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Anwendung und Grenzen

Gewaltfreie und einfühlsame Kommunikation im Verhältnis zur gerechten Selbstbehauptung

Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg, die Methode ESPERE nach Jacques Salomé und das Modell der gerechten Selbstbehauptung von Mathias Ellmann besitzen Berührungspunkte: eigene Anliegen ausdrücken, andere Menschen respektieren und Kommunikation bewusster gestalten. Sie sind jedoch eigenständige Ansätze mit unterschiedlicher Herkunft, Terminologie und Modellstruktur.

Stand: 20. September 2026 · Mathias Ellmann

Kurzantwort:

Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg arbeitet unter anderem mit Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis und Bitte sowie mit empathischem Zuhören.

ESPERE nach Jacques Salomé wird von seinem offiziellen Methodenangebot als pädagogischer Ansatz für Kommunikation und Beziehungen beschrieben.

Gerechte Selbstbehauptung ist das eigenständige Buchmodell von Mathias Ellmann. Es verbindet Selbstbehauptung unter anderem mit Respekt, Verantwortung und Gerechtigkeit.

Keiner dieser Ansätze wird auf dieser Wissensseite als Ursprung oder wissenschaftlicher Nachweis eines anderen dargestellt.

Drei Ansätze mit unterschiedlichen Ursprüngen

Die weiterführende Literatur des Buches nennt Werke aus verschiedenen Kommunikationstraditionen.

Für eine saubere Einordnung müssen die jeweiligen Urheber und Modelle getrennt bleiben:

Modellherkunft: Gewaltfreie Kommunikation ist nicht das Ellmann-Modell. ESPERE ist nicht das Ellmann-Modell. Gerechte Selbstbehauptung wird auf dieser Website als eigenständiges Modell von Mathias Ellmann dargestellt.

Gewaltfreie Kommunikation geht auf Marshall Rosenberg zurück

Das Center for Nonviolent Communication führt Nonviolent Communication auf den Psychologen Marshall B. Rosenberg zurück.

Nach Angaben des Centers entwickelte Rosenberg den Ansatz seit den 1960er-Jahren im Zusammenhang mit Mediation und Kommunikationstraining.

Primärnahe Modellquelle Center for Nonviolent Communication: Geschichte und Herkunft von Nonviolent Communication.

Center for Nonviolent Communication: About

Vier Komponenten der Gewaltfreien Kommunikation

In der verbreiteten Darstellung des NVC-Prozesses werden vier Komponenten unterschieden:

  1. Beobachtung: Was ist wahrnehmbar geschehen, möglichst getrennt von Bewertung?
  2. Gefühl: Was wird emotional erlebt?
  3. Bedürfnis: Welches Bedürfnis steht mit dem Erleben in Verbindung?
  4. Bitte: Welche konkrete Handlung wird erbeten?

Die Ausbildungsunterlagen des Center for Nonviolent Communication behandeln diese vier Komponenten innerhalb eines umfassenderen Modells des ehrlichen Ausdrucks und empathischen Empfangens.

Offizielle Ausbildungsunterlage Center for Nonviolent Communication: Certification Preparation Packet.

CNVC: Zertifizierung und Vorbereitungspaket

Gewaltfreie Kommunikation ist mehr als eine Vier-Schritte-Formel

Die vier Komponenten sind ein bekannter Teil des NVC-Modells.

Die offiziellen Ausbildungsunterlagen behandeln darüber hinaus zahlreiche weitere Prozesse und begriffliche Unterscheidungen.

Dazu gehören beispielsweise:

Keine bloße Satzschablone: Gewaltfreie Kommunikation sollte nicht auf das mechanische Aneinanderreihen von vier Satzteilen reduziert werden.

Eine Bitte ist im NVC-Modell nicht dasselbe wie eine Forderung

Die Unterscheidung zwischen Bitte und Forderung ist für den Vergleich mit gerechter Selbstbehauptung besonders relevant.

Das CNVC führt request versus demand ausdrücklich als zentrale begriffliche Unterscheidung auf.

