Kurzantwort:
Ein Kind kann eine Grenze mit einem einfachen „Nein“ oder „Stopp“ ausdrücken.
Es kann ergänzen, was es nicht möchte, Abstand verlangen, ein Nein wiederholen oder Hilfe holen.
Entscheidend ist nicht, ob das Nein perfekt klingt. Entscheidend ist, dass persönliche Grenzen ernst genommen werden und Erwachsene Verantwortung für Schutz übernehmen. Ein Nein garantiert keine Sicherheit. Bei Machtungleichgewicht, Gewalt oder Gefährdung müssen Erwachsene und Einrichtungen handeln, unabhängig davon, ob ein Kind widerspricht.
Ein Nein ist eine Information über eine Grenze
Kapitel 14 (S. 314) behandelt das Nein nicht als Angriff auf einen anderen Menschen.
Es kann zunächst schlicht anzeigen: Ich möchte das nicht. Hör auf. Das ist meine Grenze.
Ein Nein kann sich auf persönliche Sachen, Nähe, Berührungen, Druck, ein Spiel, eine Mutprobe oder das Weitererzählen einer Geschichte beziehen.
Ein Nein darf leise, kurz oder deutlich sein
Frau Sommer lässt die Kinder in Kapitel 14 verschiedene Formen ausprobieren (S. 290–297). Die folgende Dreierfolge steht in Anhang C, „Übung 3: Nein in drei Stärken“ (S. 534).
Ein Nein kann sehr kurz sein: „Nein.“
Es kann genauer werden: „Nein, ich möchte das nicht.“
Und es kann deutlich zum Aufhören auffordern: „Nein. Hör auf.“
Nicht jede Situation braucht denselben Satz.
Ein klares Nein braucht nicht immer ein „Bitte“
Höflichkeit kann hilfreich sein. Sie ist aber nicht die Voraussetzung dafür, eine Grenze ausdrücken zu dürfen.
Kapitel 14 (S. 293) zeigt sowohl Formulierungen mit „bitte“ als auch direkte Sätze wie: „Nein. Stell dich hinten an.“
Entscheidend ist, dass Klarheit nicht unnötig in Beschämung, Beleidigung oder Drohung umschlägt.
Ein Nein darf wiederholt werden
In Kapitel 14 hält Mila an ihrem Nein fest, als ältere Kinder ihren Ball verlangen (S. 299–302).
Die Erzählung beschreibt: Schwieriger kann das zweite oder dritte Nein werden, nachdem jemand sagt: „Nur kurz.“ „Stell dich nicht so an.“ oder „Du bist kleinlich.“
Das Buch zeigt deshalb: Ein Nein darf bleiben, ohne immer lauter oder aggressiver werden zu müssen.
Wiederholen kann heißen: „Nein. Ich möchte das nicht.“ oder einfach erneut: „Nein.“
Eine echte Frage erlaubt ein Nein
Kapitel 17 (S. 382–383) formuliert einen wichtigen Maßstab: Eine echte Frage lässt die Möglichkeit offen, dass die andere Person ablehnt.
Eine Frage kann dagegen Druck enthalten, wenn sie so formuliert ist, dass ein Nein sofort lächerlich gemacht, bestraft oder moralisch abgewertet wird.
Das bedeutet nicht, dass jede Bitte folgenlos abgelehnt werden kann.
Für persönliche Entscheidungen und freiwillige Situationen ist die Möglichkeit, tatsächlich Nein zu sagen, aber ein wichtiger Unterschied zwischen Frage und Druck.
Auch nach einem Ja kann sich eine Grenze ändern
Kapitel 14 (S. 312–313) lässt die Kinder auch darüber nachdenken, dass eine Meinung oder persönliche Grenze sich verändern kann.
Gerade bei Nähe, Berührung, Spielen, Gesprächen oder persönlichen Dingen bedeutet ein früheres Ja nicht, dass ein Kind für immer zustimmen muss.
Ein Kind kann merken: „Ich möchte das jetzt doch nicht.“
Nicht jedes Nein kann von Erwachsenen gleich behandelt werden
Kapitel 14 (S. 288) nennt selbst Fürsorgesituationen, in denen ein Nein nicht einfach das Ende der Entscheidung bedeutet.
Erwachsene tragen Fürsorge- und Schutzverantwortung.
Ein Kind kann zum Beispiel Nein zum Anschnallen sagen, ohne dass Erwachsene deshalb jede Verantwortung abgeben können.
Das bedeutet aber nicht, dass das Nein bedeutungslos wird.
