Kurzantwort:
Als pädagogische Orientierung können Klassen vereinbaren, ungeprüfte Geschichten nicht weiterzutragen, Betroffene zu unterstützen und verlässliche Hilfewege zu nutzen. Schule und Erwachsene müssen dafür sichere Bedingungen schaffen.
Bei wiederholter, systematischer Schikane reicht es jedoch nicht, nur an die Zivilcourage einzelner Kinder zu appellieren.
Mobbing ist ein Gruppen- und Schulproblem. Erwachsene müssen die Situation fachlich einschätzen, Betroffene schützen und geeignete Interventionen einleiten.
Gerüchte sind nicht automatisch Mobbing
In Kapitel 9 sammeln Leni und Oskar Merkmale eines Gerüchts (S. 189–190). In ihrer Liste wird aus „vielleicht“ ein „bestimmt“ und aus „einmal“ ein „immer“. Das ist eine literarische Darstellung, keine wissenschaftliche Definition von Gerüchten oder Mobbing.
Die Szene bietet einen Gesprächsanlass dafür, eigene Beobachtung, Vermutung und Weitererzähltes auseinanderzuhalten.
Ein einzelnes Gerücht allein erlaubt noch keine Einordnung als Mobbing. Entscheidend sind auch der Verlauf und ein Machtungleichgewicht.
Das US-amerikanische Behördenportal StopBullying.gov zählt das Verbreiten von Gerüchten zu möglichen Formen sozialen Mobbings. Seine Definition umfasst unerwünschtes aggressives Verhalten, ein tatsächliches oder wahrgenommenes Machtungleichgewicht und Wiederholung oder die Möglichkeit einer Wiederholung. Macht kann etwa aus körperlicher Überlegenheit, sozialem Status oder dem Zugang zu beschämenden Informationen entstehen. Definition und Formen bei StopBullying.gov.
Mobbing ist mehr als ein gewöhnlicher Streit
Die Polizeiliche Kriminalprävention beschreibt Bullying als gezielte, systematische und wiederholte Schikane.
Sie ordnet Mobbing außerdem als Gruppenphänomen ein.
Diese Merkmale helfen, Mobbing von einem wechselseitigen Konflikt zwischen ähnlich handlungsfähigen Kindern zu unterscheiden.
Für die pädagogische Praxis ist diese Unterscheidung wichtig: Ein gegenseitiger Streit zwischen vergleichbar handlungsfähigen Kindern stellt andere Anforderungen als eine länger anhaltende systematische Abwertung innerhalb einer Gruppe.
Offizielle Präventionsinformation Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes.
Gruppendruck entsteht nicht nur durch direkte Befehle
Ein erfundenes Beispiel für direkten Gruppendruck lautet: „Wenn du dazugehören willst, machst du mit.“
Er kann aber auch indirekter entstehen.
Als Beispiel für indirekten Druck kann ein Kind erwarten, bei Widerspruch ausgelacht oder ausgeschlossen zu werden. Im Buch erzählt Benno, dass er manchmal mitlacht, um nicht aufzufallen (Kapitel 17, S. 389–390).
Dann kann die Entscheidung, nicht mitzulachen, eine Nachricht nicht weiterzuleiten oder jemandem beizustehen, Mut verlangen, obwohl niemand einen ausdrücklichen Befehl gegeben hat.
Die Klasse ist nicht nur Kulisse
Bei Mobbing beeinflusst die Gruppe, welches Verhalten Aufmerksamkeit, Zustimmung oder Widerstand erhält.
Das Schulministerium Nordrhein-Westfalen beschreibt Mobbing als systemischen Prozess, zu dem auch Ausgrenzung innerhalb von Klassen und Gleichaltrigengruppen gehört.
Auch die Polizeiliche Kriminalprävention beschreibt einen Mehr-Ebenen-Ansatz, der nicht nur einzelne Beteiligte, sondern auch Schul- und Klassenklima einbezieht.
Offizielle schulische Orientierung Ministerium für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen: Mobbing und Cybermobbing. Hinweise zu Gruppendynamik und Ansprechpersonen.
Wie Mitschülerinnen und Mitschüler unterstützen können
Ein einzelnes Kind muss Mobbing nicht im Alleingang stoppen.
