Kurzantwort:
Im Arbeitsleben treffen persönliche Grenzen auf Rollen, Zuständigkeiten, Hierarchien und professionelle Pflichten.
In der Familie kommen Nähe, gemeinsame Geschichte, Abhängigkeiten und unterschiedliche Verantwortlichkeiten hinzu.
Im gesellschaftlichen Alltag spielen außerdem institutionelle Regeln, unterschiedliche Interessen, öffentliche Situationen und vielfältige soziale Rollen eine Rolle.
Das Buchmodell ist deshalb kein starres Satzschema, das in jedem Lebensbereich identisch angewendet werden kann.
Ein Prinzip für verschiedene Lebensbereiche
Kapitel 6.2 überträgt gerechte Selbstbehauptung auf unterschiedliche Bereiche des persönlichen, beruflichen und gesellschaftlichen Lebens.
Der normative Kern des Buchmodells bleibt erhalten: eigene Bedürfnisse, Positionen und Grenzen vertreten, ohne Respekt, Verantwortung und Gerechtigkeit aus dem Blick zu verlieren.
Rollen verändern den Handlungskontext
Eine Führungskraft, ein Elternteil, eine Lehrkraft, eine Ärztin, ein Studierender oder ein Mitglied einer Organisation besitzt jeweils andere Aufgaben, Verantwortlichkeiten und Handlungsspielräume.
Gerechte Selbstbehauptung sollte daher nicht nur persönliche Präferenzen, sondern auch legitime Zuständigkeiten, Verpflichtungen und die Autonomie anderer berücksichtigen.
Arbeit: Selbstbehauptung innerhalb professioneller Rollen
Im Arbeitsleben können Aufgabenverteilung, Prioritäten, Arbeitsbelastung, Feedback, Verhandlungen, Verantwortungsbereiche und fachliche Meinungsverschiedenheiten Anlass für Selbstbehauptung sein.
Das Buch illustriert solche Situationen beispielsweise mit einem Informatiker, einer Rechtsanwältin, einer Richterin, einer Führungskraft und einer Ärztin.
Assertiveness in professionellen Beziehungen
Gutgeld-Dror, Laor und Karnieli-Miller untersuchten Assertiveness in professionellen Begegnungen von Ärztinnen und Ärzten.
Die Review schlägt eine relationale Definition vor: Eigene Sichtweisen, Anliegen, Rechte und Bedürfnisse werden kommuniziert, während die entsprechenden Belange anderer respektiert und professionelle Beziehungen berücksichtigt werden.
Die Autorinnen und Autoren thematisieren außerdem Machtunterschiede in professionellen Beziehungen.
Scoping Review Gutgeld-Dror, Laor und Karnieli-Miller: Assertiveness in physicians' interpersonal professional encounters: A scoping review, Medical Education, 2024.
PubMed: Assertiveness in physicians' interpersonal professional encounters
Assertiveness-Training im Gesundheitsbereich
Eine systematische Review von Omura und Kollegen untersuchte Trainingsprogramme für assertive Kommunikation bei Gesundheitsfachkräften und Studierenden.
Acht Studien wurden in die Auswertung aufgenommen.
Die Autorinnen und Autoren forderten zugleich weitere Forschung zu nachhaltigen Verhaltensänderungen und zur Patientensicherheit.
Systematische Review Mieko Omura und Kollegen: The effectiveness of assertiveness communication training programs for healthcare professionals and students: A systematic review, 2017.
Hierarchie ist nicht automatisch Dominanz
Berufliche Hierarchien können legitime Zuständigkeiten und Entscheidungsbefugnisse enthalten.
Deshalb ist nicht jede Weisung einer vorgesetzten Person automatisch mit dem Buchmuster Dominanz gleichzusetzen.
Umgekehrt macht eine formale Position unangemessenen Druck, Abwertung oder manipulative Einflussnahme nicht automatisch unproblematisch.
Für die Einordnung müssen Rolle, Zuständigkeit, Angemessenheit und tatsächlicher Handlungsspielraum gemeinsam betrachtet werden.
Familie: Nähe verändert Kommunikation
Familienkommunikation findet häufig in langfristigen Beziehungen statt.
Gemeinsame Geschichte, emotionale Nähe, Abhängigkeiten, Verantwortung und wiederkehrende Konfliktmuster können die Situation wesentlich beeinflussen.
Das Buch illustriert familiäre Selbstbehauptung unter anderem mit einer berufstätigen Mutter und einem Familienvater.
Direkte Kommunikation ist nicht immer gleich wirksam
Overall und McNulty fassen Forschung zu Kommunikation während Konflikten in intimen Beziehungen zusammen.
Sie unterscheiden dabei unter anderem direkte und indirekte sowie kooperative und oppositionelle Kommunikation.
Ihre Übersicht zeigt, dass die Wirkung verschiedener Kommunikationsformen von Kontextfaktoren abhängen kann.
Forschungsübersicht Nickola C. Overall und James K. McNulty: What Type of Communication during Conflict is Beneficial for Intimate Relationships?, Current Opinion in Psychology, 2017.
Familie bedeutet nicht immer gleiche Rollen
Respekt und gerechte Berücksichtigung bedeuten nicht, dass alle Familienmitglieder in jeder Situation dieselben Pflichten, Rechte oder Verantwortlichkeiten besitzen.
