Kurzantwort:
Kapitel 12 von „Populismus entlarven“ untersucht Vorurteile als mögliche Anschlussstellen für vereinfachende politische Erklärungen.
Im Mittelpunkt stehen Generalisierung, Vereinfachung, emotionale Aufladung und die Unterscheidung zwischen „wir“ und „sie“.
Der Begriff „Feindbild“ wird im Buch zusätzlich in Kapitel 6.3 verwendet, wo Personalisierung und Feindbildbildung als dritte Stufe der populistischen Dynamik beschrieben werden.
Stereotyp, Vorurteil und Diskriminierung sind nicht dasselbe
Im alltäglichen Sprachgebrauch werden diese Begriffe häufig vermischt. Für eine fachliche Analyse ist ihre Trennung jedoch wichtig.
| Begriff | Vereinfachte fachliche Einordnung |
|---|---|
| Stereotyp | Verallgemeinerte Vorstellungen oder Erwartungen über Merkmale einer sozialen Gruppe. |
| Vorurteil | Eine wertende beziehungsweise affektive Haltung gegenüber einer Gruppe oder ihren Mitgliedern. |
| Diskriminierung | Unterschiedliche beziehungsweise benachteiligende Behandlung aufgrund einer Gruppenzuordnung. |
| Feindbild | Auf dieser Wissensseite ein analytischer Buchbegriff für eine stark negative und vereinfachende Darstellung von Personen oder Gruppen als Gegner beziehungsweise Ursache eines Problems. |
Psychologische Begriffsquelle American Psychological Association: Definitionen und Einordnungen zu Stereotypen, Vorurteilen und Diskriminierung.
Warum Menschen kategorisieren
Soziale Kategorien können Orientierung erleichtern. Menschen müssen komplexe soziale Informationen strukturieren, um handlungsfähig zu bleiben.
Kategorien sind deshalb nicht automatisch Vorurteile oder Feindbilder.
Problematisch wird eine Kategorisierung insbesondere dann, wenn individuelle Unterschiede innerhalb einer Gruppe systematisch ausgeblendet und pauschale Zuschreibungen als sichere Aussagen über einzelne Personen behandelt werden.
Eigengruppenbevorzugung ist nicht automatisch Fremdgruppenfeindlichkeit
Forschung zu Intergruppenbeziehungen unterscheidet zwischen positiver Bevorzugung der eigenen Gruppe und negativer Abwertung einer anderen Gruppe.
Diese Prozesse können zusammen auftreten, sind aber nicht identisch.
Marilynn Brewer argumentierte, dass Bindung und positive Orientierung gegenüber der eigenen Gruppe nicht automatisch Feindseligkeit gegenüber einer Fremdgruppe voraussetzen.
Sozialpsychologische Fachliteratur Marilynn B. Brewer: The Psychology of Prejudice: Ingroup Love and Outgroup Hate?. Journal of Social Issues, 1999.
Intergruppen-Bias genauer betrachten
Hewstone, Rubin und Willis unterscheiden in ihrem Forschungsüberblick unter anderem zwischen Eigengruppenbevorzugung und Fremdgruppenabwertung.
Sie diskutieren außerdem Bedingungen, die Intergruppen-Bias verstärken können, darunter Identifikation, Status, Macht und wahrgenommene Bedrohung.
Sozialpsychologischer Forschungsüberblick Miles Hewstone, Mark Rubin und Hazel Willis: Intergroup Bias. Annual Review of Psychology, 2002.
Auch diese Forschung liefert keine einfache Formel, mit der aus Gruppenzugehörigkeit automatisch Vorurteil oder Feindbild abgeleitet werden könnte.
Gordon Allport als grundlegender Bezugspunkt
Abschnitt 23.9 des Buches nennt Gordon W. Allports The Nature of Prejudice als zentralen Bezugspunkt für das Verständnis von Vorurteilen, Ausgrenzung und Beziehungen zwischen gesellschaftlichen Gruppen.
Das Werk erschien 1954 und gehört zu den klassischen Arbeiten der sozialpsychologischen Vorurteilsforschung.
Klassische Fachliteratur Gordon W. Allport: The Nature of Prejudice. Addison-Wesley, Cambridge, Massachusetts, 1954.
Was Kapitel 12 des Buches untersucht
Kapitel 12 betrachtet Vorurteile insbesondere als mögliche Anschlussstellen für vereinfachende politische Kommunikation.
Das Kapitel beschreibt mehrere miteinander verbundene Prozesse:
- Generalisierung von Eigenschaften einzelner Personen auf ganze Gruppen,
- Vereinfachung komplexer gesellschaftlicher Ursachen,
- emotionale Aufladung von Gruppenzuschreibungen,
- die Konstruktion einer klaren Trennung zwischen „wir“ und „sie“,
- selektive Wahrnehmung von Informationen, die bestehende Erwartungen bestätigen.
Generalisierung prüfen
Ein Einzelfall kann einen Sachverhalt illustrieren, aber er belegt nicht automatisch, dass dieselbe Eigenschaft für eine ganze Gruppe gilt.
Eine wichtige Prüffrage lautet deshalb: Welche empirische Grundlage rechtfertigt die Verallgemeinerung?
Homogenisierung: Aus vielen Einzelnen wird „die Gruppe“
Feindbildkommunikation kann Unterschiede innerhalb einer Gruppe ausblenden.