Eine Befragungsstudie von Salmivalli, Voeten und Poskiparta (2011) mit 6.764 Kindern im Alter von 9 bis 11 Jahren fand Zusammenhänge: In Klassen mit mehr Unterstützung für Betroffene wurde weniger Mobbing erfasst; mit mehr Bestärkung der Angreifenden mehr Mobbing. Das belegt keine Ursache-Wirkungs-Beziehung und keine Erfolgsgarantie für das Eingreifen eines einzelnen Kindes. Zur Beobachtungsstudie.
Als mögliche, an die Sicherheit angepasste Beiträge können Kinder abwertende Inhalte nicht weiterleiten, Betroffene diskret unterstützen und vertrauenswürdige Erwachsene informieren. Widerspruch oder Nicht-Mitlachen dürfen keine Mutprobe werden.
Ob und wie sich dadurch die konkrete Situation verändert, müssen die verantwortlichen Erwachsenen prüfen. Ein Klassenappell ersetzt keine schulische Intervention.
Ein Gerücht stoppen heißt nicht, es überall zu wiederholen
Die Buchfrage „Weiß ich, dass es stimmt?“ steht in Kapitel 9 auf S. 190 und in Anhang C auf S. 526. Als eigene Übertragung lässt sie sich im Unterricht nutzen, um über den Unterschied zwischen Wissen und Vermuten zu sprechen.
Die Angabe „irgendwer hat es gesagt“ reicht nicht aus, um die Herkunft einer Geschichte zu prüfen. Belastende Hinweise sollen Kinder trotzdem Erwachsenen melden dürfen, auch wenn sie noch nicht alles wissen.
Die Klärung belastender Vorfälle ist Aufgabe der Erwachsenen; Kinder müssen keine Beweise sammeln oder andere Kinder befragen.
Zur Klärung muss ein Gerücht jedoch nicht vor der ganzen Klasse noch einmal in allen Einzelheiten verbreitet werden.
Ein Klassenrat kann Regeln klären – aber kein Tribunal sein
In Kapitel 15 bespricht die Klasse Regeln für Gerüchte, Grenzen und Hilfeholen (S. 330–331, 337–338). Frau Sommer stellt ausdrücklich klar, dass Erwachsene bei Gefahr helfen müssen. Kapitel 10 zeigt eine andere Form der Unterstützung: Frau Neumann fragt Paul, ob sie mit Frau Sommer sprechen darf, ohne seinen Namen zu nennen; Paul muss nicht vor allen erzählen (S. 204–206).
Die folgende Übertragung betrifft allgemeine Klassenregeln. Sie ist kein Verfahren zur Bearbeitung eines konkreten Mobbingfalls.
Zum Beispiel: Wir verbreiten keine ungeprüften Geschichten. Ein Nein wird ernst genommen. Niemand muss ein persönliches Erlebnis vor der Klasse erzählen. Hilfeholen wird nicht lächerlich gemacht.
Ein Klassenrat sollte jedoch nicht dazu benutzt werden, ein betroffenes Kind vor der Gruppe zum Beweisen, Rechtfertigen oder detaillierten Erzählen zu zwingen.
Die offizielle US-Guidance empfiehlt bei einem Vorfall, zunächst Sicherheit herzustellen, Beteiligte getrennt anzuhören und keine öffentlichen Aussagen oder sofortige Versöhnung zu erzwingen. Das stützt die Schutzgrenze für den Klassenrat; maßgeblich für das konkrete Vorgehen sind die schulischen Schutzkonzepte. StopBullying.gov: Respond to Bullying.
Das betroffene Kind muss die Gruppe nicht selbst überzeugen
Gerade bei Mobbing wäre es problematisch, die Lösung davon abhängig zu machen, dass die betroffene Person besonders überzeugend, mutig oder schlagfertig auftritt.
Ein Kind kann eingeschüchtert, beschämt, erschöpft oder unsicher sein.
Es kann schweigen und trotzdem Unterstützung brauchen.
Es kann auch wünschen, dass eine erwachsene Person bestimmte Schritte übernimmt.
