Kurzantwort:
Kapitel 3 von „Populismus entlarven“ verwendet eine kommunikationsbezogene Arbeitsdefinition: Populismus wird dort als spezifische Form politischer Kommunikation und Argumentation untersucht.
Typisch für diese Buchperspektive ist die Gegenüberstellung eines als homogen dargestellten „Volkes“ mit „Eliten“ oder „den Anderen“, verbunden mit Vereinfachung, Emotionalisierung, Personalisierung, Feindbildern und der Abwertung widersprechender Positionen.
Die politikwissenschaftliche Forschung verwendet daneben andere Definitionen. Deshalb wird die Arbeitsdefinition des Buches auf dieser Seite ausdrücklich nicht als einzig mögliche wissenschaftliche Definition dargestellt.
Warum eine Definition notwendig ist
Der Begriff „Populismus“ wird im öffentlichen und wissenschaftlichen Sprachgebrauch unterschiedlich verwendet.
Auch innerhalb der Politikwissenschaft gibt es verschiedene theoretische Zugänge. Deshalb sollte zunächst geklärt werden, welche Definition einer konkreten Analyse zugrunde liegt.
Die Arbeitsdefinition des Buches
Kapitel 3 des Buches betrachtet Populismus vor allem als eine bestimmte Form politischer Kommunikation und Argumentation.
Im Zentrum steht eine vereinfachende Gegenüberstellung: ein als einheitlich dargestelltes „Volk“ auf der einen Seite und „Eliten“ oder „die Anderen“ auf der anderen.
Kapitel 3 nennt insbesondere folgende Kommunikationsmerkmale:
- Vereinfachung komplexer Sachverhalte,
- Personalisierung von Problemen,
- Emotionalisierung statt ausreichender Begründung,
- Konstruktion von Feindbildern,
- Abwertung widersprechender Positionen.
Mudde und Rovira Kaltwasser: ideationaler Ansatz
Cas Mudde und Cristóbal Rovira Kaltwasser verwenden einen anderen theoretischen Zugang.
In ihrem ideationalen Ansatz wird Populismus als dünnzentrierte Ideologie beschrieben. Gesellschaft erscheint dabei als in zwei homogene und gegensätzliche Lager geteilt: das moralisch positiv verstandene Volk und eine negativ verstandene Elite.
Hinzu kommt die Vorstellung, Politik solle Ausdruck eines allgemeinen Volkswillens sein.
Politikwissenschaftliche Fachliteratur Cas Mudde und Cristóbal Rovira Kaltwasser: Populism: A Very Short Introduction. Oxford University Press, 2017.
Jan-Werner Müller: Antipluralismus und exklusiver Vertretungsanspruch
Jan-Werner Müller setzt einen anderen Akzent.
In seinem Ansatz reicht Kritik an Eliten für die Einordnung als Populismus nicht aus. Zentral ist vielmehr ein antipluralistischer Anspruch: Populistische Akteure beanspruchen nach dieser Theorie, allein das eigentliche Volk und dessen wahre Interessen zu vertreten.
Dadurch werden politische Konkurrenten nicht nur als sachlich falsch, sondern als nicht gleichermaßen legitime Vertreter politischer Vielfalt behandelt.
Politische Theorie Jan-Werner Müller: Was ist Populismus?. Suhrkamp, Berlin, 2016.
Nadia Urbinati: Populismus und repräsentative Demokratie
Nadia Urbinati untersucht Populismus besonders im Verhältnis zur repräsentativen Demokratie.
Ihr Ansatz richtet den Blick unter anderem auf die direkte Beziehung zwischen politischer Führung und einem als „richtiges“ oder „gutes“ Volk definierten Teil der Bürgerschaft sowie auf die Rolle politischer Vermittlungsinstanzen.
Politische Theorie Nadia Urbinati: Me the People: How Populism Transforms Democracy. Harvard University Press, Cambridge, 2019.
Die Definitionen sind nicht identisch
| Ansatz | Schwerpunkt |
|---|---|
| Arbeitsdefinition des Buches | Kommunikations- und Argumentationsmuster, Vereinfachung, Emotionalisierung, Feindbilder und Abwertung von Widerspruch. |
| Mudde / Rovira Kaltwasser | Ideationaler Ansatz: Volk, Elite und allgemeiner Volkswille als zentrale Begriffe einer dünnzentrierten Ideologie. |
| Jan-Werner Müller | Antipluralismus und Anspruch auf exklusive moralische Repräsentation des Volkes. |
| Nadia Urbinati | Veränderung repräsentativer Demokratie und Verhältnis zwischen Führung, Volk und politischen Vermittlungsinstanzen. |
Populismus ist nicht dasselbe wie Popularität
Dass eine Forderung populär ist, macht sie nicht allein populistisch.
