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Anwendung und Grenzen

Gerechte Selbstbehauptung in Arbeit, Familie und Gesellschaft

Kapitel 6.2 von „Die Kunst der gerechten Selbstbehauptung“ beschreibt gerechte Selbstbehauptung als Prinzip für verschiedene Lebensbereiche. Kapitel 7 veranschaulicht diese Übertragung anhand zahlreicher Personas. Die Grundidee bleibt ähnlich, die konkrete Kommunikation muss jedoch an Rolle, Beziehung, Machtverhältnis, Verantwortung und Situation angepasst werden.

Stand: 20. September 2026 · Mathias Ellmann

Kurzantwort:

Im Arbeitsleben treffen persönliche Grenzen auf Rollen, Zuständigkeiten, Hierarchien und professionelle Pflichten.

In der Familie kommen Nähe, gemeinsame Geschichte, Abhängigkeiten und unterschiedliche Verantwortlichkeiten hinzu.

Im gesellschaftlichen Alltag spielen außerdem institutionelle Regeln, unterschiedliche Interessen, öffentliche Situationen und vielfältige soziale Rollen eine Rolle.

Das Buchmodell ist deshalb kein starres Satzschema, das in jedem Lebensbereich identisch angewendet werden kann.

Ein Prinzip für verschiedene Lebensbereiche

Kapitel 6.2 überträgt gerechte Selbstbehauptung auf unterschiedliche Bereiche des persönlichen, beruflichen und gesellschaftlichen Lebens.

Der normative Kern des Buchmodells bleibt erhalten: eigene Bedürfnisse, Positionen und Grenzen vertreten, ohne Respekt, Verantwortung und Gerechtigkeit aus dem Blick zu verlieren.

Kein Universalrezept: Ein gemeinsames Grundprinzip bedeutet nicht, dass dieselbe Formulierung, dieselbe Direktheit oder dieselbe Handlungsoption in jedem Lebensbereich angemessen ist.

Rollen verändern den Handlungskontext

Eine Führungskraft, ein Elternteil, eine Lehrkraft, eine Ärztin, ein Studierender oder ein Mitglied einer Organisation besitzt jeweils andere Aufgaben, Verantwortlichkeiten und Handlungsspielräume.

Gerechte Selbstbehauptung sollte daher nicht nur persönliche Präferenzen, sondern auch legitime Zuständigkeiten, Verpflichtungen und die Autonomie anderer berücksichtigen.

Arbeit: Selbstbehauptung innerhalb professioneller Rollen

Im Arbeitsleben können Aufgabenverteilung, Prioritäten, Arbeitsbelastung, Feedback, Verhandlungen, Verantwortungsbereiche und fachliche Meinungsverschiedenheiten Anlass für Selbstbehauptung sein.

Das Buch illustriert solche Situationen beispielsweise mit einem Informatiker, einer Rechtsanwältin, einer Richterin, einer Führungskraft und einer Ärztin.

Berufsrolle berücksichtigen: Eine klare berufliche Weisung, eine fachliche Gegenposition, eine Verhandlung und eine persönliche Grenze sind kommunikativ nicht dieselbe Situation.

Assertiveness in professionellen Beziehungen

Gutgeld-Dror, Laor und Karnieli-Miller untersuchten Assertiveness in professionellen Begegnungen von Ärztinnen und Ärzten.

Die Review schlägt eine relationale Definition vor: Eigene Sichtweisen, Anliegen, Rechte und Bedürfnisse werden kommuniziert, während die entsprechenden Belange anderer respektiert und professionelle Beziehungen berücksichtigt werden.

Die Autorinnen und Autoren thematisieren außerdem Machtunterschiede in professionellen Beziehungen.

Scoping Review Gutgeld-Dror, Laor und Karnieli-Miller: Assertiveness in physicians' interpersonal professional encounters: A scoping review, Medical Education, 2024.

PubMed: Assertiveness in physicians' interpersonal professional encounters

Reichweite: Die Review betrifft ärztliche professionelle Beziehungen. Sie bestätigt nicht automatisch das Ellmann-Modell und lässt sich nicht ohne Weiteres auf jeden Arbeitsplatz übertragen.

Assertiveness-Training im Gesundheitsbereich

Eine systematische Review von Omura und Kollegen untersuchte Trainingsprogramme für assertive Kommunikation bei Gesundheitsfachkräften und Studierenden.

Acht Studien wurden in die Auswertung aufgenommen.

Die Autorinnen und Autoren forderten zugleich weitere Forschung zu nachhaltigen Verhaltensänderungen und zur Patientensicherheit.

