Kurzantwort:
Eine klar gesetzte Grenze benennt möglichst konkret, was für die eigene Person akzeptabel oder nicht akzeptabel ist.
Sie kann eine Bitte, eine Ablehnung oder eine eigene Konsequenz enthalten.
Respektvoll wird sie nicht dadurch, dass sie möglichst weich formuliert wird, sondern dadurch, dass die andere Person nicht unnötig abgewertet, bedroht oder manipuliert wird.
Zugleich bedeutet Respekt nicht, auf die eigene Grenze zu verzichten.
Was ist mit einer persönlichen Grenze gemeint?
Im Zusammenhang dieser Wissensseite bezeichnet eine Grenze eine Aussage darüber, was eine Person selbst akzeptiert, mitträgt, zulässt oder künftig tun wird.
Eine Grenze kann sich beispielsweise auf Zeit, Verfügbarkeit, Gesprächsformen, körperliche Nähe, Aufgaben, Zuständigkeiten oder den eigenen Rückzug aus einer Situation beziehen.
Eine Grenze beschreibt zunächst das eigene Handeln
Ein wesentlicher Unterschied besteht zwischen einer Aussage über das eigene Verhalten und dem Anspruch, das Verhalten einer anderen Person vollständig kontrollieren zu können.
Eine eigene Grenze kann beispielsweise beschreiben, unter welchen Bedingungen man ein Gespräch fortsetzt, eine Aufgabe übernimmt oder eine Situation verlässt.
Ob die andere Person ihr eigenes Verhalten verändert, bleibt jedoch grundsätzlich eine davon getrennte Frage.
Grenzen und Assertiveness
Der allgemeine psychologische Begriff assertiveness besitzt deutliche Berührungspunkte mit dem Setzen persönlicher Grenzen.
Das APA Dictionary of Psychology beschreibt Assertiveness als einen Kommunikationsstil, bei dem eigene Gefühle und Bedürfnisse direkt ausgedrückt werden, während der Respekt gegenüber anderen erhalten bleibt.
Psychologische Begriffsquelle American Psychological Association: assertiveness.
Dieser Begriff ist jedoch nicht vollständig mit dem Ellmann-Modell der gerechten Selbstbehauptung gleichzusetzen.
Das Buch verbindet Selbstbehauptung zusätzlich ausdrücklich mit Respekt, Verantwortung und Gerechtigkeit.
Assertiveness kann relational verstanden werden
Eine Scoping Review zu Assertiveness in professionellen medizinischen Beziehungen schlägt eine relationale Definition vor: Eigene Sichtweisen, Anliegen, Rechte und Bedürfnisse werden kommuniziert, während diejenigen anderer respektiert und professionelle Beziehungen erhalten werden sollen.
Die Autoren weisen zugleich darauf hin, dass Definitionen von Assertiveness in der untersuchten Literatur unterschiedlich ausfallen und verwendete Messinstrumente stark variieren.
Scoping Review Gutgeld-Dror, Laor und Karnieli-Miller: Assertiveness in physicians' interpersonal professional encounters: A scoping review, Medical Education, 2024.
PubMed: Assertiveness in physicians' interpersonal professional encounters
Klarheit ist nicht dasselbe wie Härte
Kapitel 1.1 betont klare Formulierungen als Bestandteil verbaler gerechter Selbstbehauptung.
Eine Grenze kann deshalb direkt ausgesprochen werden, ohne beleidigend, abwertend oder aggressiv formuliert zu sein.
Umgekehrt kann eine sehr höfliche oder indirekte Formulierung so unklar sein, dass die eigentliche Grenze kaum erkennbar bleibt.
Respekt bedeutet nicht Nachgeben
Kapitel 4.2 verbindet Respekt mit der Würde und Autonomie des Gegenübers.
Daraus folgt im Buch jedoch nicht, dass eigene Bedürfnisse oder Grenzen zurückgenommen werden müssen, sobald die andere Person nicht einverstanden ist.
Ein respektvoll formuliertes Nein bleibt ein Nein.
Grenze, Bitte und Forderung unterscheiden
| Form | Zentrale Aussage | Entscheidungsspielraum |
|---|---|---|
| Bitte | Ich wünsche mir ein bestimmtes Verhalten. | Die andere Person kann grundsätzlich zustimmen oder ablehnen. |
| Eigene Grenze | Ich benenne, was ich akzeptiere oder wie ich selbst handeln werde. | Die andere Person entscheidet über ihr Verhalten; ich entscheide über meine Beteiligung. |
| Forderung | Ein bestimmtes Verhalten wird verlangt. | Der tatsächliche Spielraum hängt von Kontext, Rechten, Pflichten und legitimer Autorität ab. |
| Drohung | Ein Nachteil wird als Druckmittel für gewünschtes Verhalten eingesetzt. | Die Entscheidungsfreiheit kann dadurch erheblich beeinträchtigt werden. |
Konsequenz ist nicht automatisch Drohung
Eine Grenze kann beinhalten, dass eine Person beschreibt, was sie selbst tun wird, wenn eine bestimmte Situation fortbesteht.
Das ist nicht automatisch mit einer Drohung gleichzusetzen.
Für die Unterscheidung sind unter anderem relevant: Zweck, Verhältnismäßigkeit, tatsächliche Kontrolle über die angekündigte Handlung und die Frage, ob ein Nachteil gezielt als Druckmittel eingesetzt wird.