Ebenso gehören das Aussprechen eines Nein und der Umgang mit einem erhaltenen Nein zu den dort aufgeführten Prozessen.

Gewaltfreie Kommunikation bedeutet daher nicht, immer Ja zu sagen oder eigene Grenzen aufzugeben.

Gewaltfrei bedeutet nicht passiv

Der Begriff „Gewaltfreie Kommunikation“ kann missverstanden werden, wenn er mit Passivität, Konfliktvermeidung oder vollständigem Nachgeben gleichgesetzt wird.

Die offiziellen NVC-Unterlagen behandeln ausdrücklich das Nein-Sagen, Entscheidungen, Autorität und die Unterscheidung zwischen schützender und strafender Anwendung von Kraft.

Damit enthält das Modell auch Konzepte für klare Abgrenzung.

Keine Gleichsetzung mit Nachgeben: Empathie und die Beachtung fremder Bedürfnisse bedeuten nicht, dass eigene Grenzen, Rechte oder Sicherheitsinteressen aufgegeben werden müssen.

Wo liegen Berührungspunkte mit gerechter Selbstbehauptung?

Zwischen NVC und dem Ellmann-Modell lassen sich inhaltliche Berührungspunkte beschreiben.

Dazu gehören beispielsweise:

Solche Überschneidungen bedeuten jedoch keine Identität der Modelle.

Worin unterscheidet sich gerechte Selbstbehauptung von NVC?

Das Ellmann-Modell besitzt eine eigene Struktur.

Dazu gehören insbesondere:

Diese Strukturen sind nicht Bestandteile des klassischen NVC-Vierkomponentenmodells.

Keine Ableitung behauptet: Die Wissensseite stellt Rosenberg nicht als Urheber der gerechten Selbstbehauptung dar. Gemeinsamkeiten werden als Berührungspunkte beschrieben, nicht als Herkunftsnachweis.

Was sagt die Forschung zu NVC-Interventionen?

Eine 2025 veröffentlichte integrative Literaturübersicht untersuchte Interventionen auf Grundlage der Gewaltfreien Kommunikation zur Förderung von Empathie.

Die Review berücksichtigte 15 empirische Studien mit unterschiedlichen Designs.

Darunter waren Mixed-Methods-Studien, quasi-experimentelle Untersuchungen mit Vorher-Nachher-Erhebungen, qualitative und quantitative Studien.

Die Autorinnen berichteten unter anderem über positive Veränderungen bei Empathie, Kommunikation, emotionalem Bewusstsein und weiteren psychosozialen Ergebnissen.

Gleichzeitig weisen sie ausdrücklich auf methodische Mängel der untersuchten Interventionen hin.

Integrative Review Jéssica Schuster Pereira und Helen Bedinoto Durgante: Interventions in Nonviolent Communication to Promote Empathy: Integrative Review, 2025.

Revista Brasileira em Promoção da Saúde: Integrative Review zu NVC und Empathie

Evidenz vorsichtig lesen: Positive Ergebnisse in 15 heterogenen Studien sind nicht dasselbe wie ein endgültiger Wirksamkeitsnachweis für NVC in allen Kontexten. Die von der Review genannten methodischen Mängel müssen bei der Interpretation berücksichtigt werden.

NVC-Forschung validiert nicht das Ellmann-Modell

Selbst wenn eine Untersuchung positive Effekte einer NVC-Intervention berichtet, folgt daraus keine empirische Bestätigung der gerechten Selbstbehauptung als Gesamtmodell.

Dafür sind die Modelle in ihrer Herkunft, Struktur und Terminologie voneinander zu unterscheiden.

Forschungsgrenze: Forschung zu NVC kann Aussagen über die jeweils untersuchten NVC-Interventionen stützen. Sie ist kein Ersatz für eine gesonderte Untersuchung des Ellmann-Modells.

Was ist mit einfühlsamer Kommunikation nach Jacques Salomé gemeint?

Die weiterführende Literatur des Buches nennt Jacques Salomé und Monika Wilke im Themenfeld einfühlsamer Kommunikation.

