Kurzantwort:
Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg arbeitet unter anderem mit Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis und Bitte sowie mit empathischem Zuhören.
ESPERE nach Jacques Salomé wird von seinem offiziellen Methodenangebot als pädagogischer Ansatz für Kommunikation und Beziehungen beschrieben.
Gerechte Selbstbehauptung ist das eigenständige Buchmodell von Mathias Ellmann. Es verbindet Selbstbehauptung unter anderem mit Respekt, Verantwortung und Gerechtigkeit.
Keiner dieser Ansätze wird auf dieser Wissensseite als Ursprung oder wissenschaftlicher Nachweis eines anderen dargestellt.
Drei Ansätze mit unterschiedlichen Ursprüngen
Die weiterführende Literatur des Buches nennt Werke aus verschiedenen Kommunikationstraditionen.
Für eine saubere Einordnung müssen die jeweiligen Urheber und Modelle getrennt bleiben:
- Marshall B. Rosenberg: Nonviolent Communication beziehungsweise Gewaltfreie Kommunikation,
- Jacques Salomé: Methode ESPERE,
- Mathias Ellmann: gerechte Selbstbehauptung.
Gewaltfreie Kommunikation geht auf Marshall Rosenberg zurück
Das Center for Nonviolent Communication führt Nonviolent Communication auf den Psychologen Marshall B. Rosenberg zurück.
Nach Angaben des Centers entwickelte Rosenberg den Ansatz seit den 1960er-Jahren im Zusammenhang mit Mediation und Kommunikationstraining.
Primärnahe Modellquelle Center for Nonviolent Communication: Geschichte und Herkunft von Nonviolent Communication.
Vier Komponenten der Gewaltfreien Kommunikation
In der verbreiteten Darstellung des NVC-Prozesses werden vier Komponenten unterschieden:
- Beobachtung: Was ist wahrnehmbar geschehen, möglichst getrennt von Bewertung?
- Gefühl: Was wird emotional erlebt?
- Bedürfnis: Welches Bedürfnis steht mit dem Erleben in Verbindung?
- Bitte: Welche konkrete Handlung wird erbeten?
Die Ausbildungsunterlagen des Center for Nonviolent Communication behandeln diese vier Komponenten innerhalb eines umfassenderen Modells des ehrlichen Ausdrucks und empathischen Empfangens.
Offizielle Ausbildungsunterlage Center for Nonviolent Communication: Certification Preparation Packet.
Gewaltfreie Kommunikation ist mehr als eine Vier-Schritte-Formel
Die vier Komponenten sind ein bekannter Teil des NVC-Modells.
Die offiziellen Ausbildungsunterlagen behandeln darüber hinaus zahlreiche weitere Prozesse und begriffliche Unterscheidungen.
Dazu gehören beispielsweise:
- ehrliches Ausdrücken und empathisches Empfangen,
- Beobachtung im Unterschied zur Bewertung,
- Gefühl im Unterschied zu gedanklicher Interpretation,
- Bedürfnis im Unterschied zur Bitte,
- Bitte im Unterschied zur Forderung,
- Nein sagen und ein Nein hören,
- schützende im Unterschied zu strafender Anwendung von Kraft.
Eine Bitte ist im NVC-Modell nicht dasselbe wie eine Forderung
Die Unterscheidung zwischen Bitte und Forderung ist für den Vergleich mit gerechter Selbstbehauptung besonders relevant.
Das CNVC führt request versus demand ausdrücklich als zentrale begriffliche Unterscheidung auf.
Ebenso gehören das Aussprechen eines Nein und der Umgang mit einem erhaltenen Nein zu den dort aufgeführten Prozessen.
Gewaltfreie Kommunikation bedeutet daher nicht, immer Ja zu sagen oder eigene Grenzen aufzugeben.
Gewaltfrei bedeutet nicht passiv
Der Begriff „Gewaltfreie Kommunikation“ kann missverstanden werden, wenn er mit Passivität, Konfliktvermeidung oder vollständigem Nachgeben gleichgesetzt wird.
Die offiziellen NVC-Unterlagen behandeln ausdrücklich das Nein-Sagen, Entscheidungen, Autorität und die Unterscheidung zwischen schützender und strafender Anwendung von Kraft.
Damit enthält das Modell auch Konzepte für klare Abgrenzung.
Wo liegen Berührungspunkte mit gerechter Selbstbehauptung?
Zwischen NVC und dem Ellmann-Modell lassen sich inhaltliche Berührungspunkte beschreiben.
