01 · Begriff und Funktion

Was ist ein Relevé?

Beim Relevé steigt der Körper auf den Vorfuß beziehungsweise auf Demi-pointe. Die Fersen lösen sich vom Boden, während Vorfuß, Sprunggelenk, Knie, Hüfte und Rumpf die Aufrichtung koordinieren. Das Relevé kann als Übung, als Balance, als Übergang und als Bestandteil von Drehungen oder anderen Bewegungsfolgen auftreten.

Grundbewegung

Die Stützfläche wird kleiner, während der Körper nach oben organisiert wird.

Technische Funktion

Aufrichtung, Fußkraft, Gleichgewicht und Vorbereitung weiterer Bewegungen.

Wichtige Bereiche

Vorfuß, Fußgewölbe, Sprunggelenk, Beinachse, Becken und Rumpf.

Darstellung im Player

Gezeigt wird Demi-pointe. Spitzenschuh- und Pointe-Technik werden getrennt behandelt.

02 · Vorbereitung und Terminologie

Mit Demi-plié oder aus gestreckten Beinen

Im Player lassen sich zwei Bewegungswege vergleichen. Bei der ersten Variante wird das Aufsteigen durch ein kleines Demi-plié vorbereitet. Bei der zweiten beginnt die Aufwärtsbewegung aus gestreckten Beinen. Die Abgrenzung der Begriffe Relevé und Élevé wird in verschiedenen Ballettschulen nicht vollständig gleich verwendet. Das Lexikon speichert deshalb Bewegungsgeometrie und Benennung getrennt.

Mit Demi-plié

Erst kontrolliertes Beugen, dann Strecken und Aufsteigen auf Demi-pointe.

Ohne vorheriges Plié

Die Beine bleiben zunächst gestreckt; die Fersen steigen direkt aus der Fußarbeit an.

Fußpositionen

Die fünf klassischen Grundpositionen I–V bleiben dieselben zentralen Positionsdaten wie auf der Plié-Seite.

Armpositionen

Bras bas sowie die Positionen 1–5 stammen aus derselben zentralen Armpositionsbibliothek.

03 · Technische Ausführung

Worauf es beim Relevé ankommt

Vorfuß

Großzehen- und Kleinzehenballen bleiben aktiv. Der Fuß kippt nicht nur auf die Großzehenseite.

Fersenweg

Die Fersen steigen kontrolliert an und sinken kontrolliert zurück. Ein seitliches Ausweichen verändert die Beinachse.

Sprunggelenk

Das Sprunggelenk richtet sich über dem Vorfuß auf. Ferse, Sprunggelenk und Bein bleiben funktional verbunden.

Knie und Hüfte

Beim Aufsteigen strecken sich die Beine koordiniert; die Knie werden nicht nach hinten gedrückt.

Becken und Rumpf

Die Aufrichtung entsteht nicht durch ein Vorschieben des Beckens oder ein Ausweichen des Brustkorbs.

Kopf

Kopf und Hals setzen die vertikale Organisation fort, ohne eine starre Haltung zu erzwingen.

04 · Bewegungsphasen

Das Relevé Schritt für Schritt

1 · Ausgang

Fußposition, Beinachsen, Rumpf und Arme sind organisiert.

2 · Vorbereitung

Je nach gewählter Variante entsteht ein Demi-plié oder die gestreckte Ausgangsposition bleibt bestehen.

3 · Aufsteigen

Die Fersen steigen, die Sprunggelenke richten sich auf und der Körper gewinnt Höhe.

4 · Demi-pointe

Die kleinere Stützfläche wird kontrolliert getragen; der Körper bleibt aufgerichtet.

5 · Absenken

Die Fersen werden dosiert zurück zum Boden geführt.

6 · Rückkehr

Die Ausgangsorganisation wird wieder erreicht, ohne die Knie hart zu verriegeln.

05 · Körperwissen

Was ein Relevé spürbar machen kann

Stützfläche verändern

Spüren, wie sich die Unterstützung von der ganzen Fußsohle auf den Vorfuß konzentriert.

Fußgewölbe organisieren

Der Fuß wird aktiv, ohne die Zehen zu verkrampfen oder das Gewölbe einbrechen zu lassen.

Balance wahrnehmen

Kleine Veränderungen von Rumpf, Blick und Fußdruck werden auf Demi-pointe deutlicher spürbar.

Absenken kontrollieren

Nicht nur das Hochkommen, auch der Rückweg zum Boden ist eine aktive Bewegung.

06 · Für Kinder

Werde groß, ohne die Zehen festzukrallen

Stell dir vor, unter deinen Fersen liegt ein kleiner Aufzug. Er fährt langsam nach oben, während deine Fußballen am Boden bleiben. Dein ganzer Körper wird länger. Danach fährt der Aufzug genauso ruhig wieder nach unten.

Spürfrage

Kannst du beim Hochgehen beide Fußballen am Boden fühlen?

Beobachtungsfrage

Bleiben deine Fersen gerade hinter deinen Beinen, oder kippen sie zur Seite?

Bewegungsidee

Steige langsam hoch, halte einen Moment und werde ebenso langsam wieder kleiner.

07 · Unterricht und Rückmeldung

Was Lehrende und Lernende beobachten können

Technik

Vorfußkontakt, Fersenweg, Beinachse, Sprunggelenk und Rumpforganisation.

Kraft

Kontrolliertes Aufsteigen, Halten und Absenken ohne abruptes Fallen.

Beweglichkeit

Nutzbare Plantarflexion im Sprunggelenk ohne Ausweichen oder Einknicken.

Musikalität

Timing von Vorbereitung, Aufstieg, Balance und Rückkehr.

