Kurzantwort:
Kapitel 7 von „Populismus entlarven“ behandelt Aufmerksamkeit als begrenzte Ressource. Kapitel 8 untersucht Konflikt als möglichen Verstärker öffentlicher Kommunikation.
Wiederholung verbindet beide Ebenen: Häufig wahrgenommene Aussagen können vertrauter wirken, während emotional oder konflikthaft formulierte Inhalte unter bestimmten Bedingungen besonders viel Aufmerksamkeit und Engagement erhalten können.
Entscheidend bleibt deshalb die Trennung zwischen Sichtbarkeit, Vertrautheit und Wahrheitsgehalt.
Aufmerksamkeit ist begrenzt
Menschen können nicht jede verfügbare Information gleichzeitig wahrnehmen und vollständig verarbeiten. Auswahl ist deshalb unvermeidbar.
Kapitel 7 betrachtet Aufmerksamkeit als zentrale Ressource moderner Informationsumgebungen. Die Frage lautet daher nicht nur, welche Information vorhanden ist, sondern auch, welche überhaupt wahrgenommen wird.
Aufmerksamkeit und digitale Medien
Forschung zu sozialen Medien untersucht, wie moralisch und emotional ansprechende Inhalte Aufmerksamkeit und Engagement beeinflussen können.
Ein Forschungsüberblick von Jay J. Van Bavel und Kollegen beschreibt soziale Medien als Umfeld, in dem moralisch-emotionaler Inhalt verbreitet wird und in dem sowohl Empörung und Intergruppenkonflikt als auch konstruktive soziale Prozesse verstärkt werden können.
Psychologische Fachliteratur Jay J. Van Bavel, Claire E. Robertson, Kareena del Rosario, Jesper Rasmussen und Steve Rathje: Social Media and Morality. Annual Review of Psychology, 2024.
Sichtbarkeit ist kein Wahrheitskriterium
Eine Aussage kann häufig sichtbar sein, ohne besonders gut belegt zu sein. Ebenso kann eine gut belegte Aussage wenig Aufmerksamkeit erhalten.
| Ebene | Frage |
|---|---|
| Aufmerksamkeit | Wie stark wird eine Information wahrgenommen? |
| Vertrautheit | Wie bekannt oder geläufig erscheint die Aussage? |
| Wahrheitsgehalt | Welche überprüfbaren Gründe und Belege tragen sie? |
Wiederholung kann Vertrautheit erhöhen
Kapitel 6.5 und Kapitel 7 behandeln Wiederholung als möglichen Verstärkungsmechanismus.
Psychologische Forschung zum Illusory Truth Effect zeigt, dass wiederholte Informationen unter bestimmten Bedingungen als wahrer eingeschätzt werden können als neue Informationen.
Psychologische Fachliteratur Jessica Udry und Sarah J. Barber: The illusory truth effect: A review of how repetition increases belief in misinformation. Current Opinion in Psychology, 2024.
Wiederholung beweist weder Wahrheit noch Falschheit. Wahre Informationen werden ebenfalls wiederholt. Die Prüffrage lautet deshalb: Überzeugt mich die Begründung oder vor allem die Vertrautheit?
Wiederholung und Weiterverbreitung
Experimentelle Forschung untersuchte außerdem, ob vorherige Wiederholung die Bereitschaft zum Weiterverbreiten von Informationen beeinflussen kann.
In zwei Experimenten wurden wiederholte Aussagen häufiger zum Teilen ausgewählt; der Zusammenhang wurde über eine erhöhte wahrgenommene Genauigkeit vermittelt.
Experimentelle Forschung The illusory truth effect leads to the spread of misinformation, Cognition, 2023.
Konflikt kann Aufmerksamkeit bündeln
Kapitel 8 untersucht Konflikt als möglichen Verstärker öffentlicher Kommunikation.
Unterschiedliche Interessen und Positionen gehören zu demokratischer Auseinandersetzung. Konflikt ist deshalb nicht an sich problematisch.
Analytisch relevant wird, ob ein Konflikt der Klärung einer Sachfrage dient oder ob die Auseinandersetzung selbst zum dominierenden Kommunikationsgegenstand wird.
Fremdgruppenbezug und Engagement
Rathje, Van Bavel und van der Linden untersuchten politische Beiträge auf Facebook und Twitter und fanden in ihren Datensätzen einen starken Zusammenhang zwischen Sprache über politische Fremdgruppen und Online-Engagement.
Empirische Forschung Steve Rathje, Jay J. Van Bavel und Sander van der Linden: Out-group animosity drives engagement on social media. PNAS, 2021.