Gesellschaftlicher Alltag: mehrere Interessen und Rollen
Kapitel 7 überträgt das Buchmodell auch auf Situationen außerhalb enger privater und beruflicher Beziehungen.
Beispiele betreffen Studium, den Alltag älterer Menschen, gesellschaftliches Engagement, schwierige Gespräche zwischen Lehrkräften und Eltern sowie öffentliche Situationen.
Solche Kontexte können mehrere Beteiligte, institutionelle Regeln und unterschiedliche Interessen gleichzeitig umfassen.
Widerspruch kann respektvoll bleiben
Gerechte Selbstbehauptung verlangt im Buch nicht, Konflikte oder Meinungsverschiedenheiten dadurch aufzulösen, dass eine Person ihre Position aufgibt.
Zwei Menschen können unterschiedliche Auffassungen behalten und dennoch versuchen, sachlich, transparent und respektvoll miteinander umzugehen.
Respekt ist deshalb nicht mit Konsens gleichzusetzen.
Unterschiedliche Lebensbereiche im Vergleich
| Lebensbereich | Besonders relevante Kontextfaktoren | Beispiele aus Kapitel 7 |
|---|---|---|
| Arbeit und Beruf | Rolle, Zuständigkeit, Hierarchie, Arbeitsauftrag, Verantwortung, Verhandlung | Informatiker, Rechtsanwältin, Richterin, Führungskraft, Ärztin |
| Familie | Nähe, gemeinsame Geschichte, Fürsorge, Aufgabenverteilung, Abhängigkeiten, Grenzen | Berufstätige Mutter, Familienvater |
| Bildung und Alltag | Rollen, Erwartungen, institutionelle Regeln, Generationenunterschiede, Interessen | Studentin, Rentner, Lehrkraft |
| Gesellschaftliches Engagement | mehrere Beteiligte, öffentliche Kommunikation, unterschiedliche Ziele, Regeln, Verantwortung | Aktivist beziehungsweise Engagement in sozialen Bewegungen |
Die Personas sind keine Wirksamkeitsnachweise
Kapitel 7 arbeitet mit zahlreichen konstruierten Anwendungsszenarien.
Sie zeigen, wie das Buchmodell in unterschiedlichen Situationen angewendet werden könnte.
Daraus folgt nicht, dass die dargestellte Formulierung in einer realen Situation zwingend dieselbe Reaktion oder dasselbe Ergebnis hervorruft.
Nicht jede Situation ist durch Kommunikation lösbar
Unterschiedliche Interessen können tatsächlich unvereinbar bleiben.
Im Berufsleben können Entscheidungen aufgrund von Zuständigkeit, Vertrag, Organisation oder Sicherheitsanforderungen fallen.
Im Familienleben können Konflikte zusätzliche Unterstützung, Beratung oder Abstand erfordern.
Ein Kommunikationsmodell ersetzt diese Ebenen nicht.
Gefährliche Situationen gehören in eine andere Kategorie
Einige Personas des Buches betreffen Gewalt, sexuellen Missbrauch, Mobbing, Diskriminierung oder Belästigung.
Solche Situationen werden auf dieser Seite bewusst nicht als gewöhnliche Kommunikationskonflikte behandelt.
Dort können Schutz, Hilfe, institutionelle Maßnahmen und professionelle Unterstützung wichtiger sein als ein direktes Gespräch.
Elf Fragen zur Übertragung auf einen Lebensbereich
- Rolle: In welcher Rolle handle ich gerade?
- Anliegen: Was möchte ich konkret vertreten?
- Grenze: Was liegt tatsächlich in meiner eigenen Entscheidung?
- Zuständigkeit: Welche formale Verantwortung oder Befugnis besteht?
- Macht: Welche Abhängigkeiten beeinflussen den Handlungsspielraum?
- Beziehung: Welche langfristigen oder emotionalen Bindungen sind relevant?
- Respekt: Wie kann ich widersprechen, ohne unnötig abzuwerten?
- Verantwortung: Welche Folgen meines eigenen Handelns sollte ich berücksichtigen?
- Kontext: Welche Regeln, Pflichten oder institutionellen Verfahren gehören zur Situation?
- Realismus: Ist eine gemeinsame Lösung tatsächlich möglich?
- Sicherheit: Handelt es sich noch um einen Kommunikationskonflikt oder bereits um eine Gefährdungssituation?
Quellen und Literatur zu dieser Wissensseite
Modellquelle Mathias Ellmann: Die Kunst der gerechten Selbstbehauptung , insbesondere Kapitel 6.1, Kapitel 6.2 und die Anwendungsszenarien aus Kapitel 7.11 bis 7.22 der veröffentlichten Fassung des E-Books.
Psychologische Begriffsquelle APA Dictionary of Psychology: assertiveness .
Professionelle Beziehungen Gutgeld-Dror, Laor & Karnieli-Miller: Assertiveness in physicians' interpersonal professional encounters .
Assertiveness-Training Omura et al.: Assertiveness communication training .
Beziehungskonflikte Overall & McNulty: Communication during relationship conflict .
Als Nächstes: Wann Selbstbehauptung nicht reicht
Die letzte Wissensseite behandelt die Grenze zwischen Kommunikation und Schutz: insbesondere Gewalt, sexuellen Missbrauch, Mobbing, Diskriminierung und Belästigung.