Kurzantwort:
Faire Selbstbehauptung verbindet zwei Seiten: die eigene Stimme und den Respekt vor anderen Menschen.
Ein Kind soll seine Grenze nicht aufgeben, um freundlich zu wirken. Es soll aber auch nicht drohen, beschämen oder dominieren, nur um sich durchzusetzen.
Der Weg dazwischen lautet im Buch: klar sprechen, ohne andere kleinzumachen.
Selbstbehauptung ist nicht dasselbe wie Dominanz
Der pädagogische Anhang des Buches trennt Selbstbehauptung ausdrücklich von Dominanz.
Selbstbehauptung bedeutet dort, wahrzunehmen, was geschieht, die eigene Grenze zu erkennen, Gefühle oder Bedürfnisse klar auszudrücken, Nein zu sagen, wenn es nötig ist, und Hilfe zu holen, wenn eine Situation allein nicht bewältigt werden sollte.
Dominanz wird dagegen mit Einschüchterung, Beschämung, Druck, Drohung und dem Versuch verbunden, die eigene Sicht zur einzigen gültigen Sicht zu machen.
Fair sein heißt nicht nachgeben
Fairness wird im Buch nicht als ständiges Nachgeben verstanden.
Ein Kind darf widersprechen, Nein sagen, Abstand verlangen, seine Sachen zurückfordern und benennen, wenn es etwas nicht in Ordnung findet.
Freundlichkeit verlangt nicht, dass eine eigene Grenze aufgegeben werden muss.
Fair sein heißt auch nicht gewinnen
Der andere Gegenpol ist das Denken in Sieg und Niederlage.
Ein Konflikt ist im Buch nicht erst dann erfolgreich gelöst, wenn ein Kind den eigenen Willen vollständig durchgesetzt hat.
Entscheidend kann vielmehr sein, dass eine Grenze verständlich geworden ist, beide Seiten wissen, worum es geht, oder Unterstützung geholt wird, bevor die Situation größer wird.
Die eigene Grenze und die Würde des anderen
Das Buch verbindet Grenzsetzung mit Verantwortung.
Ein Kind darf sagen: Das möchte ich nicht. Es darf aber nicht daraus folgern, dass jedes Mittel zum Durchsetzen dieser Grenze gerechtfertigt wäre.
Deshalb gehören zur fairen Selbstbehauptung zwei Prüfungen:
- Wird meine eigene Grenze ernst genommen?
- Bleibt die Würde der anderen Person soweit möglich gewahrt?
Diese beiden Fragen können miteinander in Spannung geraten. Das Buch löst diese Spannung nicht durch eine starre Formel, sondern durch wiederholtes Beobachten, Fragen, Grenzensetzen und Verantwortungsübernehmen.
Ein klares Nein muss nicht weich klingen
Faire Selbstbehauptung bedeutet nicht, jede Grenze möglichst freundlich oder bittend zu formulieren.
Kapitel 14 unterscheidet leise, klare und deutlichere Nein-Sätze.
Je nach Situation kann ein kurzes „Nein“ oder „Stopp“ angemessener sein als eine lange Erklärung.
Fairness liegt dabei nicht in maximaler Höflichkeit, sondern darin, die eigene Grenze klar zu vertreten, ohne unnötig zu beleidigen oder zu bedrohen.
Gefühle erklären eine Reaktion, aber rechtfertigen nicht alles
Auch starke Gefühle gehören im Buch zur Selbstbehauptung.
Wut kann anzeigen, dass eine Grenze berührt oder verletzt wurde.
Sie gibt einem Kind jedoch nicht automatisch das Recht, einen anderen Menschen zu bedrohen, zu beschämen oder körperlich anzugreifen.
Deshalb verbindet die Geschichte Gefühl, Klarheit und Verantwortung.
Verantwortung bedeutet nicht Selbstbeschuldigung
Für die eigenen Worte Verantwortung zu übernehmen bedeutet nicht, sich für das Verhalten anderer verantwortlich zu machen.
Ein Kind kann seine Grenze klar, ruhig und fair ausdrücken und trotzdem erleben, dass sie nicht respektiert wird.
Daraus folgt nicht, dass das Kind schlecht kommuniziert hat oder die Grenzverletzung selbst verursacht hat.
Assertiveness ist ein verwandter psychologischer Begriff
Ein fachlich verwandter Begriff ist assertiveness.