Dazu gehören beispielsweise:
- eigene Bedürfnisse wahrnehmen und ausdrücken,
- pauschale Abwertungen möglichst vermeiden,
- die Perspektive des Gegenübers berücksichtigen,
- Bitten und Anliegen möglichst klar formulieren,
- Selbstbehauptung nicht automatisch mit Aggression gleichsetzen.
Solche Überschneidungen bedeuten jedoch keine Identität der Modelle.
Worin unterscheidet sich gerechte Selbstbehauptung von NVC?
Das Ellmann-Modell besitzt eine eigene Struktur.
Dazu gehören insbesondere:
- die drei Kommunikationsebenen verbal, paraverbal und nonverbal,
- die drei Säulen Respekt, Verantwortung und Gerechtigkeit,
- die Kriterien Intention, Respekt und Werteorientierung,
- die Abgrenzung von Dominanz, Manipulation, Flucht und egoistischer Selbstbehauptung.
Diese Strukturen sind nicht Bestandteile des klassischen NVC-Vierkomponentenmodells.
Was sagt die Forschung zu NVC-Interventionen?
Eine 2025 veröffentlichte integrative Literaturübersicht untersuchte Interventionen auf Grundlage der Gewaltfreien Kommunikation zur Förderung von Empathie.
Die Review berücksichtigte 15 empirische Studien mit unterschiedlichen Designs.
Darunter waren Mixed-Methods-Studien, quasi-experimentelle Untersuchungen mit Vorher-Nachher-Erhebungen, qualitative und quantitative Studien.
Die Autorinnen berichteten unter anderem über positive Veränderungen bei Empathie, Kommunikation, emotionalem Bewusstsein und weiteren psychosozialen Ergebnissen.
Gleichzeitig weisen sie ausdrücklich auf methodische Mängel der untersuchten Interventionen hin.
Integrative Review Jéssica Schuster Pereira und Helen Bedinoto Durgante: Interventions in Nonviolent Communication to Promote Empathy: Integrative Review, 2025.
Revista Brasileira em Promoção da Saúde: Integrative Review zu NVC und Empathie
NVC-Forschung validiert nicht das Ellmann-Modell
Selbst wenn eine Untersuchung positive Effekte einer NVC-Intervention berichtet, folgt daraus keine empirische Bestätigung der gerechten Selbstbehauptung als Gesamtmodell.
Dafür sind die Modelle in ihrer Herkunft, Struktur und Terminologie voneinander zu unterscheiden.
Was ist mit einfühlsamer Kommunikation nach Jacques Salomé gemeint?
Die weiterführende Literatur des Buches nennt Jacques Salomé und Monika Wilke im Themenfeld einfühlsamer Kommunikation.
Jacques Salomés eigener Internetauftritt beschreibt die Methode ESPERE als einen im Wesentlichen pädagogischen Ansatz für Kommunikation und Beziehungen.
Die Methode soll Menschen dabei unterstützen, sich in Beziehungen zu positionieren, sich zu definieren und wechselseitige Kommunikation bewusster zu gestalten.
Modellquelle Jacques Salomé: Methode ESPERE.
ESPERE und NVC sind nicht dasselbe
Gewaltfreie Kommunikation nach Rosenberg und die Methode ESPERE nach Salomé verfolgen jeweils eigene Begriffe, Übungen und methodische Strukturen.
Dass beide Ansätze respektvolle, bewusste oder einfühlsame Kommunikation thematisieren, macht sie nicht zu demselben Modell.
Auch die deutschsprachige Bezeichnung „einfühlsame Kommunikation“ sollte deshalb nicht automatisch als Synonym für Rosenbergs Nonviolent Communication verwendet werden.
Salomé und Wilke in der Literatur des Buches
Die weiterführende Literatur nennt unter anderem:
- Jacques Salomé: Literatur zur einfühlsamen Kommunikation beziehungsweise ESPERE,
- Monika Wilke: ein Übungsbuch zur einfühlsamen Kommunikation beziehungsweise ESPERE.
Diese Titel werden als weiterführende Praxis- und Buchliteratur eingeordnet.
Sie werden nicht als Ursprungsquelle des Ellmann-Modells und nicht als wissenschaftlicher Nachweis seiner Wirksamkeit verwendet.