Hilfeholen ist bei Mobbing keine Niederlage
Anhang C unterscheidet Hilfeholen vom Weitertragen eines Gerüchts und verweist bei Bedrohung, Verletzung, Erpressung, Ausgrenzung oder dauerhafter Demütigung ausdrücklich an Erwachsene (S. 526–527). Bei Hinweisen auf Mobbing oder ernsthafte Gefährdung fordert der Anhang Handeln nach den vorgesehenen Schutzverfahren; das Buch ersetzt keine professionelle Intervention (S. 537–538).
Für eine Klasse bedeutet das: Es braucht bekannte Personen und Wege, an die Kinder sich wenden können, wenn etwas nicht allein lösbar ist.
Das Schulministerium Nordrhein-Westfalen nennt als Ansprechpersonen unter anderem Klassen- und Vertrauenslehrkräfte, Schulsozialarbeit, Schulpsychologie und Schulleitung. Für die Praxis sollten Schulen diese Wege bekannt und erreichbar machen. Bleibt Hilfe aus, müssen weitere zuständige Erwachsene einbezogen werden; NRW nennt auch die Schulaufsicht als Anlaufstelle.
Solche Wege sollten nicht erst improvisiert werden, wenn bereits eine schwere Situation entstanden ist.
Erwachsene müssen Mobbing nicht den Kindern zurückgeben
Wenn Erwachsene von möglichem Mobbing erfahren, reicht es nicht, ausschließlich zu sagen: „Klärt das unter euch.“
Die Polizeiliche Kriminalprävention beschreibt Intervention auf Schul-, Klassen- und Individualebene.
StopBullying.gov rät Erwachsenen ausdrücklich davon ab, Mobbing zu ignorieren oder seine Klärung den Kindern allein zu überlassen. Sicherheit und die Unterstützung der Betroffenen haben Vorrang.
Das bedeutet nicht, Kinder aus allen Entscheidungen auszuschließen.
Es bedeutet, Partizipation nicht mit der Delegation von Schutzverantwortung zu verwechseln.
Mobbingprävention gehört zum Schulalltag
Die Kultusministerkonferenz zählt Mobbingprävention und soziales Lernen zu den Themen schulischer Gesundheitsförderung und Prävention.
Auf ihrer Informationsseite wird hervorgehoben, dass Prävention nicht nur aus Einzelaktionen besteht, sondern Teil nachhaltiger Schulentwicklung sein soll.
Offizielle bildungspolitische Empfehlung Kultusministerkonferenz: Gesundheitsförderung und Prävention in der Schule.
Was Studien zu schulischen Programmen zeigen
Eine systematische Übersicht mit Meta-Analyse von Gaffney, Ttofi und Farrington (2021) umfasst 100 Evaluationen schulischer Programme. Sie findet im Mittel weniger Mobbingausübung und weniger Betroffenheit, allerdings mit begrenzten Effekten und erheblichen Unterschieden zwischen Studien. Einbezogen wurden randomisierte und nicht randomisierte Designs; viele Ergebnisse beruhen auf Selbstauskünften. Zur systematischen Übersicht.
Auch die Meta-Analyse von Fraguas und Kollegen (2021) mit 69 randomisierten Studien und insgesamt 111.659 Teilnehmenden findet im Durchschnitt kleine Verringerungen von Mobbing. Untersucht wurden Kinder und Jugendliche im Alter von 4 bis 17 Jahren in verschiedenen Ländern und schulischen Kontexten. Zur Meta-Analyse randomisierter Studien.
Cybermobbing kann die Gruppendynamik erweitern
Abwertung und Ausgrenzung enden nicht automatisch am Schultor.
Messenger, Gruppen-Chats, Bilder und soziale Netzwerke können schulische Dynamiken fortsetzen oder verstärken.
Die Polizeiliche Kriminalprävention weist darauf hin, dass Mobbing auch digital stattfinden kann.
Deshalb sollte eine schulische Reaktion nicht allein danach fragen, ob eine Handlung im Klassenzimmer oder auf dem Schulhof stattgefunden hat.
Nicht jeder Konflikt braucht dieselbe Intervention
Gewöhnliche Konflikte können gemeinsame Klärung, Verhandlung und gegenseitiges Zuhören ermöglichen.
Bei systematischer Schikane und deutlichem Machtungleichgewicht muss dagegen zunächst der Schutz und das Beenden des schädigenden Verhaltens im Vordergrund stehen.
Eine Methode, die bei einem wechselseitigen Streit hilfreich ist, ist deshalb nicht automatisch für jede Mobbingsituation geeignet.