In der psychologischen Literatur bezeichnet er die angemessene und direkte Äußerung eigener Gedanken, Gefühle oder Bedürfnisse unter gleichzeitiger Berücksichtigung beziehungsweise Achtung anderer.
Psychologische Begriffsquelle American Psychological Association: assertiveness.
Was zeigt Forschung mit Schulkindern?
Eine 2026 veröffentlichte Studie untersuchte drei 45-minütige Einheiten zum Assertiveness-Training mit 102 Kindern der fünften Klassenstufe.
Geübt wurden unter anderem Selbstausdruck, Bitten und das höfliche Ablehnen von Aufforderungen.
In den Vorher-Nachher-Daten zeigten sich anschließend günstigere Werte bei mehreren untersuchten Assertiveness- und psychischen Gesundheitsmaßen.
Die Untersuchung hatte allerdings keine Kontrollgruppe. Deshalb sind keine starken kausalen Schlussfolgerungen möglich.
Fachliteratur Shiota, Fukushima, Hasegawa und Tsuji: Effects of Three Assertion Training Sessions on Schoolchildren's Assertiveness and Mental Health, Behavioral Sciences, 2026.
Vier typische Unterschiede
| Reaktion | Typisches Merkmal | Einordnung im Buch |
|---|---|---|
| Schweigen aus Angst | Die eigene Grenze bleibt unausgesprochen | Kann Schutz sein, kann aber auch die eigene Stimme verschwinden lassen |
| Dominanz | Druck, Beschämung, Einschüchterung oder Drohung | Die eigene Position wird auf Kosten anderer durchgesetzt |
| Manipulation | Tatsachen, Regeln oder Bedeutungen werden verdreht | Klarheit wird durch Verschiebung der Sache erschwert |
| Faire Selbstbehauptung | Grenze, Anliegen oder Nein werden möglichst klar benannt | Eigene Stimme erhalten, ohne andere unnötig kleinzumachen |
Faire Selbstbehauptung kann auch Hilfeholen bedeuten
Selbstbehauptung bedeutet im Buch ausdrücklich nicht, jedes Problem allein lösen zu müssen.
Wenn ein Kind bedroht, verletzt, erpresst, dauerhaft gedemütigt oder anderweitig gefährdet wird, soll nicht von ihm erwartet werden, die Situation lediglich mit einem besonders guten Satz zu lösen.
Dann können Erwachsene, Schutz und professionelle oder institutionelle Hilfe wichtiger sein.
Was können Erwachsene unterstützen?
Erwachsene können Kinder bei fairer Selbstbehauptung unterstützen, indem sie nicht nur fragen, ob ein Kind „mutig genug“ war.
Hilfreicher können Fragen sein wie:
- Was ist passiert?
- Was hast du wahrgenommen?
- Was hast du gefühlt?
- Was hast du gebraucht?
- Welche Grenze war wichtig?
- Möchtest du selbst sprechen oder Unterstützung?
Dadurch wird das Kind weder zum Schweigen noch zum Heldentum gedrängt.
Eine praktische Kurzform
- Hinschauen: Was passiert wirklich?
- Eigene Grenze: Was ist für mich nicht in Ordnung?
- Klarheit: Was möchte ich sagen?
- Fairness: Kann ich klar bleiben, ohne den anderen kleinzumachen?
- Verantwortung: Welche Wirkung kann meine Reaktion haben?
- Hilfe: Muss ich das überhaupt allein lösen?
Quellen und Literatur zu dieser Wissensseite
Buchbezug Mathias Ellmann: Leni und Oskar und das Rätsel der leisen Stimme , insbesondere Kapitel 3, Kapitel 14, Kapitel 15, Kapitel 19, Kapitel 20 sowie Anhang A und Anhang C der veröffentlichten Fassung.
Psychologische Begriffsquelle APA Dictionary of Psychology: assertiveness .
Fachliteratur Shiota et al.: Effects of Three Assertion Training Sessions on Schoolchildren's Assertiveness and Mental Health .
Weiter mit den drei falschen Wegen
Der Grundlagenbereich ist mit dieser Seite vollständig. Als Nächstes geht es um die Flüsterin und die Frage, wann Schweigen schützen kann und wann es die eigene Stimme zu sehr zurücknimmt.