Gerechte Selbstbehauptung bezeichnet die Fähigkeit, eigene Emotionen, Bedürfnisse und Grenzen klar, respektvoll und verantwortungsvoll zum Ausdruck zu bringen – ohne andere zu entwerten und ohne die eigene Würde, Klarheit oder Selbstachtung zu verlieren.
Sie richtet sich nicht gegen Menschen, sondern gegen toxische emotionale Dynamiken, die entstehen, wenn innere Warnsignale ignoriert, bagatellisiert oder unreguliert ausagiert werden.
Zentrale Annahme:
Emotionen sind kein Störfaktor.
Sie sind Informationssignale,
die anzeigen,
dass eine innere Grenze,
ein legitimes Bedürfnis
oder eine Belastungsgrenze
überschritten wurde.
Emotionen werden nicht dadurch toxisch, dass sie auftreten, sondern dadurch, dass sie keinen regulierten Ausdruck finden. Besonders die sieben zentralen Warnemotionen nach H. Braiker: Hilflosigkeit, Angst, Feindseligkeit, Frustration, Zynismus, Verlust der Selbstachtung und Hoffnungslosigkeit entstehen, wenn Selbstbehauptung dauerhaft blockiert ist.
Menschen reagieren auf toxische Emotionen meist automatisch. Die folgenden vier Muster zeigen jeweils, wie sie sich in Sprache, Stimme und Haltung ausdrücken – und warum gerechte Selbstbehauptung eine konstruktive Alternative bietet.
Verbal: Beschwichtigen, Rechtfertigen
Paraverbal: leise, unsicher, zögerlich
Nonverbal: Rückzug, Blickvermeidung
Verbal: Druck, Kontrolle, Befehle
Paraverbal: laut, fordernd, angespannt
Nonverbal: raumeinnehmend, fixierender Blick
Verbal: Ironie, Schuldumkehr
Paraverbal: süffisant, kühl
Nonverbal: Abwenden, Distanziertheit
Verbal: Ich‑Botschaften, klare Grenzen
Paraverbal: ruhig, klar, zentriert
Nonverbal: aufrechte Haltung, Blickkontakt
Verbal: ehrlich, wertschätzend, transparent
Paraverbal: ruhig, achtsam, zugewandt
Nonverbal: offene Gestik, weicher Blickkontakt
Verbal: Ich-Botschaften, Klarheit über eigene Anteile
Paraverbal: bestimmt, aber ruhig und reflektiert
Nonverbal: aufrechte Haltung, zentrierte Körpersprache
Verbal: klare Grenzen, faire Sprache
Paraverbal: deutlich, ruhig, konsequent
Nonverbal: präsente, aber nicht dominante Körpersprache
Kernaussage:
Gerechte Selbstbehauptung ist kein
„freundlicher Kommunikationsstil“, sondern ein
integratives Regulationsmodell für Emotionen,
das Stimme, Wort und Haltung in Einklang bringt,
um Selbstachtung, konstruktive Beziehungen
und stabile Leistung zu ermöglichen.
Hilflosigkeit ist häufig der erste Hinweis darauf, dass eine Situation innerlich als nicht mehr beeinflussbar erlebt wird. Eigene Wahrnehmungen, Bedürfnisse oder Grenzen werden nicht mehr eingebracht – obwohl körperlich weiter Leistung erbracht wird.
Im HYROX-Training oder in der Wettkampfvorbereitung zeigt sich Hilflosigkeit oft leise: Athlet:innen funktionieren weiter, während innerlich Rückzug oder Resignation einsetzen.
In der Vorbereitung werden Trainingsinhalte oder Intensitäten festgelegt, ohne dass deine Tagesform, Verletzungshistorie oder mentale Belastung einbezogen wird. Du ziehst das Training durch – innerlich entsteht jedoch Rückzug und Ohnmacht.
HYROX-Beispiel: Nach einer intensiven Einheit sprichst du ruhig an, dass sich die Belastung mental nicht stimmig anfühlt – ohne Diskussion über Leistung.
HYROX-Beispiel: Du sprichst vor einer Wettkampfsimulation an, dass du ein angepasstes Pacing brauchst, um leistungsfähig zu bleiben.
HYROX-Beispiel: Du machst klar, dass du unter diesen Bedingungen nicht weiter trainierst, ohne dich rechtfertigen oder zurückziehen zu müssen.
Kernaussage:
Gerade im HYROX-Kontext entscheidet gerechte Selbstbehauptung darüber,
ob Athlet:innen leistungsfähig bleiben oder innerlich aussteigen.
Wort, Stimme und Körper müssen dieselbe Botschaft tragen –
besonders unter Belastung.
Angst entsteht dort, wo Unsicherheit anhält und keine verlässliche Klärung möglich erscheint. Während Hilflosigkeit eher passiv ist, geht Angst mit innerer Anspannung und Erwartungsstress einher.