Jacques Salomés eigener Internetauftritt beschreibt die Methode ESPERE als einen im Wesentlichen pädagogischen Ansatz für Kommunikation und Beziehungen.

Die Methode soll Menschen dabei unterstützen, sich in Beziehungen zu positionieren, sich zu definieren und wechselseitige Kommunikation bewusster zu gestalten.

Modellquelle Jacques Salomé: Methode ESPERE.

Offizielle Website von Jacques Salomé: Méthode ESPERE

Methodenstatus: Die offizielle Darstellung bezeichnet ESPERE als pädagogischen Ansatz. Auf dieser Wissensseite wird daraus keine allgemeine wissenschaftliche Wirksamkeitsbestätigung abgeleitet.

ESPERE und NVC sind nicht dasselbe

Gewaltfreie Kommunikation nach Rosenberg und die Methode ESPERE nach Salomé verfolgen jeweils eigene Begriffe, Übungen und methodische Strukturen.

Dass beide Ansätze respektvolle, bewusste oder einfühlsame Kommunikation thematisieren, macht sie nicht zu demselben Modell.

Auch die deutschsprachige Bezeichnung „einfühlsame Kommunikation“ sollte deshalb nicht automatisch als Synonym für Rosenbergs Nonviolent Communication verwendet werden.

Salomé und Wilke in der Literatur des Buches

Die weiterführende Literatur nennt unter anderem:

Diese Titel werden als weiterführende Praxis- und Buchliteratur eingeordnet.

Sie werden nicht als Ursprungsquelle des Ellmann-Modells und nicht als wissenschaftlicher Nachweis seiner Wirksamkeit verwendet.

Drei Ansätze im Vergleich

Ansatz Urheber / Herkunft Schwerpunkt auf dieser Seite
Gewaltfreie Kommunikation Marshall B. Rosenberg Beobachtung, Gefühle, Bedürfnisse, Bitten, ehrlicher Ausdruck und empathisches Empfangen
ESPERE Jacques Salomé Pädagogischer Ansatz für Kommunikation, Positionierung und Beziehungsgestaltung
Gerechte Selbstbehauptung Mathias Ellmann Selbstbehauptung im Rahmen von Respekt, Verantwortung, Gerechtigkeit und weiterer buchinterner Kriterien

Empathie ersetzt keine eigene Position

Einfühlung in Gefühle, Bedürfnisse oder Perspektiven anderer kann Kommunikation unterstützen.

Sie bedeutet jedoch nicht, dass ein Konflikt dadurch automatisch verschwindet oder dass eigene Interessen aufgegeben werden müssen.

Zwei Personen können die Position des jeweils anderen verstehen und dennoch unterschiedliche Bedürfnisse, Rechte oder Entscheidungen haben.

Selbstbehauptung und Empathie müssen keine Gegensätze sein

Ein wesentlicher Berührungspunkt der hier verglichenen Ansätze liegt darin, dass Selbstwahrnehmung und Wahrnehmung anderer nicht als zwingende Gegensätze behandelt werden müssen.

Eine Person kann eine klare Grenze formulieren und zugleich versuchen, das Anliegen des Gegenübers zu verstehen.

Ebenso kann Empathie mit einem klaren Nein verbunden sein.

Kommunikation löst nicht jeden Konflikt

Weder NVC, ESPERE noch gerechte Selbstbehauptung sollten als Garantie verstanden werden, dass jeder Konflikt durch die richtige Gesprächsform gelöst werden kann.

Interessen können tatsächlich unvereinbar sein. Machtunterschiede, rechtliche Rahmenbedingungen, institutionelle Entscheidungen oder Sicherheitsfragen können die Handlungsmöglichkeiten zusätzlich begrenzen.

Keine Erfolgsgarantie: Ein Kommunikationsmodell kann Kommunikation strukturieren. Es garantiert weder Einigung noch Kooperation noch eine bestimmte Reaktion des Gegenübers.