Systematische Review Mieko Omura und Kollegen: The effectiveness of assertiveness communication training programs for healthcare professionals and students: A systematic review, 2017.

PubMed: Assertiveness communication training

Keine Überverallgemeinerung: Forschung zu Assertiveness-Training im Gesundheitswesen ist kein Nachweis, dass eine bestimmte Kommunikationsmethode in allen Berufen dieselbe Wirkung besitzt.

Hierarchie ist nicht automatisch Dominanz

Berufliche Hierarchien können legitime Zuständigkeiten und Entscheidungsbefugnisse enthalten.

Deshalb ist nicht jede Weisung einer vorgesetzten Person automatisch mit dem Buchmuster Dominanz gleichzusetzen.

Umgekehrt macht eine formale Position unangemessenen Druck, Abwertung oder manipulative Einflussnahme nicht automatisch unproblematisch.

Für die Einordnung müssen Rolle, Zuständigkeit, Angemessenheit und tatsächlicher Handlungsspielraum gemeinsam betrachtet werden.

Familie: Nähe verändert Kommunikation

Familienkommunikation findet häufig in langfristigen Beziehungen statt.

Gemeinsame Geschichte, emotionale Nähe, Abhängigkeiten, Verantwortung und wiederkehrende Konfliktmuster können die Situation wesentlich beeinflussen.

Das Buch illustriert familiäre Selbstbehauptung unter anderem mit einer berufstätigen Mutter und einem Familienvater.

Direkte Kommunikation ist nicht immer gleich wirksam

Overall und McNulty fassen Forschung zu Kommunikation während Konflikten in intimen Beziehungen zusammen.

Sie unterscheiden dabei unter anderem direkte und indirekte sowie kooperative und oppositionelle Kommunikation.

Ihre Übersicht zeigt, dass die Wirkung verschiedener Kommunikationsformen von Kontextfaktoren abhängen kann.

Forschungsübersicht Nickola C. Overall und James K. McNulty: What Type of Communication during Conflict is Beneficial for Intimate Relationships?, Current Opinion in Psychology, 2017.

PubMed: Communication during relationship conflict

Kontext statt Einheitsregel: Die Forschung spricht gegen die Vorstellung, eine einzelne Kommunikationsform sei unabhängig von Problem, Beziehung und Situation immer die beste Lösung.

Familie bedeutet nicht immer gleiche Rollen

Respekt und gerechte Berücksichtigung bedeuten nicht, dass alle Familienmitglieder in jeder Situation dieselben Pflichten, Rechte oder Verantwortlichkeiten besitzen.

Gesellschaftlicher Alltag: mehrere Interessen und Rollen

Kapitel 7 überträgt das Buchmodell auch auf Situationen außerhalb enger privater und beruflicher Beziehungen.

Beispiele betreffen Studium, den Alltag älterer Menschen, gesellschaftliches Engagement, schwierige Gespräche zwischen Lehrkräften und Eltern sowie öffentliche Situationen.

Solche Kontexte können mehrere Beteiligte, institutionelle Regeln und unterschiedliche Interessen gleichzeitig umfassen.

Keine gesellschaftliche Entscheidungsformel: Das Modell kann helfen, die eigene Kommunikation zu reflektieren. Es entscheidet jedoch nicht automatisch, welche Sachposition in einem gesellschaftlichen Streit richtig ist.

Widerspruch kann respektvoll bleiben

Gerechte Selbstbehauptung verlangt im Buch nicht, Konflikte oder Meinungsverschiedenheiten dadurch aufzulösen, dass eine Person ihre Position aufgibt.

Zwei Menschen können unterschiedliche Auffassungen behalten und dennoch versuchen, sachlich, transparent und respektvoll miteinander umzugehen.

Respekt ist deshalb nicht mit Konsens gleichzusetzen.

Unterschiedliche Lebensbereiche im Vergleich

Lebensbereich Besonders relevante Kontextfaktoren Beispiele aus Kapitel 7
Arbeit und Beruf Rolle, Zuständigkeit, Hierarchie, Arbeitsauftrag, Verantwortung, Verhandlung Informatiker, Rechtsanwältin, Richterin, Führungskraft, Ärztin
Familie Nähe, gemeinsame Geschichte, Fürsorge, Aufgabenverteilung, Abhängigkeiten, Grenzen Berufstätige Mutter, Familienvater
Bildung und Alltag Rollen, Erwartungen, institutionelle Regeln, Generationenunterschiede, Interessen Studentin, Rentner, Lehrkraft
Gesellschaftliches Engagement mehrere Beteiligte, öffentliche Kommunikation, unterschiedliche Ziele, Regeln, Verantwortung Aktivist beziehungsweise Engagement in sozialen Bewegungen

Die Personas sind keine Wirksamkeitsnachweise

Kapitel 7 arbeitet mit zahlreichen konstruierten Anwendungsszenarien.