Im HYROX-Kontext zeigt sich Angst häufig nicht als Panik, sondern als ständiges Grübeln, erhöhte Wachsamkeit und das Gefühl, „nicht sicher“ im System zu sein.
Du weißt nicht, wie dein Trainer oder dein Team auf Kritik, Unsicherheit oder Anpassungswünsche reagieren wird. Statt Klarheit entsteht innere Anspannung – du funktionierst weiter, aber unter Druck.
HYROX-Beispiel: Vor einem intensiven Block sprichst du an, dass dich die aktuelle Unsicherheit mental stark belastet.
HYROX-Beispiel: Du bittest vor einer Wettkampfsimulation um klare Absprachen zu Pacing, Pausen oder Abbruchsignalen.
HYROX-Beispiel: Du entscheidest dich bewusst, eine Einheit zu modifizieren oder auszusetzen, statt aus Angst „durchzuziehen“.
Kernaussage:
Angst im HYROX-Kontext ist kein Zeichen von Schwäche,
sondern ein Hinweis auf fehlende Sicherheit.
Gerechte Selbstbehauptung macht diese Sicherheit wieder zugänglich –
ohne Leistungsabfall.
Feindseligkeit entsteht, wenn Angst und Unsicherheit nicht geklärt werden und sich nach außen entladen. Die innere Anspannung sucht ein Ventil – häufig in Form von Ärger, Zynismus oder innerer Abwertung.
Im HYROX-Kontext zeigt sich Feindseligkeit oft subtil: genervte Kommentare, innere Distanz, Gereiztheit gegenüber Trainer:innen, Team oder Mitathlet:innen.
Du fühlst dich im Training unter Druck, wirst korrigiert oder angefeuert, obwohl du innerlich längst am Limit bist. Ärger steigt auf – nicht, weil jemand „schuld“ ist, sondern weil deine Grenzen wiederholt übergangen wurden.
HYROX-Beispiel: Statt genervt zu reagieren, benennst du bewusst deine innere Spannung nach einer harten Einheit.
HYROX-Beispiel: Du unterbrichst eine Einheit kurz, statt im Ärger weiter zu trainieren und zu eskalieren.
HYROX-Beispiel: Du verweigerst eine Eskalation und schützt deine Leistungsfähigkeit langfristig.
Kernaussage:
Feindseligkeit ist kein Gegner,
sondern ein Hinweis auf überschrittene Grenzen.
Gerechte Selbstbehauptung verwandelt Ärger
in Schutz, Klarheit und nachhaltige Leistungsfähigkeit.
Frustration entsteht, wenn wiederholte Anstrengung keine erkennbare Wirkung zeigt. Trotz Einsatz, Training und Anpassung bleibt das Gefühl, nicht voranzukommen oder nicht gesehen zu werden.
Im HYROX-Kontext ist Frustration besonders kritisch: Athlet:innen investieren Zeit, Disziplin und Energie – ohne dass sich Leistung, Anerkennung oder Zusammenarbeit entsprechend entwickeln.
Du trainierst konsequent, hältst dich an Vorgaben und gibst dein Bestes – trotzdem wirst du übergangen, kritisiert oder fühlst dich nicht wertgeschätzt. Motivation kippt in inneren Widerstand.
HYROX-Beispiel: Nach stagnierenden Zeiten sprichst du Frust an, statt innerlich abzuschalten.
HYROX-Beispiel: Du klärst Trainingsziele neu, statt dich im Vergleich mit anderen zu verlieren.
HYROX-Beispiel: Du passt Rahmenbedingungen an, statt dich selbst weiter zu überfordern.
Kernaussage:
Frustration zeigt nicht Schwäche,
sondern eine Diskrepanz zwischen Einsatz und Wirkung.
Gerechte Selbstbehauptung stellt diese Balance wieder her –
ohne Selbstverrat und ohne Kampf.
Zynismus entsteht, wenn Frustration zu lange nicht geklärt wurde. Die Hoffnung auf Veränderung wird innerlich aufgegeben – stattdessen treten Abwertung, Ironie oder innere Distanz.
Im HYROX-Training wirkt Zynismus oft „cool“ oder abgeklärt, ist aber ein klares Warnsignal: Die Verbindung zur eigenen Motivation ist brüchig geworden.
Du kennst die Abläufe, die Trainingslogik und die Versprechen – aber innerlich glaubst du nicht mehr daran. Kommentare werden ironisch, Engagement wirkt mechanisch, Verbindung geht verloren.
HYROX-Beispiel: Du hörst auf, Trainingspläne ins Lächerliche zu ziehen, und sprichst über deine innere Distanz.
HYROX-Beispiel: Du überprüfst ehrlich, ob deine Ziele noch deine eigenen sind.
HYROX-Beispiel: Du passt dein Engagement an, statt innerlich zu sabotieren.