Aus vielen Personen mit unterschiedlichen Interessen, Eigenschaften und Ansichten entsteht sprachlich eine scheinbar einheitliche Einheit.
Analytisch sollte daher geprüft werden: Wird eine Gruppe so dargestellt, als hätten alle ihre Mitglieder dieselben Absichten oder Eigenschaften?
Von der Gruppe zur Ursache eines Problems
Kapitel 6.3 beschreibt Personalisierung und Feindbildbildung als einen Mechanismus, bei dem komplexe Probleme auf konkrete Personen oder Gruppen zurückgeführt werden.
Die relevante Frage ist nicht, ob Gruppen oder Akteure überhaupt Verantwortung für Entwicklungen tragen können.
Zu prüfen ist vielmehr, ob eine konkrete Verantwortungszuschreibung anhand von Tatsachen und nachvollziehbaren Kausalzusammenhängen belegt ist oder ob sie eine mehrdimensionale Erklärung ersetzt.
Emotionale Aufladung
Gruppenzuschreibungen können mit Angst, Misstrauen, Wut, Verachtung oder anderen Emotionen verbunden sein.
Emotionen machen eine Aussage weder automatisch falsch noch manipulativ.
Für die Analyse ist entscheidend, ob die emotionale Wirkung die inhaltliche Prüfung ergänzt oder an ihre Stelle tritt.
„Wir gegen sie“ ist ein Prüfhinweis, kein automatisches Urteil
Gruppen unterscheiden sich real, und politische Interessen können tatsächlich miteinander in Konflikt stehen.
Die bloße Verwendung von „wir“ und „sie“ reicht deshalb nicht aus, um eine Aussage als populistisch oder als Feindbildkommunikation einzuordnen.
Wichtiger sind zusätzliche Fragen: Wird die Fremdgruppe homogenisiert? Wird sie moralisch pauschal abgewertet? Wird ihr kollektiv Schuld zugeschrieben? Werden Gegenbeispiele ausgeblendet? Wird ihre Legitimität grundsätzlich bestritten?
Vorurteil ist nicht dasselbe wie legitime Kritik
Kritik an konkretem Verhalten, Institutionen, Entscheidungen oder politischen Positionen ist nicht automatisch ein Vorurteil.
Entscheidend ist, ob die Kritik sich auf überprüfbare Handlungen und Argumente bezieht oder ob Eigenschaften pauschal aus einer Gruppenzugehörigkeit abgeleitet werden.
Feindbildbildung und das Sechs-Stufen-Modell
Im Sechs-Stufen-Modell des Buches erscheint Feindbildbildung gemeinsam mit Personalisierung als dritte Stufe.
Das bedeutet nicht, dass jedes Vorurteil automatisch in Feindbildbildung übergeht.
Ebenso bedeutet es nicht, dass jede Kritik an einer Person oder Gruppe bereits ein Feindbild darstellt.
Der Begriff beschreibt im Buch eine stärkere kommunikative Zuspitzung: Eine Person oder Gruppe wird zum vereinfachten negativen Bezugspunkt für komplexere Probleme.
Vorurteil und Feindbild nicht verwechseln
| Prüfebene | Frage |
|---|---|
| Stereotyp | Welche verallgemeinerte Vorstellung über eine Gruppe liegt vor? |
| Vorurteil | Welche wertende oder emotionale Haltung ist mit der Gruppe verbunden? |
| Diskriminierung | Führt die Gruppenzuordnung zu unterschiedlicher Behandlung? |
| Feindbild | Wird die Gruppe als vereinfachter, stark negativer Gegner oder Problemverursacher konstruiert? |
| Politische Kritik | Bezieht sich die Kritik konkret auf überprüfbare Handlungen, Entscheidungen oder Argumente? |
Acht Fragen zur Selbstprüfung
- Generalisierung: Übertrage ich einen Einzelfall auf eine ganze Gruppe?
- Homogenisierung: Behandle ich sehr unterschiedliche Menschen gedanklich als einheitlichen Block?
- Quelle: Worauf beruhen meine Annahmen über die Gruppe?
- Gegenbeispiele: Nehme ich Informationen wahr, die meiner Erwartung widersprechen?
- Emotion: Welche Gefühle prägen meine Einschätzung?
- Kausalität: Ist die zugeschriebene Verantwortung tatsächlich belegt?
- Individualisierung: Würde ich dieselbe Eigenschaft auch dieser konkreten Person zuschreiben, wenn ich ihre Gruppenzugehörigkeit nicht kennen würde?
- Korrigierbarkeit: Welche Information könnte meine Einschätzung verändern?
Quellen und Literatur zu dieser Wissensseite
Buchbezug Mathias Ellmann: Populismus entlarven , insbesondere Kapitel 12, Kapitel 6.3, Kapitel 5, Abschnitt 23.1 und Abschnitt 23.9 der veröffentlichten Fassung des E-Books.
Klassische Vorurteilsforschung Gordon W. Allport: The Nature of Prejudice. Addison-Wesley, 1954.
Psychologische Begriffe American Psychological Association: Stereotype und Discrimination .
Intergruppenbeziehungen Marilynn B. Brewer: The Psychology of Prejudice: Ingroup Love and Outgroup Hate? . Journal of Social Issues, 1999.
Forschungsüberblick Miles Hewstone, Mark Rubin und Hazel Willis: Intergroup Bias . Annual Review of Psychology, 2002.
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