Erwachsene können erklären, zuhören, Ängste ernst nehmen und eine notwendige Maßnahme so respektvoll und schonend wie möglich gestalten.
Was Forschung zu Präventionsprogrammen zeigt
Der Cochrane-Review von Walsh und Kolleginnen und Kollegen (2015) umfasst 24 Studien mit 5.802 Kindern zu schulischen Programmen gegen sexuellen Missbrauch. Er fand Verbesserungen im Präventionswissen und in überprüften Schutzfertigkeiten. Für diese Fertigkeiten beruht die zusammengefasste Auswertung allerdings nur auf zwei Studien mit 102 Kindern; untersucht wurden Testsituationen. Die Evidenz wurde wegen methodischer Unsicherheiten als moderat bewertet. Ob die Programme tatsächlichen sexuellen Missbrauch verringern, beantwortet dieser Review nicht.
Auch die deutsche IGEL-Studie von Czerwinski und Kolleginnen (2018) mit 291 Kindern der dritten Klasse fand bis drei Monate nach dem Programm mehr Wissen und mehr bekannte Handlungsmöglichkeiten als in der Vergleichsgruppe. Die Schulen waren nicht zufällig zugeteilt. Die Ergebnisse betreffen ein mehrteiliges Präventionsprogramm, nicht die isolierte Wirkung eines Nein-Satzes.
Systematischer Review und Meta-Analyse Walsh, K., Zwi, K., Woolfenden, S. & Shlonsky, A. (2015): School-based education programmes for the prevention of child sexual abuse.
Peer-reviewte Primärstudie Czerwinski, F., Finne, E., Alfes, J. & Kolip, P. (2018): Evaluation des deutschen IGEL-Programms.
Körperliche Selbstbestimmung ist ein zentrales Präventionsthema
Die Polizeiliche Kriminalprävention vermittelt Kindern ausdrücklich, dass ihr Körper ihnen gehört und dass sie unangenehme Berührungen ablehnen dürfen.
Sie betont außerdem, dass Kinder Nein sagen und sich Hilfe holen dürfen, wenn es zu schwer ist, sich allein zu wehren.
Offizielle Präventionsinformation Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes.
Grenzen achten ist Aufgabe des Umfelds, nicht nur des Kindes
Auch die Unabhängige Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch betont in ihren Informationen zur präventiven Erziehung, dass Kinder Alltagserfahrungen brauchen, in denen persönliche Grenzen geachtet werden.
Dazu gehört, Kinder in körperlicher Selbstbestimmung und Selbstständigkeit zu stärken und Beziehungen respektvoll und gewaltfrei zu gestalten.
Die Fachinformation beschreibt dies als Bestandteil präventiver Erziehung. Sie betont zugleich, dass damit kein absoluter Schutz garantiert ist.
Offizielle Fachinformation Unabhängige Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen: Präventive Erziehung.
Wenn kein Nein kommt, ist das Kind nicht verantwortlich
Auch wenn ein Kind schweigt, zögert oder keinen passenden Satz findet, bleibt es vor Grenzverletzungen zu schützen.
Ein fehlendes, zu leises oder verspätetes Nein macht eine Grenzverletzung nicht zur Verantwortung des betroffenen Kindes.
Erwachsene sollten deshalb nicht fragen, warum ein Kind nicht früher, deutlicher oder lauter widersprochen hat, als wäre dadurch das Verhalten des anderen verursacht worden.
Offizielle Handlungsempfehlung Polizeiliche Kriminalprävention: Bei Verdacht auf sexuellen Missbrauch sollen Schilderungen ernst genommen und Schuldzuweisungen vermieden werden.
Nein sagen und Hilfe holen gehören zusammen
Ein Nein muss nicht die gesamte Situation lösen.
Wenn jemand ein Nein ignoriert, weiter Druck ausübt, droht oder eine Situation unsicher wird, ist Unterstützung durch Erwachsene nötig. Kinder dürfen sich auch ohne vorheriges Nein an eine vertraute erwachsene Person wenden.
In Kapitel 17 (S. 399–400) und Anhang B (S. 515) ist Hilfeholen kein Gegenbegriff zu Selbstbehauptung.
Es kann gerade eine Form verantwortlicher Selbstbehauptung sein.
Bei Mobbing und Machtungleichgewicht dürfen Erwachsene die Lösung nicht dem betroffenen Kind überlassen. Die offizielle US-Handlungsempfehlung von StopBullying.gov fordert Erwachsene auf, einzugreifen, die Beteiligten zu trennen und für Sicherheit zu sorgen. Anhang C des Buches (S. 537–538) verweist bei Gefährdung, Gewalt, Mobbing oder Missbrauch auf Schutzkonzepte und professionelle Intervention.