Präsenz

Klarer Beginn, bewusster Blick, kontrollierte Balance und lesbarer Abschluss.

Eine möglichst hohe Ferse ist kein alleiniger Qualitätsmaßstab. Entscheidend ist, ob der verfügbare Bewegungsumfang kontrolliert organisiert werden kann.

08 · Choreografische Verwendung

Wie sich die Wirkung eines Relevés verändern lässt

Zeit

Langsames Aufsteigen, plötzlicher Akzent, lange Balance, schnelle Wiederholung.

Höhe

Halbes Aufsteigen, vollständige Demi-pointe oder bewusst unvollständige Rückkehr.

Blick und Raum

Aufrichtung kann mit Blickwechsel, Annäherung, Distanz oder Richtungswechsel verbunden werden.

Beziehung

Synchronität, Verzögerung, Unterstützung, Unterbrechung oder Nicht-Reaktion verändern die dramaturgische Funktion.

09 · Gefühl, Bedürfnis und Beziehung

Mögliche Lesarten – keine festen Bedeutungen

Ein Relevé bedeutet nicht automatisch Stolz, Leichtigkeit oder Sicherheit. Gefühle, Bedürfnisse und Absichten werden erst aus Ausführung und Kontext lesbar und bleiben analytisch getrennt.

Langsam und kontinuierlich

Mögliche Gefühle: Ruhe, Konzentration.
Mögliche Bedürfnisse: Stabilität, Orientierung.
Mögliche Absichten: sich aufrichten, einen Zustand halten.

Schnell und akzentuiert

Mögliche Gefühle: Entschlossenheit, Spannung.
Mögliche Bedürfnisse: Wirksamkeit, Klarheit.
Mögliche Absichten: einen Impuls setzen, eine Entscheidung markieren.

Lange Balance oben

Mögliche Gefühle: Sammlung, Zuversicht.
Mögliche Bedürfnisse: Stabilität, Selbstwirksamkeit.
Mögliche Absichten: präsent bleiben, Zeit behaupten.

Unterbrochen oder beeinflusst

Mögliche Gefühle: Irritation, Unsicherheit, Widerstand.
Mögliche Bedürfnisse: Autonomie, Unterstützung, Respekt.
Mögliche Absichten: Balance wiederfinden, Hilfe annehmen oder ablehnen.

Synchron mit anderen

Mögliche Gefühle: Verbundenheit, Zuversicht.
Mögliche Bedürfnisse: Kooperation, Zugehörigkeit, Verlässlichkeit.
Mögliche Absichten: gemeinsam aufrichten, einen gemeinsamen Akzent bilden.

Choreografische Leitfrage: Wie verändert die Handlung eines Menschen die Handlungsmöglichkeiten eines anderen?

10 · Weiterlernen

Vom Relevé zu weiteren Bewegungen

Plié

Kann den Aufstieg vorbereiten und verbindet Relevé mit Bodenimpuls und Landung.

Pirouette

Relevé und Balance bilden eine zentrale Grundlage vieler Drehungen.

Échappé

Aufsteigen und Wechsel der Fußorganisation werden miteinander verbunden.

Sauté

Beim Sprung verlässt der Körper vollständig den Bodenkontakt und kehrt über eine kontrollierte Landung zurück.

Marche en demi-pointe

Gehen auf Demi-pointe mit klarer Gewichtsübertragung von Schritt zu Schritt und stabiler Rumpf- und Beinachse.

Pirouette en dedans

Bei der Pirouette en dedans dreht der Körper zum Standbein hin beziehungsweise in der klassisch als nach innen bezeichneten Drehrichtung.

Détourné

Détourné ist eine kleine Drehung auf beiden Füßen beziehungsweise auf Demi-pointe, mit der die Körper- und Fußausrichtung kontrolliert gewechselt wird.

Pirouette en dehors

Bei der Pirouette en dehors dreht der Körper vom Standbein weg beziehungsweise in der klassisch als nach außen bezeichneten Drehrichtung.

Sous-sus

Aus einer geschlossenen Position steigt der Körper auf Demi-pointe oder Pointe und zieht die Beine eng zu einer gestreckten, gekreuzten Aufrichtung zusammen.

Ergänzender fachlicher Hintergrund

Bücher zum Lernen und Körperwissen

Das Bewegungslexikon ergänzt zwei Buchprojekte von Mathias Ellmann: den Ballett-Lehrbaum für reflektiertes und gesundes Lernen sowie Leni und Oskar und das Geheimnis des Ballettbaums für jüngere Leserinnen und Leser.

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Ein Modell für gesundes, reflektiertes und künstlerisch orientiertes Lernen im Ballett – mit Körperwissen, Motivation, Selbstachtung und langfristiger Entwicklung.

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Buchcover Leni und Oskar und das Geheimnis des Ballettbaums
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Eine Geschichte über Körpergefühl, Mut, Lernen und Freude an Entwicklung für jüngere Leserinnen und Leser.

Zum Kinderbuch

Konzeption · Ballettwissen · Choreografie

Mathias Ellmann

Mathias Ellmann

Mathias Ellmann entwickelt das Ballett-Bewegungslexikon als Verbindung von klassischer Balletttechnik, Körperwissen, Lernen und choreografischer Anwendung.

Die Bewegung wird dabei nicht nur danach betrachtet, wie sie technisch ausgeführt wird, sondern auch danach, welche Möglichkeiten sie für Lernen, Wahrnehmung, Raum und Beziehung eröffnet.

In den zeitgenössischen Ballettprojekten wird klassische Balletttechnik als präzise Sprache menschlicher Beziehungen verwendet. Im Zentrum steht die Frage: Wie verändert die Handlung eines Menschen die Handlungsmöglichkeiten eines anderen?

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