Empörung kann sozial verstärkt werden
Brady und Kollegen untersuchten, wie soziale Rückmeldungen in Online-Netzwerken spätere Empörungsäußerungen beeinflussen können.
In Beobachtungsstudien und Experimenten fanden sie Hinweise darauf, dass positives soziales Feedback auf Empörungsäußerungen die Wahrscheinlichkeit späterer ähnlicher Äußerungen erhöhen kann.
Psychologische Forschung William J. Brady, Killian McLoughlin, Tuan N. Doan und Molly J. Crockett: How social learning amplifies moral outrage expression in online social networks. Science Advances, 2021.
Konflikt ist nicht dasselbe wie Polarisierung
Politischer Konflikt kann sachlich, notwendig und demokratisch produktiv sein.
Polarisierung bezeichnet je nach wissenschaftlicher Definition andere und spezifischere Entwicklungen. Deshalb sollte nicht jede harte Auseinandersetzung automatisch als Polarisierung und nicht jede Polarisierung automatisch als Populismus bezeichnet werden.
Was Aufmerksamkeit nicht beweist
Hohe Reichweite beweist keine Wahrheit. Geringe Reichweite beweist keine Unwichtigkeit. Viele Reaktionen beweisen keine gesellschaftliche Mehrheit. Häufige Wiederholung beweist keine Richtigkeit.
Reichweite, Zustimmung, Reaktion und Wahrheitsgehalt sind unterschiedliche Größen.
Verbindung zum Sechs-Stufen-Modell
Aufmerksamkeit, Wiederholung und Konflikt sind keine zusätzlichen Stufen des Sechs-Stufen-Modells.
Sie vertiefen Mechanismen, die insbesondere mit Emotionalisierung, Feindbildbildung sowie Wiederholung und Verstärkung zusammenhängen können.
Die Systematik des Buches bleibt deshalb: sechs Stufen – nicht sieben, acht oder neun.
Literatur des Buches
Abschnitt 23.7 nennt Werner Correll als psychologischen Hintergrund für Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und zwischenmenschliche Wirkung.
Stephen B. Karpmans Drama-Dreieck wird dort als Hintergrundmodell für eskalierende Rollen- und Konfliktmuster eingeordnet.
Buchliteratur Werner Correll: Menschen durchschauen und richtig behandeln: Psychologie für Beruf und Familie. mvg Verlag, 2015.
Konfliktmodell Stephen B. Karpman: Ein Leben ohne Spiele. Process Training und Consulting, 2016.
Die empirischen Aussagen zu Wiederholung und Social-Media-Engagement werden auf dieser Wissensseite separat mit Fachliteratur belegt.
Acht Fragen für die eigene Prüfung
- Aufmerksamkeit: Warum fällt mir gerade diese Information besonders auf?
- Quelle: Wer verbreitet sie und auf welcher Grundlage?
- Wiederholung: Habe ich die Aussage häufig gehört, ohne ihre Belege erneut zu prüfen?
- Vertrautheit: Verwechsle ich Bekanntheit mit Glaubwürdigkeit?
- Konflikt: Geht es noch um die Sachfrage oder hauptsächlich um die beteiligten Lager?
- Gruppenbezug: Wird Aufmerksamkeit durch ein starkes „Wir gegen sie“ erzeugt?
- Alternativen: Welche weniger zugespitzten Informationen zum selben Thema finde ich?
- Begründung: Welche überprüfbaren Gründe bleiben bestehen, wenn emotionale Zuspitzung und Wiederholung wegfallen?
Quellen und Literatur zu dieser Wissensseite
Buchbezug Mathias Ellmann: Populismus entlarven , insbesondere Kapitel 7 und 8, Kapitel 6.5 sowie Abschnitt 23.7 der veröffentlichten Fassung des E-Books.
Aufmerksamkeit und soziale Medien Jay J. Van Bavel u. a.: Social Media and Morality . Annual Review of Psychology, 2024.
Wiederholung Jessica Udry und Sarah J. Barber: The illusory truth effect . Current Opinion in Psychology, 2024.
Intergruppenkommunikation Steve Rathje, Jay J. Van Bavel und Sander van der Linden: Out-group animosity drives engagement on social media . PNAS, 2021.
Soziale Verstärkung William J. Brady u. a.: How social learning amplifies moral outrage expression in online social networks . Science Advances, 2021.
Als Nächstes: Informationen und Argumente prüfen
Die nächste Wissensseite verbindet Kapitel 9 bis 11: Wahrnehmung und Realität, Glauben und Wissen sowie logische Fehlschlüsse.