Bei Gewalt und Missbrauch reicht Kommunikation allein nicht

Besonders wichtig ist diese Grenze bei Gewalt, sexuellem Missbrauch, Mobbing, Belästigung oder anderen gefährlichen beziehungsweise asymmetrischen Situationen.

Dort darf die Verantwortung für Sicherheit nicht auf die Frage reduziert werden, ob eine betroffene Person nur empathisch, gewaltfrei oder selbstbehauptend genug kommuniziert hat.

Schutz, Abstand, Unterstützung und professionelle Hilfe können wichtiger sein als die Fortsetzung eines direkten Gesprächs.

Keine Kommunikationspflicht: Niemand muss eine gefährliche Situation durch ein idealtypisches Gespräch lösen. Die Grenzen von Selbstbehauptung in solchen Situationen werden auf einer eigenen Wissensseite ausführlich behandelt.

Acht Fragen zur praktischen Auswahl

  1. Beobachtung: Kann ich Situation und Bewertung zunächst voneinander trennen?
  2. Eigenes Erleben: Welche Gefühle, Bedürfnisse oder Grenzen sind für mich relevant?
  3. Anliegen: Möchte ich bitten, eine Grenze setzen, verhandeln oder eine Entscheidung mitteilen?
  4. Autonomie: Welchen realen Entscheidungsspielraum besitzt die andere Person?
  5. Empathie: Welche Perspektive des Gegenübers kann ich verstehen, ohne ihr zustimmen zu müssen?
  6. Werte: Welche ethischen Maßstäbe sollen mein eigenes Verhalten leiten?
  7. Modell: Welcher Ansatz hilft mir für diese konkrete Frage, ohne ihn mit einem anderen gleichzusetzen?
  8. Sicherheit: Ist ein direktes Gespräch überhaupt sinnvoll und sicher?
Reflexionshilfe, keine Formel: Die Fragen sollen die Wahl und Einordnung kommunikativer Werkzeuge erleichtern. Sie liefern kein automatisches Urteil, welche Methode in jeder Situation richtig ist.

Quellen und Literatur zu dieser Wissensseite

Modellquelle Mathias Ellmann: Die Kunst der gerechten Selbstbehauptung , insbesondere Kapitel 1.1, Kapitel 2.2, Kapitel 4.1 bis 4.3, Kapitel 5.3 sowie die weiterführende Literatur zu gewaltfreier und einfühlsamer Kommunikation in der veröffentlichten Fassung des E-Books.

Buchliteratur Marshall B. Rosenberg: Gewaltfreie Kommunikation.

NVC-Modellquelle Center for Nonviolent Communication: About .

CNVC: Zertifizierung und Vorbereitungspaket .

Integrative Review Pereira & Durgante: Interventions in Nonviolent Communication to Promote Empathy .

ESPERE-Modellquelle Jacques Salomé: Méthode ESPERE .

Weitere Buchliteratur Jacques Salomé und Monika Wilke: Literatur zur einfühlsamen Kommunikation beziehungsweise Methode ESPERE.

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Als Nächstes: Gerechte Selbstbehauptung in Arbeit, Familie und Gesellschaft

Die nächste Wissensseite ordnet die vielfältigen Anwendungsszenarien aus Kapitel 6 und Kapitel 7 nach Lebensbereichen und Handlungskontexten.

Anwendung in verschiedenen Lebensbereichen: Wie sich gerechte Selbstbehauptung in beruflichen, familiären und gesellschaftlichen Situationen je nach Rolle, Machtverhältnis und Kontext unterscheiden kann, erläutert „Gerechte Selbstbehauptung in Arbeit, Familie und Gesellschaft“ .
Porträt von Mathias Ellmann

Über den Autor

Mathias Ellmann

Ing. Mathias Ellmann, M. Sc. arbeitet freiberuflich als IT-Sachverständiger, KI-Berater, Trainer, Autor und Dozent. Seine Arbeit verbindet technische, didaktische, ethische, unternehmerische und gesellschaftliche Fragestellungen.

Profil und weitere Veröffentlichungen von Mathias Ellmann