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Politische Muster einordnen

Vorurteile und Feindbilder

Menschen ordnen soziale Wirklichkeit in Kategorien. Daraus folgt jedoch nicht automatisch Feindseligkeit. Für eine präzise Analyse müssen Stereotype, Vorurteile, Diskriminierung, Eigengruppenbevorzugung und Feindbildbildung voneinander unterschieden werden.

Stand: 19. September 2026 · Mathias Ellmann

Kurzantwort:

Kapitel 12 von „Populismus entlarven“ untersucht Vorurteile als mögliche Anschlussstellen für vereinfachende politische Erklärungen.

Im Mittelpunkt stehen Generalisierung, Vereinfachung, emotionale Aufladung und die Unterscheidung zwischen „wir“ und „sie“.

Der Begriff „Feindbild“ wird im Buch zusätzlich in Kapitel 6.3 verwendet, wo Personalisierung und Feindbildbildung als dritte Stufe der populistischen Dynamik beschrieben werden.

Stereotyp, Vorurteil und Diskriminierung sind nicht dasselbe

Im alltäglichen Sprachgebrauch werden diese Begriffe häufig vermischt. Für eine fachliche Analyse ist ihre Trennung jedoch wichtig.

Begriff Vereinfachte fachliche Einordnung
Stereotyp Verallgemeinerte Vorstellungen oder Erwartungen über Merkmale einer sozialen Gruppe.
Vorurteil Eine wertende beziehungsweise affektive Haltung gegenüber einer Gruppe oder ihren Mitgliedern.
Diskriminierung Unterschiedliche beziehungsweise benachteiligende Behandlung aufgrund einer Gruppenzuordnung.
Feindbild Auf dieser Wissensseite ein analytischer Buchbegriff für eine stark negative und vereinfachende Darstellung von Personen oder Gruppen als Gegner beziehungsweise Ursache eines Problems.

Psychologische Begriffsquelle American Psychological Association: Definitionen und Einordnungen zu Stereotypen, Vorurteilen und Diskriminierung.

APA Dictionary: stereotype

APA Dictionary: discrimination

APA: Racism, bias, and discrimination

Begriffliche Präzisierung: „Feindbild“ wird hier nicht als psychologische Diagnose oder als Synonym für Vorurteil verwendet. Gemeint ist die kommunikative Konstruktion einer stark vereinfachten gegnerischen Gruppe innerhalb des Buchmodells.

Warum Menschen kategorisieren

Soziale Kategorien können Orientierung erleichtern. Menschen müssen komplexe soziale Informationen strukturieren, um handlungsfähig zu bleiben.

Kategorien sind deshalb nicht automatisch Vorurteile oder Feindbilder.

Problematisch wird eine Kategorisierung insbesondere dann, wenn individuelle Unterschiede innerhalb einer Gruppe systematisch ausgeblendet und pauschale Zuschreibungen als sichere Aussagen über einzelne Personen behandelt werden.

Eigengruppenbevorzugung ist nicht automatisch Fremdgruppenfeindlichkeit

Forschung zu Intergruppenbeziehungen unterscheidet zwischen positiver Bevorzugung der eigenen Gruppe und negativer Abwertung einer anderen Gruppe.

Diese Prozesse können zusammen auftreten, sind aber nicht identisch.

Marilynn Brewer argumentierte, dass Bindung und positive Orientierung gegenüber der eigenen Gruppe nicht automatisch Feindseligkeit gegenüber einer Fremdgruppe voraussetzen.

Sozialpsychologische Fachliteratur Marilynn B. Brewer: The Psychology of Prejudice: Ingroup Love and Outgroup Hate?. Journal of Social Issues, 1999.

DOI: Brewer – The Psychology of Prejudice

Wichtige Abgrenzung: Ein positives Zugehörigkeitsgefühl zu einer sozialen, kulturellen, regionalen, politischen oder anderen Gruppe ist für sich genommen kein Nachweis von Feindseligkeit gegenüber anderen Gruppen.

Intergruppen-Bias genauer betrachten

Hewstone, Rubin und Willis unterscheiden in ihrem Forschungsüberblick unter anderem zwischen Eigengruppenbevorzugung und Fremdgruppenabwertung.

Sie diskutieren außerdem Bedingungen, die Intergruppen-Bias verstärken können, darunter Identifikation, Status, Macht und wahrgenommene Bedrohung.

