Kurzantwort:
PrOACT steht für Problem, Objectives beziehungsweise Ziele, Alternatives beziehungsweise Alternativen, Consequences beziehungsweise Konsequenzen und Trade-offs beziehungsweise Abwägungen.
Der Entscheidungsrahmen stammt von John S. Hammond, Ralph L. Keeney und Howard Raiffa. Er stammt nicht von Mathias Ellmann.
Kapitel 16 von „Populismus entlarven“ nutzt den Rahmen für Situationen, in denen Informationen, emotionale Reaktionen oder vorgegebene Deutungen das eigene Urteil beeinflussen können.
PrOACT schreibt keine politische Entscheidung vor. Es strukturiert den Weg zu einem eigenen begründeten Urteil.
PrOACT strukturiert eine Entscheidung
Die Methode soll nicht festlegen, welches Ergebnis gewählt werden muss. Sie macht vielmehr sichtbar, aus welchen Bestandteilen eine schwierige Entscheidung besteht.
Unterschiedliche Menschen können deshalb trotz desselben Entscheidungsrahmens zu verschiedenen Ergebnissen kommen: etwa weil sie andere Ziele gewichten, Folgen unterschiedlich einschätzen oder Risiken verschieden bewerten.
Die Modellquelle: Hammond, Keeney und Raiffa
John S. Hammond, Ralph L. Keeney und Howard Raiffa beschreiben in Smart Choices einen systematischen Ansatz für komplexe Entscheidungen.
Ihre Methode zerlegt Entscheidungen in zentrale Elemente, damit Ziele, Alternativen, Konsequenzen und Trade-offs getrennt untersucht werden können.
Entscheidungstheoretische Modellquelle John S. Hammond, Ralph L. Keeney und Howard Raiffa: Smart Choices: A Practical Guide to Making Better Decisions.
Program on Negotiation at Harvard Law School: Smart Choices
Harvard Business Review: The Hidden Traps in Decision Making
Die fünf Kernschritte von PrOACT
| Schritt | Bedeutung | Leitfrage |
|---|---|---|
| Pr | Problem | Welche Entscheidung muss tatsächlich getroffen werden? |
| O | Objectives / Ziele | Was soll mit der Entscheidung erreicht werden? |
| A | Alternatives / Alternativen | Welche realistischen Handlungsmöglichkeiten bestehen? |
| C | Consequences / Konsequenzen | Welche Folgen haben die jeweiligen Alternativen? |
| T | Trade-offs / Abwägungen | Welche Ziele stehen miteinander in Konflikt? |
Pr – Problem präzise definieren
Bereits die Problemformulierung beeinflusst den weiteren Entscheidungsweg.
Deshalb sollte zunächst geklärt werden: Welche Entscheidung liegt tatsächlich vor? Welche Tatsachen sind bekannt? Welche Teile der Darstellung sind bereits Interpretationen?
O – Objectives: Ziele klären
Eine Entscheidung lässt sich nur bewerten, wenn ihre Ziele sichtbar sind.
Mehrere Ziele können gleichzeitig relevant sein, beispielsweise Sicherheit, Freiheit, Kosten, Fairness oder langfristige Stabilität.
Die Gewichtung dieser Ziele ist nicht durch PrOACT politisch vorgegeben.
A – Alternatives: Alternativen entwickeln
Wer nur eine Handlungsoption betrachtet, kann kaum zwischen Alternativen abwägen.
Deshalb gehört die aktive Entwicklung zusätzlicher Möglichkeiten zum Kern des Entscheidungsprozesses.
C – Consequences: Konsequenzen abwägen
Die möglichen Folgen jeder Alternative sollten möglichst systematisch sichtbar gemacht werden.
Dabei sind unmittelbare und langfristige Folgen, betroffene Personen sowie Unsicherheiten zu berücksichtigen.
T – Trade-offs: Zielkonflikte prüfen
Bei schwierigen Entscheidungen lassen sich häufig nicht alle Ziele gleichzeitig vollständig erreichen.
Trade-offs machen sichtbar, welcher Vorteil mit welchem Nachteil oder Verzicht verbunden ist.
Zielkonflikte sollen damit nicht sprachlich beseitigt, sondern ausdrücklich offengelegt werden.
Die erweiterten Entscheidungselemente
Der Ansatz von Hammond, Keeney und Raiffa betrachtet zusätzlich Unsicherheit, Risikotoleranz und miteinander verknüpfte Entscheidungen.
| Buchabschnitt | Prüfebene | Leitfrage |
|---|---|---|
| 16.6 | Unwägbarkeiten | Was ist unsicher und welche Entwicklungen sind möglich? |
| 16.7 | Risikobereitschaft | Welche Risiken sind akzeptabel? |
| 16.8 | Vorausschauende Entscheidungen | Wie beeinflusst die heutige Entscheidung spätere Handlungsmöglichkeiten? |
Unsicherheit ausdrücklich benennen
Nicht alle Konsequenzen lassen sich sicher prognostizieren.