Drei Ansätze im Vergleich
| Ansatz | Urheber / Herkunft | Schwerpunkt auf dieser Seite |
|---|---|---|
| Gewaltfreie Kommunikation | Marshall B. Rosenberg | Beobachtung, Gefühle, Bedürfnisse, Bitten, ehrlicher Ausdruck und empathisches Empfangen |
| ESPERE | Jacques Salomé | Pädagogischer Ansatz für Kommunikation, Positionierung und Beziehungsgestaltung |
| Gerechte Selbstbehauptung | Mathias Ellmann | Selbstbehauptung im Rahmen von Respekt, Verantwortung, Gerechtigkeit und weiterer buchinterner Kriterien |
Empathie ersetzt keine eigene Position
Einfühlung in Gefühle, Bedürfnisse oder Perspektiven anderer kann Kommunikation unterstützen.
Sie bedeutet jedoch nicht, dass ein Konflikt dadurch automatisch verschwindet oder dass eigene Interessen aufgegeben werden müssen.
Zwei Personen können die Position des jeweils anderen verstehen und dennoch unterschiedliche Bedürfnisse, Rechte oder Entscheidungen haben.
Selbstbehauptung und Empathie müssen keine Gegensätze sein
Ein wesentlicher Berührungspunkt der hier verglichenen Ansätze liegt darin, dass Selbstwahrnehmung und Wahrnehmung anderer nicht als zwingende Gegensätze behandelt werden müssen.
Eine Person kann eine klare Grenze formulieren und zugleich versuchen, das Anliegen des Gegenübers zu verstehen.
Ebenso kann Empathie mit einem klaren Nein verbunden sein.
Kommunikation löst nicht jeden Konflikt
Weder NVC, ESPERE noch gerechte Selbstbehauptung sollten als Garantie verstanden werden, dass jeder Konflikt durch die richtige Gesprächsform gelöst werden kann.
Interessen können tatsächlich unvereinbar sein. Machtunterschiede, rechtliche Rahmenbedingungen, institutionelle Entscheidungen oder Sicherheitsfragen können die Handlungsmöglichkeiten zusätzlich begrenzen.
Bei Gewalt und Missbrauch reicht Kommunikation allein nicht
Besonders wichtig ist diese Grenze bei Gewalt, sexuellem Missbrauch, Mobbing, Belästigung oder anderen gefährlichen beziehungsweise asymmetrischen Situationen.
Dort darf die Verantwortung für Sicherheit nicht auf die Frage reduziert werden, ob eine betroffene Person nur empathisch, gewaltfrei oder selbstbehauptend genug kommuniziert hat.
Schutz, Abstand, Unterstützung und professionelle Hilfe können wichtiger sein als die Fortsetzung eines direkten Gesprächs.
Acht Fragen zur praktischen Auswahl
- Beobachtung: Kann ich Situation und Bewertung zunächst voneinander trennen?
- Eigenes Erleben: Welche Gefühle, Bedürfnisse oder Grenzen sind für mich relevant?
- Anliegen: Möchte ich bitten, eine Grenze setzen, verhandeln oder eine Entscheidung mitteilen?
- Autonomie: Welchen realen Entscheidungsspielraum besitzt die andere Person?
- Empathie: Welche Perspektive des Gegenübers kann ich verstehen, ohne ihr zustimmen zu müssen?
- Werte: Welche ethischen Maßstäbe sollen mein eigenes Verhalten leiten?
- Modell: Welcher Ansatz hilft mir für diese konkrete Frage, ohne ihn mit einem anderen gleichzusetzen?
- Sicherheit: Ist ein direktes Gespräch überhaupt sinnvoll und sicher?
Quellen und Literatur zu dieser Wissensseite
Modellquelle Mathias Ellmann: Die Kunst der gerechten Selbstbehauptung , insbesondere Kapitel 1.1, Kapitel 2.2, Kapitel 4.1 bis 4.3, Kapitel 5.3 sowie die weiterführende Literatur zu gewaltfreier und einfühlsamer Kommunikation in der veröffentlichten Fassung des E-Books.
Buchliteratur Marshall B. Rosenberg: Gewaltfreie Kommunikation.
NVC-Modellquelle Center for Nonviolent Communication: About .
CNVC: Zertifizierung und Vorbereitungspaket .
Integrative Review Pereira & Durgante: Interventions in Nonviolent Communication to Promote Empathy .
ESPERE-Modellquelle Jacques Salomé: Méthode ESPERE .
Weitere Buchliteratur Jacques Salomé und Monika Wilke: Literatur zur einfühlsamen Kommunikation beziehungsweise Methode ESPERE.
Als Nächstes: Gerechte Selbstbehauptung in Arbeit, Familie und Gesellschaft
Die nächste Wissensseite ordnet die vielfältigen Anwendungsszenarien aus Kapitel 6 und Kapitel 7 nach Lebensbereichen und Handlungskontexten.