Sozialpsychologischer Forschungsüberblick Miles Hewstone, Mark Rubin und Hazel Willis: Intergroup Bias. Annual Review of Psychology, 2002.

Annual Reviews: Intergroup Bias

Auch diese Forschung liefert keine einfache Formel, mit der aus Gruppenzugehörigkeit automatisch Vorurteil oder Feindbild abgeleitet werden könnte.

Gordon Allport als grundlegender Bezugspunkt

Abschnitt 23.9 des Buches nennt Gordon W. Allports The Nature of Prejudice als zentralen Bezugspunkt für das Verständnis von Vorurteilen, Ausgrenzung und Beziehungen zwischen gesellschaftlichen Gruppen.

Das Werk erschien 1954 und gehört zu den klassischen Arbeiten der sozialpsychologischen Vorurteilsforschung.

Klassische Fachliteratur Gordon W. Allport: The Nature of Prejudice. Addison-Wesley, Cambridge, Massachusetts, 1954.

Was Kapitel 12 des Buches untersucht

Kapitel 12 betrachtet Vorurteile insbesondere als mögliche Anschlussstellen für vereinfachende politische Kommunikation.

Das Kapitel beschreibt mehrere miteinander verbundene Prozesse:

Buchbezug: Diese Zusammenstellung beschreibt die Analyselogik von Kapitel 12. Sie ist nicht als Behauptung zu verstehen, jede politische Gruppeneinteilung oder jede vereinfachte Formulierung sei bereits populistisch.

Generalisierung prüfen

Ein Einzelfall kann einen Sachverhalt illustrieren, aber er belegt nicht automatisch, dass dieselbe Eigenschaft für eine ganze Gruppe gilt.

Eine wichtige Prüffrage lautet deshalb: Welche empirische Grundlage rechtfertigt die Verallgemeinerung?

Homogenisierung: Aus vielen Einzelnen wird „die Gruppe“

Feindbildkommunikation kann Unterschiede innerhalb einer Gruppe ausblenden.

Aus vielen Personen mit unterschiedlichen Interessen, Eigenschaften und Ansichten entsteht sprachlich eine scheinbar einheitliche Einheit.

Analytisch sollte daher geprüft werden: Wird eine Gruppe so dargestellt, als hätten alle ihre Mitglieder dieselben Absichten oder Eigenschaften?

Von der Gruppe zur Ursache eines Problems

Kapitel 6.3 beschreibt Personalisierung und Feindbildbildung als einen Mechanismus, bei dem komplexe Probleme auf konkrete Personen oder Gruppen zurückgeführt werden.

Die relevante Frage ist nicht, ob Gruppen oder Akteure überhaupt Verantwortung für Entwicklungen tragen können.

Zu prüfen ist vielmehr, ob eine konkrete Verantwortungszuschreibung anhand von Tatsachen und nachvollziehbaren Kausalzusammenhängen belegt ist oder ob sie eine mehrdimensionale Erklärung ersetzt.

Emotionale Aufladung

Gruppenzuschreibungen können mit Angst, Misstrauen, Wut, Verachtung oder anderen Emotionen verbunden sein.

Emotionen machen eine Aussage weder automatisch falsch noch manipulativ.

Für die Analyse ist entscheidend, ob die emotionale Wirkung die inhaltliche Prüfung ergänzt oder an ihre Stelle tritt.

„Wir gegen sie“ ist ein Prüfhinweis, kein automatisches Urteil

Gruppen unterscheiden sich real, und politische Interessen können tatsächlich miteinander in Konflikt stehen.

Die bloße Verwendung von „wir“ und „sie“ reicht deshalb nicht aus, um eine Aussage als populistisch oder als Feindbildkommunikation einzuordnen.

Wichtiger sind zusätzliche Fragen: Wird die Fremdgruppe homogenisiert? Wird sie moralisch pauschal abgewertet? Wird ihr kollektiv Schuld zugeschrieben? Werden Gegenbeispiele ausgeblendet? Wird ihre Legitimität grundsätzlich bestritten?

Vorurteil ist nicht dasselbe wie legitime Kritik

Kritik an konkretem Verhalten, Institutionen, Entscheidungen oder politischen Positionen ist nicht automatisch ein Vorurteil.