Was kann eine Klasse konkret tun?
| Situation | Mögliche Klassenreaktion | Erwachsenenaufgabe |
|---|---|---|
| Ungeprüftes Gerücht | Nicht weitertragen, Quelle und Wissensstand unterscheiden | Bei belastenden Inhalten geschützte Klärung ermöglichen |
| Abwertender Witz | Nicht mitlachen, Thema wechseln, widersprechen, betroffene Person unterstützen | Abwertung unterbrechen, Betroffene schützen, Verlauf und Gruppendynamik prüfen |
| Gruppendruck | Wenn sicher möglich: Teilnahme verweigern; Unterstützung und Erwachsenenhilfe suchen | Regeln und sichere Ausstiegswege schaffen |
| Wiederholte Ausgrenzung | Betroffene Person nicht allein lassen, Beobachtungen melden | Situation fachlich prüfen und intervenieren |
| Drohung oder Gewalt | Eigene Sicherheit beachten, sofort Hilfe holen | Schutzmaßnahmen und zuständige Verfahren einleiten |
| Digitale Abwertung | Nicht weiterleiten, nicht kommentierend verstärken, Hilfe suchen | Digitale und schulische Dynamik gemeinsam berücksichtigen |
Acht Fragen für eine Klasse
- Quelle: Woher wissen wir, dass eine Geschichte stimmt?
- Weitererzählen: Wird jemand kleiner, wenn wir diese Geschichte verbreiten?
- Gruppendruck: Darf jemand Nein sagen, ohne dafür ausgelacht oder ausgeschlossen zu werden?
- Reaktion: Welche Verhaltensweisen bekommen bei uns Aufmerksamkeit oder Anerkennung?
- Unterstützung: Wie können wir einer betroffenen Person beistehen, ohne für sie zu bestimmen?
- Privatsphäre: Muss ein persönlicher Fall wirklich vor allen besprochen werden?
- Meldeweg: An welche erwachsene Person können wir uns verlässlich wenden?
- Sicherheit: Wann müssen Erwachsene sofort Schutz übernehmen?
Quellen und Literatur zu dieser Wissensseite
Buchbezug Mathias Ellmann: Leni und Oskar und das Rätsel der leisen Stimme , insbesondere Kapitel 9, Kapitel 10, Kapitel 15, Kapitel 17, Kapitel 18, Anhang A und Anhang C der deutschen Fassung; genaue Druckseiten siehe Buchkasten oben.
Offizielle Präventionsinformation Polizeiliche Kriminalprävention: Gewalt an Schulen .
Offizielle Präventionsinformation Polizeiliche Kriminalprävention: Mobbing – Systematische Schikane .
Offizielle schulische Orientierung Ministerium für Schule und Bildung NRW: Mobbing und Cybermobbing .
Offizielle bildungspolitische Empfehlung Kultusministerkonferenz: Gesundheitsförderung und Prävention in der Schule .
Systematischer Review mit Meta-Analyse Gaffney, H., Ttofi, M. M. & Farrington, D. P. (2021): Effectiveness of school-based programs to reduce bullying perpetration and victimization. Campbell Systematic Reviews, 17, e1143. DOI: 10.1002/cl2.1143.
Meta-Analyse randomisierter Studien Fraguas, D. et al. (2021): Assessment of School Anti-Bullying Interventions. JAMA Pediatrics, 175, 44–55. DOI: 10.1001/jamapediatrics.2020.3541.
Beobachtungsstudie Salmivalli, C., Voeten, M. & Poskiparta, E. (2011): Bystanders Matter. Journal of Clinical Child & Adolescent Psychology, 40, 668–676. DOI: 10.1080/15374416.2011.597090.
Offizielle US-Präventionsinformation StopBullying.gov: What Is Bullying und Respond to Bullying.
Als Nächstes: Mit dem Buch arbeiten – und Erwachsenenhilfe richtig einordnen
Die letzte Wissensseite zeigt, wie Eltern, Lehrkräfte und andere pädagogische Fachkräfte das Buch als Gesprächsanlass verwenden können, ohne daraus ein Therapie- oder Diagnoseinstrument zu machen, und wann Erwachsene ausdrücklich Schutz übernehmen müssen.