Verantwortung für die eigene Kommunikation
Kapitel 6.1 verbindet gerechte Selbstbehauptung mit Verantwortung für eigene Worte, Handlungen und Bedürfnisse.
Beim Grenzensetzen bedeutet das beispielsweise, die eigene Aussage möglichst verständlich zu formulieren und für die angekündigte eigene Handlung einzustehen.
Verantwortung bedeutet jedoch nicht, jede Reaktion des Gegenübers kontrollieren oder übernehmen zu können.
Eigene Verantwortung und fremde Reaktion trennen
Eine Person kann für ihre Wortwahl, ihre Handlung und vorhersehbare Folgen Verantwortung übernehmen.
Sie kann aber nicht garantieren, dass eine andere Person eine Grenze akzeptiert, freundlich reagiert oder ihr Verhalten ändert.
Diese Trennung ist wichtig, damit Grenzensetzen nicht mit der Erwartung verwechselt wird, das Gegenüber kontrollieren zu können.
Rückzug kann selbst eine Grenze sein
Auf der Wissensseite zu Dominanz, Manipulation, Flucht und egoistischer Selbstbehauptung wurde „Flucht“ als Buchkategorie für ein problematisches Rückzugsmuster eingeordnet.
Daraus folgt nicht, dass jeder Rückzug problematisch ist.
Das bewusste Beenden eines eskalierenden, beleidigenden oder nicht mehr zielführenden Gesprächs kann auch Ausdruck einer eigenen Grenze sein.
Machtunterschiede verändern die Situation
Grenzen werden nicht in einem machtfreien Raum kommuniziert.
Hierarchie, wirtschaftliche Abhängigkeit, familiäre Rollen, institutionelle Zuständigkeiten oder körperliche Überlegenheit können beeinflussen, wie frei eine Person tatsächlich widersprechen kann.
Deshalb reicht es nicht, nur die Wortwahl zu beurteilen. Auch der reale Handlungsspielraum der Beteiligten ist relevant.
In Gefahrensituationen ist direkte Konfrontation kein Muss
Kapitel 7 enthält auch Beispiele zu Belästigung, Gewalt, Missbrauch und Diskriminierung.
Solche Situationen dürfen nicht auf die Frage reduziert werden, ob eine Grenze nur deutlich genug ausgesprochen wurde.
Wenn direkte Konfrontation das Risiko erhöhen könnte, können Abstand, das Verlassen der Situation, das Hinzuziehen anderer Personen oder professionelle Hilfe wichtiger sein als eine idealtypische Gesprächsform.
Beispiele aus dem Buch richtig einordnen
Kapitel 7.10 behandelt Belästigung im öffentlichen Raum.
Kapitel 7.12 behandelt das Setzen kommunikativer Grenzen in einem Verhandlungsgespräch.
Kapitel 7.22 zeigt am beruflichen Beispiel, wie eine Ärztin eigene zeitliche Grenzen formuliert, ohne die Bedürfnisse des Patienten vollständig auszublenden.
Diese Personas dienen im Buch der Veranschaulichung des Modells. Sie sind keine empirischen Fallstudien und garantieren nicht, dass eine bestimmte Formulierung in jeder realen Situation denselben Ausgang erzeugt.
Eine Grenze möglichst konkret formulieren
Für die eigene Reflexion kann eine Grenzaussage in mehrere Bestandteile zerlegt werden:
- Situation: Was geschieht konkret?
- Eigene Grenze: Was akzeptiere ich nicht oder was kann ich nicht übernehmen?
- Eigenes Bedürfnis: Was brauche ich stattdessen?
- Bitte: Welches Verhalten wünsche ich mir?
- Eigene Handlung: Was werde ich selbst tun, wenn die Situation unverändert bleibt?
Nicht jede Grenzaussage muss alle fünf Elemente enthalten. Die Struktur dient lediglich als Reflexionshilfe.
Acht Fragen vor einer schwierigen Grenzsetzung
- Klarheit: Welche Grenze möchte ich tatsächlich setzen?
- Eigenanteil: Welche Handlung liegt wirklich in meiner Kontrolle?
- Bitte oder Forderung: Was wünsche ich mir und was verlange ich tatsächlich?
- Respekt: Kann ich die Grenze ohne unnötige Abwertung formulieren?
- Autonomie: Welche Entscheidung bleibt der anderen Person?
- Konsequenz: Ist meine angekündigte eigene Handlung realistisch und verhältnismäßig?
- Macht: Gibt es Abhängigkeiten oder Risiken, die den tatsächlichen Handlungsspielraum verändern?
- Sicherheit: Ist direkte Kommunikation in dieser Situation überhaupt sinnvoll und sicher?
Quellen und Literatur zu dieser Wissensseite
Modellquelle Mathias Ellmann: Die Kunst der gerechten Selbstbehauptung , insbesondere Kapitel 1.1, Kapitel 4.2, Kapitel 6.1, Kapitel 7.10, Kapitel 7.12, Kapitel 7.22 und Kapitel 8.1 der veröffentlichten Fassung des E-Books.
Psychologische Begriffsquelle APA Dictionary of Psychology: assertiveness .
Scoping Review Gutgeld-Dror, Laor & Karnieli-Miller: Assertiveness in physicians' interpersonal professional encounters .
Als Nächstes: Körpersprache und Tonfall seriös einordnen
Die nächste Wissensseite vertieft die Grenzen nonverbaler und paraverbaler Deutung und ordnet die Körpersprache-Literatur des Buches differenziert ein.