliegen | Autonomie anderer | Typische Problematik |
|---|---|---|---|
| Dominanz | Wird deutlich durchgesetzt | Kann stark eingeschränkt werden | Kontrolle und einseitige Machtausübung |
| Manipulation | Wird häufig indirekt verfolgt | Kann durch verdeckten Druck beeinträchtigt werden | Intransparenz, Schuld oder emotionale Einflussnahme |
| Flucht | Wird nicht oder kaum vertreten | Steht nicht im Zentrum des Problems | Rückzug und Nichtäußerung eigener Bedürfnisse |
| Egoistische Selbstbehauptung | Steht im Vordergrund | Interessen anderer werden wenig berücksichtigt | Einseitige Interessenorientierung |
| Gerechte Selbstbehauptung | Wird klar vertreten | Wird grundsätzlich berücksichtigt | Abwägung von Selbstbehauptung, Respekt, Verantwortung und Gerechtigkeit |
Verhalten, Absicht und Wirkung unterscheiden
Kommunikationsverhalten kann unterschiedlich gemeint und unterschiedlich erlebt werden.
Eine bestimmte Wirkung beweist deshalb nicht automatisch, welche Absicht eine Person hatte.
Umgekehrt macht eine behauptete gute Absicht problematische Folgen nicht automatisch irrelevant.
Eine faire Analyse sollte daher beobachtbares Verhalten, vermutete Absicht und tatsächliche Wirkung möglichst getrennt betrachten.
Nicht aus einzelnen Signalen diagnostizieren
Die Kategorien aus Kapitel 3 sollten nicht anhand einzelner Wörter, Gesten, Tonlagen oder isolierter Handlungen automatisch vergeben werden.
Eine laute Stimme beweist keine Dominanz. Eine traurige Mimik beweist keine Manipulation. Schweigen beweist kein dauerhaftes Fluchtmuster.
Kontext, Verlauf, Entscheidungsfreiheit und konkrete Interaktion müssen berücksichtigt werden.
Acht Fragen zur praktischen Abgrenzung
- Anliegen: Was möchte die Person konkret erreichen?
- Transparenz: Wird dieses Anliegen offen benannt?
- Entscheidungsfreiheit: Kann die andere Person widersprechen oder Nein sagen?
- Druck: Werden Drohung, Schuld oder andere Druckmittel eingesetzt?
- Eigene Bedürfnisse: Werden sie klar vertreten oder vollständig zurückgestellt?
- Fremde Interessen: Werden berechtigte Interessen anderer überhaupt berücksichtigt?
- Beobachtung: Was ist tatsächlich geschehen und was ist meine Interpretation?
- Kontext: Ist dies ein einzelner Vorgang oder ein wiederkehrendes Muster?
Quellen und Literatur zu dieser Wissensseite
Modellquelle Mathias Ellmann: Die Kunst der gerechten Selbstbehauptung , insbesondere Kapitel 3.1 bis 3.4 sowie Kapitel 5.1 bis 5.3 der veröffentlichten Fassung des E-Books.
Manipulation APA Dictionary of Psychology: manipulation .
Assertiveness APA Dictionary of Psychology: assertiveness .
Scoping Review Gutgeld-Dror, Laor & Karnieli-Miller: Assertiveness in physicians' interpersonal professional encounters .
Interpersonale Stile Personality and Interpersonal Influence .
Assertiv / aggressiv Fachartikel zur Abgrenzung assertiven und aggressiven Verhaltens .
Als Nächstes: Intention, Respekt und Werteorientierung
Die nächste Wissensseite behandelt Kapitel 4 und trennt dessen drei Kriterien ausdrücklich von den drei Säulen aus Kapitel 2.2.