Sie zeigen, wie das Buchmodell in unterschiedlichen Situationen angewendet werden könnte.

Daraus folgt nicht, dass die dargestellte Formulierung in einer realen Situation zwingend dieselbe Reaktion oder dasselbe Ergebnis hervorruft.

Didaktische Beispiele: Die Personas veranschaulichen das Modell. Sie sind keine kontrollierten Studien und keine empirischen Belege für die Wirksamkeit einer bestimmten Formulierung.

Nicht jede Situation ist durch Kommunikation lösbar

Unterschiedliche Interessen können tatsächlich unvereinbar bleiben.

Im Berufsleben können Entscheidungen aufgrund von Zuständigkeit, Vertrag, Organisation oder Sicherheitsanforderungen fallen.

Im Familienleben können Konflikte zusätzliche Unterstützung, Beratung oder Abstand erfordern.

Ein Kommunikationsmodell ersetzt diese Ebenen nicht.

Gefährliche Situationen gehören in eine andere Kategorie

Einige Personas des Buches betreffen Gewalt, sexuellen Missbrauch, Mobbing, Diskriminierung oder Belästigung.

Solche Situationen werden auf dieser Seite bewusst nicht als gewöhnliche Kommunikationskonflikte behandelt.

Dort können Schutz, Hilfe, institutionelle Maßnahmen und professionelle Unterstützung wichtiger sein als ein direktes Gespräch.

Klare Grenze: Die nächste Wissensseite behandelt ausdrücklich, wann Selbstbehauptung als Kommunikationsmittel nicht ausreicht.

Elf Fragen zur Übertragung auf einen Lebensbereich

  1. Rolle: In welcher Rolle handle ich gerade?
  2. Anliegen: Was möchte ich konkret vertreten?
  3. Grenze: Was liegt tatsächlich in meiner eigenen Entscheidung?
  4. Zuständigkeit: Welche formale Verantwortung oder Befugnis besteht?
  5. Macht: Welche Abhängigkeiten beeinflussen den Handlungsspielraum?
  6. Beziehung: Welche langfristigen oder emotionalen Bindungen sind relevant?
  7. Respekt: Wie kann ich widersprechen, ohne unnötig abzuwerten?
  8. Verantwortung: Welche Folgen meines eigenen Handelns sollte ich berücksichtigen?
  9. Kontext: Welche Regeln, Pflichten oder institutionellen Verfahren gehören zur Situation?
  10. Realismus: Ist eine gemeinsame Lösung tatsächlich möglich?
  11. Sicherheit: Handelt es sich noch um einen Kommunikationskonflikt oder bereits um eine Gefährdungssituation?
Reflexionshilfe, kein Universalverfahren: Die Fragen strukturieren die Übertragung des Buchmodells. Sie ersetzen weder berufliche Zuständigkeiten noch rechtliche, therapeutische oder sicherheitsbezogene Fachberatung.

Quellen und Literatur zu dieser Wissensseite

Modellquelle Mathias Ellmann: Die Kunst der gerechten Selbstbehauptung , insbesondere Kapitel 6.1, Kapitel 6.2 und die Anwendungsszenarien aus Kapitel 7.11 bis 7.22 der veröffentlichten Fassung des E-Books.

Psychologische Begriffsquelle APA Dictionary of Psychology: assertiveness .

Professionelle Beziehungen Gutgeld-Dror, Laor & Karnieli-Miller: Assertiveness in physicians' interpersonal professional encounters .

Assertiveness-Training Omura et al.: Assertiveness communication training .

Beziehungskonflikte Overall & McNulty: Communication during relationship conflict .

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Als Nächstes: Wann Selbstbehauptung nicht reicht

Die letzte Wissensseite behandelt die Grenze zwischen Kommunikation und Schutz: insbesondere Gewalt, sexuellen Missbrauch, Mobbing, Diskriminierung und Belästigung.

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Über den Autor

Mathias Ellmann

Ing. Mathias Ellmann, M. Sc. arbeitet freiberuflich als IT-Sachverständiger, KI-Berater, Trainer, Autor und Dozent. Seine Arbeit verbindet technische, didaktische, ethische, unternehmerische und gesellschaftliche Fragestellungen.

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