Entscheidend ist, ob die Kritik sich auf überprüfbare Handlungen und Argumente bezieht oder ob Eigenschaften pauschal aus einer Gruppenzugehörigkeit abgeleitet werden.

Neutralitätsregel: Diese Wissensseite bewertet keine aktuelle Partei, politische Richtung, Bevölkerungsgruppe oder Wählergruppe als vorurteilsbehaftet oder feindbildorientiert. Sie stellt Begriffe und Prüffragen bereit.

Feindbildbildung und das Sechs-Stufen-Modell

Im Sechs-Stufen-Modell des Buches erscheint Feindbildbildung gemeinsam mit Personalisierung als dritte Stufe.

Das bedeutet nicht, dass jedes Vorurteil automatisch in Feindbildbildung übergeht.

Ebenso bedeutet es nicht, dass jede Kritik an einer Person oder Gruppe bereits ein Feindbild darstellt.

Der Begriff beschreibt im Buch eine stärkere kommunikative Zuspitzung: Eine Person oder Gruppe wird zum vereinfachten negativen Bezugspunkt für komplexere Probleme.

Vorurteil und Feindbild nicht verwechseln

Prüfebene Frage
Stereotyp Welche verallgemeinerte Vorstellung über eine Gruppe liegt vor?
Vorurteil Welche wertende oder emotionale Haltung ist mit der Gruppe verbunden?
Diskriminierung Führt die Gruppenzuordnung zu unterschiedlicher Behandlung?
Feindbild Wird die Gruppe als vereinfachter, stark negativer Gegner oder Problemverursacher konstruiert?
Politische Kritik Bezieht sich die Kritik konkret auf überprüfbare Handlungen, Entscheidungen oder Argumente?

Acht Fragen zur Selbstprüfung

  1. Generalisierung: Übertrage ich einen Einzelfall auf eine ganze Gruppe?
  2. Homogenisierung: Behandle ich sehr unterschiedliche Menschen gedanklich als einheitlichen Block?
  3. Quelle: Worauf beruhen meine Annahmen über die Gruppe?
  4. Gegenbeispiele: Nehme ich Informationen wahr, die meiner Erwartung widersprechen?
  5. Emotion: Welche Gefühle prägen meine Einschätzung?
  6. Kausalität: Ist die zugeschriebene Verantwortung tatsächlich belegt?
  7. Individualisierung: Würde ich dieselbe Eigenschaft auch dieser konkreten Person zuschreiben, wenn ich ihre Gruppenzugehörigkeit nicht kennen würde?
  8. Korrigierbarkeit: Welche Information könnte meine Einschätzung verändern?

Quellen und Literatur zu dieser Wissensseite

Buchbezug Mathias Ellmann: Populismus entlarven , insbesondere Kapitel 12, Kapitel 6.3, Kapitel 5, Abschnitt 23.1 und Abschnitt 23.9 der veröffentlichten Fassung des E-Books.

Klassische Vorurteilsforschung Gordon W. Allport: The Nature of Prejudice. Addison-Wesley, 1954.

Psychologische Begriffe American Psychological Association: Stereotype und Discrimination .

Intergruppenbeziehungen Marilynn B. Brewer: The Psychology of Prejudice: Ingroup Love and Outgroup Hate? . Journal of Social Issues, 1999.

Forschungsüberblick Miles Hewstone, Mark Rubin und Hazel Willis: Intergroup Bias . Annual Review of Psychology, 2002.

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Politische Muster weiter einordnen

Der nächste Schritt betrachtet drei deutlich unterschiedliche Phänomene: Nationalismus, Totalitarismus und Terrorismus sowie ihre mögliche kommunikative Instrumentalisierung.

Weiterführende Einordnung: Wie Nationalismus, Totalitarismus und Terrorismus begrifflich voneinander getrennt und auf mögliche kommunikative Instrumentalisierungen geprüft werden, behandelt „Nationalismus, Totalitarismus und Terrorismus unterscheiden“ .
Porträt von Mathias Ellmann

Über den Autor

Mathias Ellmann

Ing. Mathias Ellmann, M. Sc. arbeitet freiberuflich als IT-Sachverständiger, KI-Berater, Trainer, Autor und Dozent. Seine Arbeit verbindet technische, didaktische, ethische, unternehmerische und gesellschaftliche Fragestellungen.

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