Ebenso genügt Kritik an Regierungen, Institutionen oder gesellschaftlichen Eliten für sich genommen nicht für eine präzise Einordnung.
Demokratische Auseinandersetzung lebt gerade davon, dass politische Entscheidungen, Institutionen und Macht kritisiert werden können.
Für eine Analyse müssen deshalb Struktur, Begründung und Repräsentationsanspruch der jeweiligen Kommunikation betrachtet werden.
Emotionen sind nicht automatisch Manipulation
Auch Emotionen allein machen eine Aussage nicht populistisch.
Kapitel 3 des Buches betont ausdrücklich, dass Emotionen ein normaler Bestandteil menschlicher Entscheidungsprozesse sind.
Analytisch relevant wird vielmehr, ob Emotionen eingesetzt werden, um Prüfung und Begründung zu verdrängen oder Widerspruch systematisch abzuwehren.
Kritik und populistische Argumentation unterscheiden
| Prüfaspekt | Frage |
|---|---|
| Problemdefinition | Wird ein komplexes Problem nachvollziehbar erklärt oder auf eine einzige Ursache reduziert? |
| Quellen | Sind Tatsachenbehauptungen überprüfbar? |
| Gegenargumente | Werden Einwände inhaltlich geprüft oder pauschal delegitimiert? |
| Gruppenbild | Werden „Volk“, „Elite“ oder andere Gruppen als vollständig einheitlich dargestellt? |
| Repräsentation | Wird behauptet, nur eine Position könne das eigentliche Volk vertreten? |
| Lösung | Werden Alternativen, Nebenwirkungen und Zielkonflikte berücksichtigt? |
Die sechs Stufen sind ein eigenes Analysemodell des Buches
Kapitel 6 entwickelt später sechs Stufen populistischer Dynamik: Problemvereinfachung, Emotionalisierung, Personalisierung und Feindbildbildung, vereinfachte Lösungsvorschläge, Wiederholung und Verstärkung sowie Abschottung gegen Kritik.
Für die Quellenpräzision ist wichtig: Dieses Sechs-Stufen-Modell wird nicht als Modell von Werner Correll bezeichnet.
Abschnitt 23.7 der veröffentlichten EPUB-Ausgabe ordnet Correll als methodischen Hintergrund für die Analyse gestufter Einflussprozesse ein. Das Buch entwickelt daraus jedoch eine eigenständige Systematik für politische Kommunikation.
Methodischer Hintergrund Werner Correll: Motivation und Überzeugung in Führung und Verkauf. Redline Wirtschaft, Heidelberg, 2006.
Eigenständiges Analysemodell des Buches Mathias Ellmann: Populismus entlarven, Kapitel 6 und Abschnitt 23.7 der veröffentlichten EPUB-Ausgabe.
Ein kompakter Begriffscheck
- Definition klären: Nach welchem wissenschaftlichen oder analytischen Populismusbegriff wird gearbeitet?
- Volk-Elite-Struktur prüfen: Wird Gesellschaft in moralisch gegensätzliche, homogene Lager aufgeteilt?
- Pluralismus prüfen: Werden andere politische Positionen als grundsätzlich legitim anerkannt?
- Begründung prüfen: Welche überprüfbaren Gründe und Quellen tragen die Aussagen?
- Komplexität prüfen: Werden Alternativen und mehrere Ursachen berücksichtigt?
- Emotionen einordnen: Unterstützen Emotionen die Kommunikation oder ersetzen sie die argumentative Prüfung?
- Kritikfähigkeit prüfen: Kann eine Position durch neue Informationen oder Gegenargumente korrigiert werden?
Quellen zu dieser Wissensseite
Buchbezug / Arbeitsdefinition Mathias Ellmann: Populismus entlarven , insbesondere Kapitel 3 sowie Abschnitt 23.7 der veröffentlichten EPUB-Ausgabe.
Politikwissenschaft Cas Mudde und Cristóbal Rovira Kaltwasser: Populism: A Very Short Introduction . Oxford University Press, 2017.
Politische Theorie Jan-Werner Müller: Was ist Populismus? . Suhrkamp, 2016.
Politische Theorie Nadia Urbinati: Me the People . Harvard University Press, 2019.
Im Buch systematisch vertiefen
Kapitel 3 klärt den Populismusbegriff. Die folgenden Kapitel untersuchen anschließend psychologische Mechanismen, die sechs Stufen populistischer Dynamik, Wahrnehmung, Wissen, Fehlschlüsse und verantwortliches Handeln.