Kernaussage:
Zynismus ist kein Charakterzug,
sondern ein Zeichen innerer Enttäuschung.
Gerechte Selbstbehauptung ersetzt Abwertung
durch Klarheit, Selbstkontakt und Wahlfreiheit.
Der Verlust der Selbstachtung entsteht, wenn wiederholte Grenzverletzungen, Abwertung oder Selbstverleugnung nicht mehr als Ausnahme, sondern als Normalzustand erlebt werden. Der innere Wertmaßstab beginnt zu kippen.
Im HYROX-Kontext zeigt sich dieser Zustand häufig nicht offen, sondern durch stilles Erdulden, Selbstabwertung oder das Gefühl, „nicht gut genug“ zu sein – trotz objektiver Leistungsfähigkeit.
Du trainierst konsequent, erfüllst Erwartungen, hältst Belastung aus – doch innerlich fühlst du dich klein, austauschbar oder nicht ausreichend. Lob erreicht dich kaum, Kritik trifft überproportional.
HYROX-Beispiel: Du akzeptierst abwertende Kommentare nicht mehr still, sondern benennst ihre Wirkung.
HYROX-Beispiel: Du passt Trainings- oder Teamkontexte an, statt dich selbst weiter abzuwerten.
HYROX-Beispiel: Du setzt Bedingungen für Zusammenarbeit, statt dich selbst klein zu machen.
Kernaussage:
Der Verlust der Selbstachtung ist kein persönliches Versagen,
sondern ein Signal wiederholter Grenzverletzung.
Gerechte Selbstbehauptung stellt Würde, Wert und Selbstkontakt wieder her.
Hoffnungslosigkeit entsteht, wenn wiederholte Hilflosigkeit, Angst, Frustration, Zynismus und der Verlust der Selbstachtung nicht mehr korrigiert werden. Die innere Überzeugung lautet dann: „Es wird sich nichts mehr ändern.“
Im HYROX-Kontext ist Hoffnungslosigkeit besonders gefährlich, weil sie sich hinter Disziplin, Härte und Funktionieren verstecken kann. Der Körper macht weiter – der Sinn ist verloren.
Du trainierst weiter, erscheinst zuverlässig, ziehst Wettkämpfe durch – aber innerlich glaubst du nicht mehr an Entwicklung, Sinn oder Veränderung. Ziele wirken leer, Motivation ist nur noch Pflicht.
HYROX-Beispiel: Du hörst auf, „mental tough“ zu spielen, und sprichst offen über innere Erschöpfung.
HYROX-Beispiel: Du reduzierst bewusst Intensität, überprüfst Ziele, holst dir Unterstützung.
HYROX-Beispiel: Du entscheidest dich bewusst für Pause, Neuorientierung oder Ausstieg – ohne Schuldgefühl.
Kernaussage:
Hoffnungslosigkeit ist kein Ende,
sondern ein Wendepunkt.
Gerechte Selbstbehauptung bedeutet hier,
nicht weiter zu kämpfen,
sondern sich selbst ernsthaft zu schützen.
Dieser Text verbindet ein methodisches Modell der gerechten Selbstbehauptung mit psychologischen Erkenntnissen zu toxischen Beziehungs- und Emotionsdynamiken, klassischen Kommunikationstheorien und handlungspsychologischen Grundlagen.
Psychologisches Grundlagenwerk zur Entstehung und Eskalation toxischer Beziehungsdynamiken, beschrieben anhand mehrstufiger emotionaler Prozesse (u. a. Hilflosigkeit, Angst, Feindseligkeit, Frustration, Zynismus, Verlust der Selbstachtung, Hoffnungslosigkeit).
Wegweisende Arbeiten zur Entwicklung der konstruktiven Selbstbehauptung („assertivité“) im Sinne einer verantwortlichen und respektvollen Haltung. Chalvin gilt als zentraler Wegbereiter der modernen Selbstbehauptung.
Einführung und Differenzierung kommunikativer Grundhaltungen: Flucht, Dominanz, Manipulation und Selbstbehauptung – als Basis für gerechte Konfliktlösung.
Das kleine Übungsheft – Geheimnisse der Körpersprache verstehen.Ergänzende Perspektiven auf nonverbale Kommunikation und Körpersprache als Ausdruck innerer Haltungen.
Grundlagen zur Differenzierung verbaler, paraverbaler und nonverbaler Kommunikation – zentral für die Analyse emotionaler Wirkung und kongruenter Selbstbehauptung.
Hinweis zur Einordnung:
Die konkrete Anwendung der gerechten Selbstbehauptung
auf toxische Emotionen und die sieben emotionalen Eskalationsstufen
erfolgt nicht im Buch,
sondern in der vertiefenden Online-Ausarbeitung auf:
gerechte-selbstbehauptung.de – Gerechte Selbstbehauptung bei toxischen Emotionen
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