Offizielle Handlungsempfehlung U.S. Department of Health and Human Services / StopBullying.gov: Respond to Bullying. Die Handlungsempfehlung betrifft schulisches Mobbing; sie ist keine deutsche Rechtsvorgabe.
Grenzen setzen heißt nicht, einen anderen Menschen kontrollieren zu können
Eine eigene Grenze beschreibt zunächst, was für die eigene Person nicht in Ordnung ist.
Ein Kind kann sagen: „Fass mich nicht an.“ „Gib mir meinen Stift zurück.“ oder „Ich möchte Abstand.“
Ein solcher Satz garantiert jedoch nicht, dass ein anderer Mensch vernünftig reagiert.
Deshalb gehören das Beachten von Grenzen, Möglichkeiten für Abstand und verlässliche Unterstützung durch Erwachsene zusammen.
Grenzen anderer müssen ebenfalls zählen
Selbstbehauptung ist keine Einbahnstraße.
Kinder sollen auch lernen, ein Nein anderer zu respektieren. Ihr eigener Anspruch auf Schutz hängt nicht davon ab, ob ihnen das selbst schon zuverlässig gelingt.
Das gilt für persönliche Gegenstände, Spiele, Nähe, Berührungen und andere freiwillige Situationen.
Deshalb verbindet das Kinderbuch Selbstbehauptung mit Fairness und Verantwortung.
Verschiedene Grenzsätze für verschiedene Situationen
Eigene didaktische Zusammenstellung nach Kapitel 13–14 und Anhang B: Die Sätze sind Vorschläge, keine vorgeschriebene Reihenfolge.
| Situation | Möglicher Satz | Worum es geht |
|---|---|---|
| Etwas möchte ich nicht | „Nein.“ | Kurze Grenze |
| Jemand macht weiter | „Nein. Hör auf.“ | Grenze wiederholen und zum Aufhören auffordern |
| Jemand kommt zu nah | „Ich brauche Abstand.“ | Gewünschte Veränderung konkretisieren |
| Eine Sache wird genommen | „Nein. Meine Sachen bleiben bei mir.“ | Eigentumsgrenze benennen |
| Gruppendruck | „Nein. Ich mache da nicht mit.“ | Teilnahme ablehnen |
| Das eigene Nein wird ignoriert | „Ich hole jetzt Hilfe.“ | Verantwortung nicht allein tragen |
Fünf Fragen zu einer Grenze
- Grenze: Was möchte ich gerade nicht?
- Klarheit: Reicht ein kurzes Nein oder möchte ich genauer sagen, was aufhören soll?
- Wiederholung: Möchte ich meine Grenze noch einmal sagen, oder lieber sofort Hilfe suchen?
- Sicherheit: Möchte ich Abstand oder Unterstützung, statt weiterzusprechen?
- Hilfe: Wen kann ich hinzuholen, auch wenn ich noch gar nicht Nein gesagt habe?
Quellen und Literatur zu dieser Wissensseite
Buchbezug Mathias Ellmann: Leni und Oskar und das Rätsel der leisen Stimme , insbesondere Kapitel 3, Kapitel 7, Kapitel 13, Kapitel 14, Kapitel 15, Kapitel 17, Kapitel 18, Anhang A, Anhang B und Anhang C der veröffentlichten Fassung.
Offizielle Präventionsinformation Polizeiliche Kriminalprävention: So stärken Sie Ihre Kinder .
Offizielle Fachinformation Präventive Erziehung zum Schutz vor sexuellem Missbrauch .
Offizielle Handlungsempfehlung Polizeiliche Kriminalprävention: Handeln bei Vermutung und Verdacht .
Systematischer Review und Meta-Analyse Walsh et al. (2015): Schulische Programme zur Prävention sexuellen Missbrauchs.
Peer-reviewte Primärstudie Czerwinski et al. (2018): Evaluation des deutschen IGEL-Programms.
Offizielle Handlungsempfehlung StopBullying.gov: Respond to Bullying.
Weiter mit Helfen und pädagogischer Anwendung
Mit dieser Seite ist der Themenbereich „Klare Worte“ vollständig. Als Nächstes geht es um die Frage, wie Erwachsene und andere Kinder helfen können, ohne die Stimme des betroffenen Kindes zu übernehmen.