Eine strukturierte Entscheidung sollte deshalb kenntlich machen, welche Aussagen gut belegt sind, welche auf Annahmen beruhen und welche Entwicklungen unsicher bleiben.
Risikobereitschaft ist eine eigene Dimension
Menschen können dieselben möglichen Folgen ähnlich einschätzen und dennoch verschieden entscheiden, weil sie Risiken unterschiedlich gewichten.
Deshalb gehört die eigene Risikobereitschaft ausdrücklich zur Entscheidungsanalyse.
Folgeentscheidungen mitdenken
Manche Entscheidungen schaffen spätere Möglichkeiten, andere schließen Optionen aus.
Eine vorausschauende Analyse fragt deshalb, wie eine heutige Entscheidung spätere Entscheidungen beeinflusst.
Anwendung unter kommunikativem Einfluss
Kapitel 16 des Buches verwendet PrOACT, um bereits vorstrukturierte Entscheidungsfragen wieder zu öffnen.
Statt unmittelbar auf eine vorgelegte Deutung zu reagieren, können Problem, Ziele, Alternativen, Folgen und Zielkonflikte neu geprüft werden.
PrOACT ist dabei kein Test, der automatisch feststellt, ob eine Aussage populistisch, manipulativ, richtig oder falsch ist.
Robert Levine: Kontext zu Überzeugung und Manipulation
Das Literaturverzeichnis des Buches nennt Robert Levine ergänzend für die psychologische Betrachtung von Überzeugung und Manipulation.
Levine ist nicht der Ursprung des PrOACT-Entscheidungsrahmens.
Psychologischer Kontext Robert Levine: The Power of Persuasion: How We're Bought and Sold.
Quellenebenen auseinanderhalten
| Quelle | Funktion |
|---|---|
| Hammond / Keeney / Raiffa | Entscheidungstheoretische Grundlage des PrOACT-Rahmens. |
| Robert Levine | Ergänzender psychologischer Kontext zu Beeinflussung und Manipulation. |
| Mathias Ellmann | Übertragung und Aufbereitung für Entscheidungen unter kommunikativem Einfluss. |
PrOACT prüft den Entscheidungsprozess
Ein strukturierter Prozess garantiert nicht, dass jede Entscheidung später unter allen Umständen richtig sein wird.
Informationen können unvollständig sein, Prognosen können sich ändern und Ziele können unterschiedlich gewichtet werden.
Der Nutzen des Verfahrens liegt darin, diese Bestandteile sichtbar und damit überprüfbar zu machen.
Acht Schritte für eine kompakte Prüfung
- Problem: Welche Entscheidung liegt tatsächlich vor?
- Ziele: Was soll erreicht oder geschützt werden?
- Alternativen: Welche realistischen Möglichkeiten bestehen?
- Konsequenzen: Welche Folgen haben die Alternativen?
- Trade-offs: Welche Ziele stehen miteinander in Konflikt?
- Unsicherheit: Welche Entwicklungen sind nicht sicher vorhersehbar?
- Risiko: Welche Risiken sind mit den Optionen verbunden?
- Folgeentscheidungen: Welche späteren Möglichkeiten werden eröffnet oder eingeschränkt?
Abschnitt 23.3 und 23.4
Abschnitt 23.3 der veröffentlichten Fassung des E-Books enthält die PROACT-Kurzübersicht.
Abschnitt 23.4 ergänzt erweiterte Prüffragen zu Unsicherheit, Risiken und langfristigen Folgen.
Die Checklisten sind Orientierungshilfen. Sie ersetzen bei komplexen Entscheidungen keine ausführliche Informationsbeschaffung oder fachliche Analyse.
Quellen und Literatur zu dieser Wissensseite
Buchbezug Mathias Ellmann: Populismus entlarven , insbesondere Kapitel 16 sowie Abschnitt 23.3, 23.4 und 23.11 der veröffentlichten Fassung des E-Books.
Entscheidungstheoretische Modellquelle John S. Hammond, Ralph L. Keeney und Howard Raiffa: Smart Choices: A Practical Guide to Making Better Decisions .
Entscheidungsfehler Hammond, Keeney und Raiffa: The Hidden Traps in Decision Making . Harvard Business Review.
Beeinflussung Robert Levine: The Power of Persuasion .
Als Nächstes: argumentieren ohne Eskalation
Die nächste Wissensseite verbindet Kapitel 18 und 19: öffentliche Ansprache, sachliches Argumentieren, Grenzen setzen und gerechte Selbstbehauptung.